Im Spätsommer nach der Weltmeisterschaft findet in Sangolqui die Fiesta del Maíz statt, eine Mais-Party. Eine ganze Stadt fröhnt dem gelben Zuchtgewächs, überall im Vorort der ecuadorianischen Hauptstadt Quito sind Mais-Monumente errichtet, auf lokalen Märkten bekommt man Choclo, grobkörnigen Mais.
WM 2026: Die Talente-Fabrik von Deutschlands Gegner
Talente-Fabrik als DFB-Gefahr
In Sangolqui findet man neben der Zuchtpflanze aber auch noch andere hervorstechende Dinge von Interesse: herausragende Fußballer. Denn der dort beheimatete Klub Independiente del Valle ist die Talente-Fabrik Ecuadors.
Vor dem dritten Gruppenspiel des DFB gegen die Südamerikaner am Donnerstagabend (22 Uhr MESZ, LIVE im Ticker auf SPORT1) begeben wir uns auf Spurensuche in die Anden. Weshalb entstammen so viele Talente diesem Klub – und weshalb schaffen gerade sie den Sprung in Europas Topligen?
26 Mann umfasst Ecuadors WM-Kader, 16 davon haben eine Vergangenheit bei Independiente del Valle. Satte 62 Prozent! Alleine beim zweiten WM-Auftritt gegen Curacao standen acht Spieler in der Startelf, die einst für Independiente del Valle aufliefen.
Über das Prozedere des Klubs, der erst 2010 in die erste Liga aufstieg und inzwischen auf mehrere Meistertitel und den Gewinn der Copa Sudamericana 2019 zurückblicken kann, berichtete einst Miguel Angel Ramirez.
Das ist das Prinzip der Talente-Fabrik Ecuadors
Der 41-jährige Spanier wurde 2018 Leiter der Nachwuchsabteilung und erzählte der englischen Sun: „Ich besuchte wirklich kleine Dörfer in sehr armen Gegenden, wo alte, bescheidene Trainer mit ein paar Bällen hingingen und sich mit einer Gruppe von Jungen trafen, die am Nachmittag einfach nur Fußball spielen wollten – manche von ihnen ohne richtige Schuhe. Wir bauten zu solchen Trainern eine Beziehung auf, damit sie jedes Mal, wenn jemand auftaucht, bei Independiente anrufen.“
So sammelte man Talente aus ganz Ecuador zusammen! Piero Hincapie von der nördlichen Pazifikküste – inzwischen ist er für 52 Millionen Euro beim FC Arsenal gelandet. Willian Pacho wuchs unweit dessen in Quininde auf – auch ihn zog es für über 40 Millionen Euro in Paris Saint-Germain zu einem europäischen Topklub. Über allen thront aber Moises Caicedo, der für 116 Millionen Euro beim FC Chelsea unter Vertrag genommen wurde.
WM 2026: Achtung, DFB -„dieser Typ ist unglaublich“
Ramirez erinnerte sich: „Derjenige, bei dem ich dachte: ‚Dieser Typ ist unglaublich‘, war Caicedo, zu 100 Prozent. Er war als Teenager in jeder Hinsicht der beste Spieler in der ersten Mannschaft. Ohne ihn konnten wir nicht auf die gleiche Weise mithalten.
Bei Pacho und Hincapie habe ich schon früh gesehen, wie gut sie ausgebildet waren. Aber wie man trainiert, wie man sich erholt, wie man sich ernährt – das haben sie bei Independiente gelernt.“
Beim 1958 gegründeten Klub herrschen dafür optimale Bedingungen: Die Talente der Akademie leben und trainieren in einer Art Nachwuchsleistungszentrum, werden vor Ort von Ernährungsberatern und Psychologen betreut. Eine „Camp“-Einladung alle zwei Wochen von extern gescouteten Talenten soll zudem den Wettbewerb fördern – mit Erfolg.
Die Nachwuchsakademie des Klubs gehöre „zu den besten des Landes und neben Palmeiras sogar zu den besten des Kontinents“, bestätigte auch Südamerika-Experte Simon Escudero den RuhrNachrichten.
BVB darf sich über Ecuador-Juwel freuen
„Die Zahl der Spieler von Independiente del Valle auf der ganzen Welt ist unglaublich“, fasste Ramirez zusammen.
Ab dem kommenden Sommer wird es gar noch einer mehr: Der 18-jährige Justin Lerma schließt sich Borussia Dortmund für rund vier Millionen Euro Ablöse an und soll im zentralen, offensiven Mittelfeldfeld perspektivisch eine Bereicherung darstellen.
„Derzeit ist er das große Juwel der Nachwuchsabteilung, und niemand erreicht sein Niveau. Er ist die Art von Spieler, die nur einmal unter Tausenden vorkommt“, ergänzte Escudero.
Ein weiterer Beleg für die Qualität der Akademie von Independiente del Valle.
Am Donnerstag gegen Deutschland wird es also beinahe das Privatduell einer ecuadorianischen Talente-Fabrik und einer europäischen Fußball-Großmacht.