WM 2026>

Wie ein Torwart aus der Oberliga WM-Schlagzeilen schreibt

Ein unglaubliches Fußball-Märchen

Dass die Stars des FC Bayern oder Borussia Dortmund zur Weltmeisterschaft fliegen, überrascht niemanden. Außergewöhnlich ist es dagegen, dass auch der fünftklassige FC Cosmos Koblenz einen Teilnehmer für das Turnier stellt. Es stellt schon jetzt eine der verrücktesten Geschichten dieser Endrunde dar.
In genau 100 Tagen startet die WM 2026. Neben den großen Favoriten haben sich auch echte Underdogs wie Debütant Curaçao, Kap Verde oder Schottland für das Turnier in Nordamerika qualifiziert.
Dass die Stars des FC Bayern oder Borussia Dortmund zur Weltmeisterschaft fliegen, überrascht niemanden. Außergewöhnlich ist es dagegen, dass auch der fünftklassige FC Cosmos Koblenz einen Teilnehmer für das Turnier stellt. Es stellt schon jetzt eine der verrücktesten Geschichten dieser Endrunde dar.

Josué Duverger spürt, dass sich der Blick auf ihn verändert hat. Spätestens seit dem 15. Mai, als Haitis Verband sein finales 26-köpfiges Aufgebot für die Weltmeisterschaft 2026 bekannt gab. Dass die Aufmerksamkeit allerdings in dieser Wucht über ihn hereinbrechen würde, damit hatte der Torhüter nicht gerechnet. Gleich acht deutsche Medien, darunter auch SPORT1, kamen wenige Tage später zusammen, um mit einem Mann zu sprechen, der sich sonst weit unterhalb der großen öffentlichen Wahrnehmung bewegt und nun schon vor Turnierbeginn dabei ist, eine der ungewöhnlichsten Geschichten dieser WM zu schreiben. 

„Unglaublich“, sagte Duverger über das plötzliche Interesse: „Ich habe nicht erwartet, so sehr im Rampenlicht zu stehen. Ich wusste, dass es so kommen könnte, aber nicht in diesem Ausmaß.“ Der 26-Jährige lebt noch nicht lange in Deutschland, viele der großen Medienhäuser waren ihm zunächst kaum ein Begriff. „Meine Mitspieler kamen zu mir und meinten: Du hast Interviews gegeben“, erzählte er. Erst als ihm bewusst wurde, welche Reichweite hinter den Anfragen steckt, habe er begriffen, was gerade passiert: „Da dachte ich nur: Wahnsinn.“ Ein Wort, das derzeit perfekt zu Duvergers Leben passt.

Denn der Torhüter bewegt sich zwischen völlig verschiedenen Galaxien. Beim FC Cosmos Koblenz steht er in der fünften Liga im Tor, im Sommer wird er als dritter Keeper Haitis zur WM reisen. Für die kleine Karibiknation ist die Qualifikation historisch: Erstmals seit 1974 und zum zweiten Mal überhaupt hat sie wieder eine Endrunde erreicht – trotz wirtschaftlicher Krisen, politischer Instabilität und immer wieder verheerender Naturkatastrophen. Duverger selbst hat seit seinem Debüt im Jahr 2018 sechs Länderspiele absolviert, zuletzt wirkte er beim 3:3 gegen Costa Rica im September des vergangenen Jahres mit. Doch für viele Beobachter steht sein Werdegang exemplarisch für etwas anderes.

Duverger und Haiti treffen auf Brasilien

Es ist eine Geschichte von Beharrlichkeit, die zeigt, dass auch ungewöhnliche Pfade zum Ziel führen können – und dass sich der Glaube an sich selbst auszahlen kann. Noch immer leuchten Duvergers Augen, wenn er über dieses Märchen spricht. „Das ist ein Privileg, Teil der Mannschaft zu sein, die zur WM fährt. Die WM ist die größte Bühne im Fußball und für mich als Oberliga-Spieler da dabei zu sein, ist ganz Besonderes und ich bin überglücklich. Ein Traum wird wahr“, betonte er. Im Alltag heißen seine Gegner Eisbachtaler Sportfreunde, TSV Gau-Odernheim oder FC Emmelshausen-Karbach. Ab dem 14. Juni 2026 werden es Schottland, Marokko und Brasilien sein.

