Die WM 1962 in Chile ist mit Sicherheit nicht wegen ihrer Schönheit in die Fußball-Geschichte eingegangen. In dem südamerikanischen Staat ging es in jenem Sommer ruppig zu, Verletzungen waren nahezu an der Tagesordnung. Auch Brasiliens Wunderknabe Pelé blieb nicht unversehrt.
WM: Als Ikone Garrincha die Sicherungen durchbrannten
Zwischen Genie und Wahnsinn
Der damals 21-Jährige wurde – passend zum Turnier mit viel Getrete und Härte – in der Vorrunde beim 0:0 gegen die Tschechoslowakei verletzt und konnte im weiteren Turnierverlauf nur noch mit ansehen, wie sich Brasilien Runde für Runde dem erneuten Titelgewinn nach 1958 näherte.
Garrincha spielt groß auf
Im Viertelfinale bekam es Brasilien mit England zu tun. Es war der Tag, an dem der neben Pelé vielleicht größte Fußballer, den das Land je hervorgebracht hat, zu seiner Topform fand. Manoel Francisco dos Santos – genannt Garrincha – traf gegen die Europäer doppelt und schoss sein Land nahezu im Alleingang (3:1) ins WM-Halbfinale.
Dort wartete am 13. Juni 1962, heute vor 64 Jahren, im Estadio Nacional de Chile in der Hauptstadt Santiago das Duell mit dem Gastgeber. Erneut sprang Garrincha in die Bresche, wieder traf der Rechtsaußen doppelt und brachte Brasilien früh auf Finalkurs. Der damals 28-Jährige entwickelte sich zum großen Hoffnungsträger einer ganzen Nation – bis sich Garrincha für wenige Sekunden nicht mehr beherrschen konnte.
Im Laufe des Spiels wurde er immer wieder getreten, rastete dann aus und wurde wegen einer Tätlichkeit mit Rot vom Platz gestellt. Die Chilenen, die schon in der Vorrunde mit der „Schlacht von Santiago“ (2:0-Sieg gegen Italien, es kam zu mehreren Tätlichkeiten und Platzverweisen; Anm. d. Red.) für das womöglich brutalste Spiel der WM-Geschichte gesorgt hatten, holten Garrincha immer wieder von den Beinen und nervten den Rechtsaußen, bis ihm die Sicherungen durchgebrannt waren.
FIFA lässt Garrincha im Finale spielen
4:2 gewann Brasilien das Duell mit Chile und zog, wie schon vier Jahre zuvor, ins Endspiel der WM ein. Weil der überragende Garrincha bei einer von Härte und Getrete gezeichneten WM einen Lichtblick darstellte, ließ sich die FIFA sogar zu einem Final-Einsatz des Zauberers erweichen.
Sogar die politische Führung Brasiliens hatte sich für eine Teilnahme Garrinchas am WM-Finale eingesetzt. Der Fußballverband des Landes hatte die FIFA mit Argumenten überzeugt, dass der Dribbelkünstler ansonsten mit einem äußerst fairen Verhalten aufgefallen sei, weshalb der Weltverband beide Augen zudrückte und ihn für das Endspiel spielberechtigte.
Wie schon in der Vorrunde traf Brasilien dort auf die Tschechoslowakei. 3:1 endete die Partie für die Südamerikaner, die sich wie schon 1958 den Titel holten. Garrincha spielte im Endspiel kaum eine Rolle – auch, weil er von einer Fiebererkrankung gezeichnet war.
Dennoch wurde Garrincha zum Spieler des Turniers gewählt. Zudem wurde er per Los zum Torschützenkönig gekürt, wie fünf andere Spieler auch hatte er im Turnier vier Tore erzielt. „Ohne Garrincha wäre ich nicht dreimaliger Weltmeister geworden“, gab selbst Pelé einst zu.
Die märchenhafte Geschichte der Fußball-Legende aus ärmlichen Verhältnissen nahm jedoch ein tragisches Ende: Am 20. Januar 1983 starb Garrincha im Alter von nur 49 Jahren viel zu früh.
Der tiefe Fall einer Ikone
Das Leben des Ausnahmekönners hatte nach dem Ende seiner aktiven Profikarriere einen tragischen Verlauf genommen.
Das Fußball-Idol hatte in dieser Zeit seines Lebens Alkoholprobleme, bedingt auch durch ein schädliches familiäres Umfeld: Sein Vater war Alkoholiker mit Vorliebe für Zuckerrohrschnaps, er selbst kam auch schon als Zehnjähriger zum ersten Mal mit der Flasche in Berührung, wie er einmal gestand.
Auch ein Mangel an Bildung und ein vielfach als kindlich-naiv beschriebenes Gemüt erschwerten Garrincha den Übergang in das Leben nach der Spitzensport-Karriere, ein vor der WM 1958 durchgeführter Persönlichkeitstest attestierte ihm die geistige Reife eines Acht- bis Zwölfjährigen.
Auch familiär schien Garrincha der Halt zu fehlen: Er durchlebte zwei Scheidungen (die zweite, weil er häusliche Gewalt beging), hatte mindestens 14 Kinder. Negative Schlagzeilen schrieb er oft auch durch Alkohol am Steuer und diverse schwere Verkehrsunfälle, in die er verwickelt war – 1969 verschuldete er dabei den Tod seiner Schwiegermutter.
Garrincha erlag einer Leberzirrhose
In seinen letzten Lebensjahren war Garrincha tief gefallen, wurde als körperliches und psychisches Wrack beschrieben, vom Publikum, das ihn einst geliebt hatte, weitgehend vergessen.
Im Jahr 1982 wurde er achtmal in ein Krankenhaus eingeliefert, am 20. Januar 1983 erlag er mit nur 49 Jahren einer Leberzirrhose, nachdem er sich zuvor ins Koma getrunken hatte.
Erst die Nachricht von Garrinchas tragischem Tod ließ die nostalgischen Erinnerungen an das Fußball-Genie nochmal groß aufleben: Einem Trauerzug vom Maracana-Stadion in seinen Heimatort wohnten Millionen bei, auf seinem Grabstein in Rio de Janeiro steht geschrieben: „Hier ruht in Frieden der, der die Freude der Leute war – Mané Garrincha.“