Wolfgang Overath gehört zu den größten Fußballern der deutschen Geschichte. Der Weltmeister von 1974 nahm sich in seiner Geburtsstadt Siegburg Zeit für ein SPORT1-Interview.
WM 2026: "Deutschland hat die Qualität, Weltmeister zu werden"
El Mala? „Würde alles daran setzen“
Vor dem WM-Auftakt der deutschen Nationalmannschaft am Sonntag gegen Curacao (19 Uhr im LIVETICKER) spricht die 82 Jahre alte Legende des 1. FC Köln über die Chancen der DFB-Elf, Bundestrainer Julian Nagelsmann und über Kölns Ausnahmetalent Said El Mala, das von Nagelsmann nicht für das Turnier nominiert wurde.
SPORT1: Herr Overath, hat Deutschland eigentlich noch eine richtige Fußballseele?
Wolfgang Overath: Ja. Die Deutschen sind fußballbegeistert. Und der deutsche Fußball hat noch seine Seele. Wenn es auch Nackenschläge gibt – die gibt es überall im Leben, in jeder Sportart. Aber die Deutschen haben eine Mentalität, die sie zum Fußball bringt und auch dabei bleiben lässt, wenn es einmal weniger gut läuft. Das gehört dazu.
SPORT1: Deutschland werden immer wieder verlorene Tugenden vorgeworfen – weniger Leidenschaft, weniger Wille, weniger Mannschaftsgeist.
Overath: Das glaube ich nicht. Solche Phasen gibt es immer. Aber wenn man das große Ganze betrachtet, hat Deutschland international nie den Anschluss verloren. Bei jedem Turnier hieß es: Die Deutschen gehören zu den Favoriten. Dafür braucht man gute Spieler und die richtige Einstellung. Beides haben wir auch heute.
SPORT1: Sie waren bei drei Weltmeisterschaften dabei und haben alle Spiele mitgemacht, in denen Deutschland nicht unbedingt die beste Mannschaft, am Ende aber trotzdem erfolgreich war. Gibt es diesen deutschen Turniercharakter noch immer?
Overath: Den gibt es mit Sicherheit. Aber ich würde nicht sagen, dass wir damals nicht immer die beste Mannschaft waren. Natürlich gab es einzelne Spiele, in denen vielleicht die Holländer einmal besser waren oder andere Mannschaften stärker gewirkt haben. Aber über ein ganzes Turnier hinweg haben wir schon immer zu den besten Mannschaften gehört. Wir haben damals bei der WM 1974 in Düsseldorf gegen Schweden überragend gespielt, auch gegen Jugoslawien. In Mexiko gegen Italien auch. Wir gehörten von der Qualität her immer zur Weltspitze. Dass es manchmal Brasilien, Italien oder andere Mannschaften gab, die ebenfalls außergewöhnlich stark waren, gehört zum Fußball dazu.
Overaths harter Weg: Fußballprofi in der Nachkriegszeit
SPORT1: Sie haben im Vorgespräch gesagt, dass man die Generationen nicht vergleichen kann. Warum?
Overath: Weil die Lebenswirklichkeit damals eine völlig andere war. Ich komme aus einer Familie mit acht Kindern und war der Jüngste. Mein Vater schickte meinen ältesten Bruder aufs Gymnasium. Das kostete ihn damals jeden Monat zehn Mark. Mein Bruder machte Abitur und wollte Medizin studieren, wurde dann aber nach Russland eingezogen und kam nicht mehr zurück. Danach kamen weitere Kinder hinzu, und mein Vater hatte kaum noch finanzielle Mittel. Trotzdem sagte er zu mir: „Du musst Abitur machen.“ Das war seine Vorstellung von einer besseren Zukunft. Wir waren keine wohlhabende Familie. Zur Schule musste ich drei Kilometer laufen.
SPORT1: Und dann wollten Sie Fußballprofi werden.
