Béla Réthy gehörte über Jahrzehnte zu den bekanntesten Stimmen im deutschen Sportfernsehen. Der 69-Jährige begleitete von 1986 bis 2022 insgesamt zehn Weltmeisterschaften als Redakteur und Kommentator. Der gebürtige Wiener hat sich zwar vor dreieinhalb Jahren in die Rente verabschiedet, seine Liebe zum Fußball aber nie verloren.
"Ich habe noch nie so eine Kopflosigkeit gesehen"
Als der Kaiser bei Béla Réthy anrief
Im Interview mit SPORT1 spricht Réthy über die großen Stars im Wandel der Zeiten, das Sommermärchen 2006 und das legendäre 7:1 von Deutschland über Brasilien bei der WM 2014. Außerdem nennt er seinen WM-Favoriten und verrät, wie er das anstehende Großevent verfolgen möchte.
SPORT1: Herr Réthy, die WM 2026 wird die erste Endrunde seit über vier Jahrzehnten sein, bei der Sie nicht vor Ort sind. Schwingt da Wehmut mit?
Béla Réthy: Eher Melancholie! Mir wird die Vergänglichkeit bewusst. Wenn das einem völlig egal wäre, hätte man in den letzten Jahrzehnten alles falsch gemacht. Ich habe es mit Leidenschaft betrieben, und jetzt schließt sich der Kreis: Ich war 1986 in Mexiko das erste Mal dabei – damals noch als Redakteur und Stückemacher von Rolf Kramer. Ab 1994 war ich dann selbst Kommentator, damals fand die WM in den USA statt. Nun sind beide Nationen Co-Gastgeber.
SPORT1: Sie haben bereits verraten: Ihre erste WM 1986 war das einprägsamste Turnier für Sie.
Réthy: Man hatte unmittelbaren Zugang zu den Stars, das war total verrückt. Sócrates und Zico aus Brasilien waren Weltstars damals, wie heute Mbappé oder Ronaldo. Da ich fließend Portugiesisch beherrsche, war das natürlich eine Eintrittskarte. Zico sagte mir damals: „Deutsches Fernsehen: Wieso kannst du die Sprache?“ Sofort war das Ganze aufgeweicht. Später – beim Sommermärchen 2006 – war er der Trainer von Japan, hat mich immer noch erkannt und gesagt: „Du bist doch der Vogel aus Mexiko.“
SPORT1: Einer der größten Fußballer der Geschichte, Pelé, hat Sie damals als „Don Margerita“ betitelt.
Réthy: Wir haben im selben Hotel gewohnt in Guadalajara. Alle möglichen Mannschaften wohnten bei uns, auch Frankreich. Wir saßen mit Michel Platini im Pool. Und auch Marokko wohnte da. Im Prinzip waren das Profis aus Frankreich, auch der Pressesprecher war ein Franzose. König Hassan der Zweite hat ihnen dann zum Weiterkommen gratuliert, und ich sollte damals ein Stück über Marokko machen. Da habe ich dem Pressesprecher gesagt: „Wir brauchen das Bild nochmal.“ Er meinte nur: „Das kriegen wir hin.“ Der König hat also nochmal angerufen.
SPORT1: Am 18. Juni 1994 haben Sie dann Ihr erstes WM-Spiel kommentiert. USA gegen die Schweiz, morgens um 11 Uhr in Detroit. Waren Sie aufgeregt?
Réthy: Nervös bin ich eigentlich nie gewesen, nur angespannt. Am Ende war ich aber vor allem sehr stolz. Ich habe drei WM-Endspiele gemacht, drei EM-Endspiele und siebenmal das Champions League-Finale. Aber ab diesem Tag war ich WM-Reporter. Und die WM war für mich immer die Königsdisziplin – egal wer spielt.
„Das hat mich unwahrscheinlich geärgert“
SPORT1: Vier Jahre später, bei der WM 1998, sind Sie mit einem Zitat in die Geschichtsbücher eingegangen. Ihr größter Fehler im Live-Kommentar bis heute?