„Ich habe eine fantastische Familie, die mich immer unterstützt hat“, sagte Duverger weiter: „Dass man es aus der fünften Liga zu einer WM schaffen kann, ist vielleicht auch eine Botschaft für andere. Es zeigt, dass vieles möglich ist, wenn die Einstellung und die Disziplin stimmen.“ In vielen seiner Abläufe ist der moderne Fußball professionalisiert und bis ins Detail durchorganisiert. Duvergers Werdegang wirkt da wie ein Kontrast – der sich auch innerhalb der eigenen Nationalmannschaft fortsetzt. Zwei seiner Teamkollegen verdienen ihr Geld in der Premier League: Wilson Isidor steht beim AFC Sunderland unter Vertrag und Jean-Ricner Bellegarde spielt bei den Wolverhampton Wanderers.

Umso verrückter fühlte sich seine Nominierung für die Mitspieler in Koblenz an. „Wir sind zusammengekommen und alle haben mir gratuliert“, berichtete der Torwart mit einem breiten Grinsen: „Einige meiner Teamkollegen waren fast noch glücklicher und aufgeregter als ich. Diesen Moment mit ihnen teilen zu können, war einfach unglaublich schön.“ Im Verein beschreiben ihn viele als auffallend geerdet, unter anderem Cosmos-Präsident Remo Rashica: „Josué ist ein großartiger Mensch. Ich habe selten jemanden erlebt, der so professionell arbeitet. Er hat kein Ego, bei ihm gibt es keine Ich-AG. Für ihn steht immer die Mannschaft im Mittelpunkt.“

So kam Duverger nach Deutschland

Womöglich liegt das daran, dass schon Duvergers Weg alles andere als gewöhnlich verlief. Als Sohn haitianischer Eltern wurde er in Kanada geboren und wuchs dort auf, ehe er als 14-Jähriger den Schritt nach Europa wagte, um seinen Traum vom Fußballprofi zu verfolgen. Zeitweise probierte er es im Nachwuchs von Sporting Lissabon, zuletzt stand er in der dritten portugiesischen Liga zwischen den Pfosten. Mitte 2024 wechselte er dann zum FC Cosmos. Auf das Projekt aufmerksam gemacht hatte ihn ein Freund. Heute lebt Duverger mit seiner Partnerin und seinem Kind in Rheinland-Pfalz und hat sich dort längst eingelebt. Deutschland, bekräftigte er, habe sich einen festen Platz in seinem Herzen erobert.

Dass seine Zukunft aber dauerhaft in Koblenz liegen wird, glaubt kaum jemand. Für Rashica steht fest, dass Duverger sportlich längst für höhere Aufgaben bereit ist. „Josué ist viel zu gut für diese Liga“, so der Vereinschef: „Er kann auf deutlich höherem Niveau spielen und ist ein absoluter Spitzentorwart. Wir werden ihn unterstützen, den nächsten Schritt zu machen. Das hat er sich verdient.“ Cosmos wolle ihn dabei ausdrücklich unterstützen, dem Verein lägen bereits Anfragen aus dem Ausland vor. Besonders beeindruckt zeigt sich Rashica indes von Duvergers Qualitäten als Elfmeterkiller. 

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Duverger will Edersons Trikot haben

„Seit Josué bei uns ist, hat er von zwölf Elfmetern zehn oder elf pariert“, sagte Rashica und schickte Haitis Nationaltrainer Sébastien Migné eine Empfehlung hinterher: Sollte es bei der WM ins Elfmeterschießen gehen, müsse sein Spieler ins Tor. Ohnehin glaubt der Präsident, dass Duverger „bald Haitis Nummer eins“ sein werde. Noch ist er davon allerdings ein Stück entfernt, wie der WM-Fahrer weiß selbst: In der Hierarchie stehen Kapitän Johny Placide (Bastia) und Alexandre Pierre (Sochaux) vor ihm. Und warum er bei Strafstößen so stark ist? Duverger konnte sich das Lächeln wieder nicht verkneifen und antwortete nur: „Mein Geheimnis bleibt mein Geheimnis.“ 

Damit es zu einem Elfmeterschießen kommt, müsste Haiti zunächst die Gruppe mit Brasilien, Marokko und Schottland überstehen. Hoffnungslos? „Wir haben Chancen. Natürlich sind das starke Nationen, aber es ist Fußball“, entgegnete Duverger, dessen Nominierung ganz nebenbei für einen Geldsegen sorgt. Über die FIFA-Abstellungsprämie fließt eine sechsstellige Summe nach Koblenz. Auch persönlich setzt sich der Torhüter ein kleines Ziel und würde gerne das Trikot von Brasiliens Ederson ergattern: „Er ist Linksfuß wie ich, ich habe ihn oft beobachtet. Unser Spiel ähnelt sich, er ist ein Vorbild.“ Dieser Traum dürfte schon realistischer sein.