Overath: Ja. Kurz vor dem Abitur kam der 1. FC Köln auf mich zu. Ich war Jugendnationalspieler, hatte in Wembley gespielt und der FC war mein Verein. Dann musste ich meinem Vater sagen: „Pass auf, ich will Profifußballer werden.“ Das hat ihn zutiefst getroffen. Man muss sich vorstellen, was das für ihn bedeutete. Er hatte alles geopfert, um mir diese Chance zu geben. Mein Vater hatte den Ersten und den Zweiten Weltkrieg durchlebt. Für ihn war Bildung die einzige Sicherheit im Leben. Und kurz vor dem Ziel sagte ich ihm, dass ich einen anderen Weg gehen wollte.
SPORT1: Hat er Ihre Entscheidung später verstanden?
Overath: Ja. Ich habe beim FC unterschrieben, war ein Jahr gesperrt (weil er vom Amateurverein zu einem Profiklub wechselte; Anm. d. Red.), habe nur trainiert und dann begann die Bundesliga. Wir wurden Deutscher Meister, ich wurde Nationalspieler und habe mit 19 Jahren mein erstes Haus gebaut. Immobilien waren neben dem Fußball immer ein großes Thema für mich. Nach drei oder vier Jahren habe ich meinen Vater mitgenommen und ihm gezeigt, was ich aufgebaut hatte. Da hatte ich bereits einige Häuser. Als er das gesehen hat, kamen ihm die Tränen. Das sind Momente, die vergisst man nie.
SPORT1: Hat Sie diese Zeit bis heute geprägt?
Overath: Natürlich. Ich habe meine Eltern über alles geliebt. Aber mein Ziel war immer, unabhängig zu werden. Meine Eltern waren nie unabhängig. Wenn eine Rechnung über hundert Mark ins Haus kam, hatten sie vier Wochen Stress und wussten nicht, wie sie das bezahlen sollten. Wer so aufwächst, vergisst das nie. Deshalb sehe ich viele Dinge heute vielleicht anders als jüngere Menschen. Das ist keine Kritik. Es ist einfach eine andere Realität.
Nationalmannschaft: Wer sind die Führungsspieler?
SPORT1: Julian Nagelsmann gilt als einer der modernsten Trainer Europas. Was halten Sie von ihm?
Overath: Jeder Trainer wird am Erfolg gemessen. Immer. Ob im Verein oder in der Nationalmannschaft. Aber ich glaube, dass Nagelsmann einen sehr guten Zugang zu jungen Spielern hat. Er wirkt fachlich sehr kompetent und ich traue ihm zu, mit dieser Mannschaft viel zu erreichen.
SPORT1: Wie haben Sie die Diskussion um Manuel Neuer verfolgt?
Overath: Neuer ist für mich einer der größten Torhüter überhaupt. Über viele Jahre war er weltweit ohne Konkurrenz. Wie die Gespräche intern gelaufen sind, weiß ich nicht. Vielleicht hat man lange miteinander gesprochen. Vielleicht ist die endgültige Entscheidung erst spät gefallen. Natürlich wäre es schöner gewesen, wenn früher Klarheit geherrscht hätte. Aber am Ende wird auch diese Entscheidung am Erfolg gemessen werden.
SPORT1: Wer ist heute der Chef in der Nationalmannschaft? Ist Joshua Kimmich der Anführer dieser Mannschaft?
Overath: Kimmich ist ein hervorragender Spieler. Aber Chef einer Mannschaft zu sein bedeutet mehr, als nur gut Fußball zu spielen. Natürlich hat er diese Rolle und der Trainer traut sie ihm auch zu. Ob jemand wirklich der Chef einer Mannschaft ist, kann man von außen allerdings schwer beurteilen. Das können am besten der Trainer und die Mitspieler beantworten.
SPORT1: Sie waren Spielmacher in einer Zeit, in der vieles über Persönlichkeiten organisiert wurde. Vermissen Sie solche Typen heute?
Overath: Der Fußball hat sich komplett verändert. Den klassischen Zehner gibt es praktisch nicht mehr. Früher drehte sich vieles um einen Spielmacher. Heute ist das Spiel dynamischer geworden. Die Spieler müssen viel flexibler sein.
SPORT1: Wer kommt einem klassischen Regisseur heute noch am nächsten?
Overath: Vielleicht Musiala und Wirtz. Beide sind außergewöhnliche Fußballer. Wirklich überragend. Aber sie spielen in einem ganz anderen System als wir damals. Heute gibt es kaum noch jemanden, der das Spiel beruhigt und versucht, alles an sich zu ziehen. Diese Rolle hat sich verändert.