Réthy: Ich erinnere mich noch, das war nachmittags bei 40 Grad in Montpellier, Kolumbien gegen Tunesien. Das Einzige, worauf ich mich gefreut habe, ist Carlos Valderrama gewesen. Er war wirklich ein überragender Fußballer. Der hatte aber auch keinen Bock – genauso wenig wie ich – und hat sich das ganze Spiel in den Schatten gestellt und einfach verweigert. Das hat mich unwahrscheinlich geärgert. Dann sagte ich eben: „Wenn Sie Valderrama vermissen, der Mann da hinten im Schatten, der aussieht wie eine Klobürste. Das ist Valderrama.“ Heute würde man das als inakzeptablen Fehler bezeichnen müssen, natürlich ist das respektlos gewesen. Die kolumbianische Botschaft hat mir danach geschrieben, ob ich das ernst meinen würde. Dann hab‘ ich „Sorry“ gesagt.
SPORT1: Sie haben auch das Sommermärchen 2006 begleitet. Was ist Ihnen davon in Erinnerung geblieben?
Réthy: Ich habe mein Land nicht mehr wiedererkannt, es war ein fantastisches Erlebnis. Städte, in denen man permanent für Bundesligaspiele war, erkannte man nicht mehr wieder. Es war ein anderes Gelsenkirchen, ein anderes Nürnberg, ein anderes Köln. Ich war so stolz, wie die Welt uns hier wahrgenommen hat. Dieser positive Patriotismus, der nicht nationalistisch war, sondern einfach nur Ausdruck von Lebensfreude, von Willkommenskultur, hat mich richtig geflasht.
WM in Brasilien: „Es war der Klang meiner Kindheit“
SPORT1: Diese Offenheit verbindet man auch mit Brasilien. Sie sind dort bis zu Ihrem 12. Lebensjahr aufgewachsen und durften zur WM 2014 als Kommentator zurückkehren.
Réthy: Ich bin 1968 aus Brasilien weggegangen, da konnte ich kein Wort Deutsch. Ich bin ungarisch-portugiesisch aufgewachsen. Dann kehrst du zurück in dieses Land, in diese Stadt, in der du gelebt hast: Nach Sao Paulo – als Reporter Nummer eins. Schon als Kind wollte ich wieder zurück. Ich war auf einem Internat in Bayern und büchste aus mit fünf Mark, einem Taschenmesser aus Hirsch und einem Leberwurstbrot. Das Ziel: Brasilien. Die Reise ist dann 20 Kilometer weiter in Neumarkt in der Oberpfalz geendet. Aber im Ernst: Diese Rückkehr war besonders. Man hört plötzlich wieder Portugiesisch, es war der Klang meiner Kindheit. Ich reiste in ganz Brasilien umher, war in Porto Alegre, im Süden bei Deutschland gegen Algerien, dann in Rio für ein paar Tage bei den Kollegen im Fernsehzentrum…
SPORT1: Und dann kam eines der legendärsten WM-Spiele der Geschichte.
Réthy: 7:1, Deutschland gegen Brasilien in Belo Horizonte. An dem Tag sind wir mit dem Bus vom Hotel losgefahren, in dem auch Giovane Elber wohnte. Er war Experte bei der ARD. Wir fuhren zusammen ins Stadion und Elber hatte seinen Sohn dabei. Der saß da im VfB-Stuttgart-Trikot. Ich fragte ihn: „Was ist mit dir los?“ Er antwortete nur: „Ich bin VfB-Fan, also bin ich Deutschland-Fan.“ Elber hat ihn nur rügend angeguckt, er war natürlich für sein Heimatland. Es waren viele kleine Geschichten und ein unfassbares Spiel, auf das ich bis heute am häufigsten angesprochen werde. Brasilien war ja eine Mannschaft gespickt mit Vollprofis aus Europa, das waren ja keine Strandkicker. Aber sie sind auch nach dem zweiten Gegentor einfach weiter in ihr Verderben gerannt. Das ist unglaublich. Ich habe noch nie so eine Kopflosigkeit gesehen.
SPORT1: Schon zur Pause stand es 5:0. Haben Sie mit brasilianischen Kollegen in der Halbzeit sprechen können?