Weltmeister von 1974: „Gehörten immer zur Weltspitze“
SPORT1: Viele Talente werden heute sehr früh zu Stars erklärt. Wird Talent manchmal mit Reife verwechselt?
Overath: Das kann passieren. Früher musste ein 19-Jähriger oft mehrere Jahre warten, bis er überhaupt eine Chance in der Bundesliga bekam. Heute sucht man schon bei 16- oder 17-Jährigen nach den größten Talenten. Die Entwicklung ist schneller geworden. Aber junge Spieler brauchen trotzdem Zeit.
SPORT1: Sie haben sich mehrfach sehr positiv über Said El Mala geäußert. Warum?
Overath: Weil er Eigenschaften besitzt, die man nicht oft sieht. Er ist schnell, technisch stark, hat einen guten Körper und einen guten Schuss. Vor allem aber macht er Dinge, die andere Spieler nicht machen. Das kann man nicht trainieren. Wenn man sieht, wie er über 60 oder 70 Meter mit Ball am Fuß davonläuft und trotzdem noch den Abschluss findet, dann merkt man sofort, dass da etwas Besonderes vorhanden ist. Ich habe schon früh gesagt, dass er ein außergewöhnliches Talent ist.
El Mala? „Würde all daransetzen, ihn zu halten“
SPORT1: Nach dem Ausfall von Lennart Karl hatten viele mit einer Nominierung von El Mala gerechnet. Nagelsmann entschied sich anders.
Overath: Natürlich. Der Bundestrainer sieht unheimlich viele Spiele, kennt seine Mannschaft und weiß genau, welche Spielertypen er braucht. Nagelsmann hat argumentiert, dass Vereinsfußball und Nationalmannschaft unterschiedliche Anforderungen stellen. Das kann ich nachvollziehen. Trotzdem glaube ich, dass El Mala das Potenzial hat, irgendwann auch auf höchstem Niveau eine wichtige Rolle zu spielen.
SPORT1: Er scheint sich entschieden zu haben, beim 1. FC Köln zu bleiben. Ein Angebot über rund 50 Millionen Euro aus England soll ausgeschlagen worden sein. Wäre das aus Ihrer Sicht die richtige Entscheidung?
Overath: Ich halte El Mala für ein außergewöhnliches Talent. Deshalb wäre es schön, wenn er noch ein oder zwei Jahre in Köln bleiben würde. Entwickelt er sich weiter so, werden die ganz großen Vereine wie der FC Liverpool, Manchester City oder der FC Bayern auch später noch kommen. Wer mit 18 oder 19 Jahren einem Angebot in dieser Größenordnung widersteht, beweist nicht nur Qualität, sondern auch Charakter. Im heutigen Fußball ist das keine Selbstverständlichkeit mehr. Andererseits gibt es keine Garantien. Deshalb ist das keine einfache Entscheidung. Was heute noch 50 Millionen wert ist, kann in einigen Monaten, wenn er nicht gut spielt, nur noch 20 Millionen wert sein. Aber eines kann ich sagen: Wenn ich FC-Boss wäre, würde ich alles daransetzen, El Mala in Köln zu halten. Solche Spieler gibt es nicht oft.
Overaths Sinnkrise vor ’74: „Schlecht. Wirklich schlecht“
SPORT1: Woran würden Sie heute erkennen, ob eine Mannschaft wirklich an sich glaubt und nicht nur darüber spricht?
Overath: Das sieht man auf dem Platz. Von der Qualität der Spieler her haben wir eine Mannschaft, die sich vor niemandem verstecken muss. Aber letztlich entscheidet das Spiel selbst. Im Fußball hängt unglaublich viel vom Selbstvertrauen ab. Dafür ist auch der Trainer verantwortlich. Er muss seine Spieler kennen, denn jeder Charakter ist anders. Wenn ein Spieler auf den Platz geht und denkt: „Ich kann das. Ich will das. Ich schaffe das“, dann macht das einen riesigen Unterschied. Selbstvertrauen ist oft wichtiger als die beste Kondition.
SPORT1: Sie sprechen immer wieder vom Selbstvertrauen. Haben Sie selbst erlebt, wie entscheidend das sein kann?
Overath: Ja, absolut. Vor der Weltmeisterschaft 1974 hatte ich ein ganz schwieriges Jahr hinter mir. Günter Netzer hatte bei der Europameisterschaft 1972 überragend gespielt und wechselte auch zu Real Madrid, ich hatte Probleme mit der Leiste und überhaupt kein Selbstvertrauen mehr. Ich habe Helmut Schön (damaliger Bundestrainer, Anm. d. Red.) damals sogar gesagt, dass es vielleicht besser wäre, zunächst auf Günter zu setzen. Vier oder fünf Wochen vor der Weltmeisterschaft rief mich Schön an und fragte, wie es mir gehe. Ich sagte ihm ganz offen: „Schlecht. Wirklich schlecht. Ich spiele schlecht. Ich habe kein Selbstvertrauen.“ Ich bekam die Einladung und fuhr ins Trainingslager, weil ich unbedingt Weltmeister werden wollte. Der zweite und der dritte Platz bei den Turnieren in den Jahren zuvor waren super, aber nicht genug. Und dann passierte etwas Merkwürdiges: Beim ersten Training war es, als würde jemand einen Schalter umlegen. Plötzlich funktionierte alles wieder. Es war, als wäre der Kopf frei geworden. Mit dieser Geschichte will ich eigentlich nur eines sagen: Du kannst noch so ein guter Spieler sein. Wenn dir das Selbstvertrauen fehlt, fehlt dir die Grundlage für ein gutes Spiel.
Einstellung „der wichtigste Faktor überhaupt“
SPORT1: Der Fußballer ist schneller geworden, athletischer, datengetriebener. Wo ist er besser geworden – und wo vielleicht ärmer?
Overath: Besser geworden ist er ganz sicher in Sachen Athletik und Schnelligkeit.
Aber die Frage ist: Ist das Spiel dadurch für den Zuschauer automatisch schöner geworden? Wenn ich an Pelé, Maradona, Beckenbauer oder andere große Spieler denke, die mehrere Gegenspieler ausdribbeln konnten und die Menschen begeistert haben – solche Szenen sieht man heute seltener. Ich bin heute nicht mehr Teil dieses Alltags. Ich weiß nicht, wie eng die Spieler mit ihren Beratern zusammenarbeiten oder wie viel Freiraum sie tatsächlich noch haben.
SPORT1: Glauben Sie, dass Deutschland heute noch Spieler hervorbringen würde, die so spielen dürften wie Wolfgang Overath einst?
Overath: Wenn heute ein Spieler mit meinen Anlagen aufwachsen würde, müsste er sich natürlich an den modernen Fußball anpassen. Aber wenn er die Qualität besitzt, wird er seinen Weg finden. Wahrscheinlich würde er auf einer anderen Position spielen. Aber große Spieler finden immer ihren Platz. Die Nummer Zehn war damals etwas Besonderes. Viele große Spieler wollten diese Rolle haben. Heute ist das Spiel anders organisiert.
SPORT1: Was ist die wichtigste Eigenschaft, die einer Nationalmannschaft vor einem großen Turnier nicht fehlen darf?
Overath: Die richtige Einstellung. Man muss verstehen, worum es geht. Es geht um so viel. Wenn ich bei einer WM auf dem Platz stand, hatte ich immer das Gefühl, für Millionen Menschen zu spielen. Für mich war es eine Verpflichtung, die Menschen zu begeistern und ihnen Freude zu machen. Wer die Nationalmannschaft vertritt, vertritt sein Land. Dieses Bewusstsein gehört dazu. Deshalb ist die Einstellung für mich einer der wichtigsten Faktoren überhaupt.
SPORT1: Was trauen Sie der deutschen Mannschaft bei dieser Weltmeisterschaft zu?
Overath: Deutschland hat die Qualität, Weltmeister zu werden. Davon bin ich überzeugt. Aber bei einem Turnier spielen viele Faktoren eine Rolle: Wie startet man? Gibt es Verletzungen? Wie entwickelt sich das Selbstvertrauen? Deshalb wäre es unseriös, heute schon eine Prognose abzugeben. Die Qualität ist da – alles andere wird das Turnier zeigen.