Réthy: Nur mit Ronaldo, der vor mir saß. Ich hatte ihn mal für das ZDF-Sportstudio organisiert, da war er 17 oder 18 Jahre alt und spielte bei der PSV Eindhoven. Seitdem hat er das ZDF immer assoziiert mit dem Sender, wo die Löcher in der Wand sind, die Torwand. Ich hatte also kurz mit Ronaldo gesprochen, und er sagte: „Ja, dass wir keine gute Mannschaft haben, war mir klar, aber dass wir im eigenen Land so verprügelt werden, das tut schon weh.“ Er hat in diesem Spiel ja auch seinen WM-Rekord an Klose verloren. Seitdem ist dieses 7:1 ein fester Begriff in Brasilien für einen richtig misslungenen Tag. Also so richtig schlecht: Frau weg, Job weg – da sagt man am Abend: „Heute war es ein 7:1.“
SPORT1: Deutschland ist schließlich Weltmeister geworden – und Sie haben noch Urlaub in „ihrem“ Brasilien gemacht. Wie viele Wochen Entwöhnung haben Sie von einem derart außergewöhnlichen Turnier gebraucht?
Réthy: Vier Wochen bin ich noch geblieben. Ich habe allerdings danach acht Wochen lang kein Fleisch mehr gegessen, ich konnte keine Steaks mehr sehen. Das war meine Erkenntnis nach der Rückkehr - nur noch Nudeln mit Tomatensauce.
„In der Nacht rief dann auch noch Franz Beckenbauer an“
SPORT1: Acht Jahre später sollte sich dann der Kreis endgültig schließen. Sie haben an Ihrem 66. Geburtstag ihr letztes WM-Spiel kommentiert.
Réthy: WM 2022, Halbfinale, Marokko gegen Frankreich. Ich habe das zusammen mit Sandro Wagner gemacht, im Studio sangen die Zuschauer mit Per Mertesacker und Christoph Kramer, das war hochemotional. In der Nacht rief dann auch noch Franz Beckenbauer an. Eine österreichische Nummer. Er sagte, dass er gesehen hätte, dass ich aufhöre. Das wusste er gar nicht. Es würde ihm in der Seele leidtun, dass ich aufhöre. Dann hat er mir noch alles Gute gewünscht. Das fand ich schön.
SPORT1: Nun steht die erste WM ohne Sie an. Wie werden Sie das Turnier verfolgen?
Réthy: Diese Woche steht die Hochzeitsfeier von meinem Sohn an, das nimmt zwei bis drei Tage in Anspruch. Er hätte sich früher nie gewagt, während der WM zu heiraten, aber jetzt kann er das ja machen. Darüber hinaus nehme ich an ein paar Firmen-Events teil, wo ich mit den Gästen über Fußball plaudere. Ich habe ein paar Werbespots gedreht und bin hin und wieder in einem Hotel in der Türkei für eine WM-Show. Das lenkt mich ein bisschen ab von meiner Melancholie.
WM-Favorit? „Ich sage Frankreich“
SPORT1: Wer ist denn Ihr Turnierfavorit?
Réthy: Objektiv den besten Fußball spielen die Spanier. Die größte Kaderbreite haben die Franzosen. Sowas ist manchmal wichtiger in einem Turnier als geil zu kicken. Die Portugiesen haben einen fantastischen Kader, die Holländer halte ich für stark. Natürlich haben wir einen amtierenden Weltmeister mit Argentinien, aber das ist ja nicht das, was Sie hören wollen. Ich sage Frankreich.
SPORT1: Und Brasilien?
Réthy: Ich bin sehr gespannt, was eine Ergebnismaschine wie Carlo Ancelotti für einen Fußball spielen lässt. Das ist nicht „Jogo Bonito“ (zu Deutsch: schönes Spiel), sondern Ancelotti eben, der fünfmal die Champions League als Trainer gewonnen hat. Ich muss aber sagen: Ich hätte Neymar nicht mitgenommen. Er ist eine nationale Figur, aber er hat vor drei Jahren das letzte Länderspiel gemacht, spielt bei einem Abstiegskandidaten. Der FC Santos ist zwar ein Traditionsverein, der Pelé-Verein, aber das reicht noch nicht. Es freut mich für Neymar, aber sportlich hat das keinen Sinn.
„Die WM und ich sind irgendwie aneinandergekettet“
SPORT1: Wie viel davon werden Sie denn verfolgen?
Réthy: Eine WM ist eine WM – und ich gucke, was geht. Das erste Spiel der Brasilianer ist um 0 Uhr, das geht ja wirklich noch. Wenn ich weiß, dass Brasilien oder ein anderes großes Land spielt, ist das Einschlafen sowieso schwierig. Dann kann man auch gleich den Fernseher anmachen. Ich kann es ja eh nicht lassen mit diesen WM’s. Ich habe mich mit den ganzen Sonderheften schon eingegroovt. Die WM und ich sind irgendwie aneinandergekettet.