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WM: Das muss sich Nagelsmann ankreiden lassen

Das muss sich Nagelsmann ankreiden

Julian Nagelsmann wollte die deutsche Nationalmannschaft als Bundestrainer zurück an die Weltspitze führen und scheitert krachend. Was bleibt, ist das nächste WM-Debakel – und eine Reihe von Entscheidungen, die von außen nur schwer nachzuvollziehen waren.
Julian Nagelsmann reagiert auf der Pressekonferenz nach dem deutschen WM-Aus gegen Paraguay auf Fragen zu seiner Zukunft. Der Bundestrainer glaubt, ein ziemlich genaues Bild von der öffentlichen Meinung zu seiner Person zu haben.
Julian Nagelsmann wollte die deutsche Nationalmannschaft als Bundestrainer zurück an die Weltspitze führen und scheitert krachend. Was bleibt, ist das nächste WM-Debakel – und eine Reihe von Entscheidungen, die von außen nur schwer nachzuvollziehen waren.

Im Moment des großen Scheiterns schien Julian Nagelsmann vor allem eines vermitteln zu wollen: Haltung. Wenige Minuten nach dem Aus der deutschen Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale gegen Paraguay stellte der Bundestrainer klar, dass er für den Posten weiterhin zur Verfügung stehe. Er sei schließlich niemand, „der wegläuft“.

Es waren Worte, die vermutlich Entschlossenheit ausstrahlen sollten. Sie wirkten in dem Fall aber eher trotzig im negativen Sinne. Zu groß und umfassend sind die Fragen, die diese gigantische Enttäuschung aufwirft – auch im Hinblick auf Nagelsmanns Arbeit.

Nagelsmann: Die Mängelliste ist gigantisch

Schon durch die Gruppenphase hatte sich die DFB-Auswahl mehr schlecht als recht geschleppt. Ein erwartbarer Kantersieg gegen das fußballerische Leichtgewicht Curacao, ein schmeichelhafter Erfolg gegen die Elfenbeinküste und eine verdiente Pleite gegen Ecuador zeichneten das Bild einer Mannschaft, die von Stabilität weit entfernt war. Gegen Paraguay setzte sich dieser Eindruck nahtlos fort. Deutschland agierte ideenlos, ohne Tempo und ohne kreative Lösungen gegen einen aggressiven Gegner. Vor allem in der ersten Halbzeit offenbarten Nagelsmanns Männer erschreckende Offensivarmut und erspielten sich keine einzige ernstzunehmende Torchance.

Nun ist die Weltmeisterschaft für Deutschland vorbei – und es wäre zu einfach, die Verantwortung für das dritte WM-Scheitern in Serie allein beim Bundestrainer abzuladen. Gleichzeitig führt an der Erkenntnis kaum ein Weg vorbei, dass Nagelsmann mit einem ganzen Sammelsurium an fatalen Entscheidungen maßgeblich zum bitteren Ende beigetragen hat.

Und bezeichnend für Nagelsmanns Auftritt nach dem Ausscheiden war vor allem, worüber er nicht sprach: eigene Fehler.

Die eigenen Fehler nennt Nagelsmann nicht

Anstelle einer schonungslosen Analyse entstand erneut der Eindruck, der Bundestrainer sehe die Ursachen eher außerhalb seiner eigenen Verantwortung. Dabei lieferten gerade die verlorenen Spiele gegen Ecuador und Paraguay einige Erkenntnisse, wie schnell sich problematische Entscheidungen in der Vorbereitung und im Turnierverlauf auf dem Platz bemerkbar machen können.

Gegen Paraguay rückte Deniz Undav überraschend in die Anfangsformation, während Jamal Musiala zunächst auf der Bank Platz nehmen musste. Ein Muster, das sich in den jüngsten Monaten mehrfach beobachten ließ: Häufig kündigte Nagelsmann einen klaren Plan an, nur um ihn wenig später über den Haufen zu werfen. Ausgerechnet Undav, der bislang vor allem als Joker für die Schlussphase eingeplant war, sollte plötzlich gegen einen tief verteidigenden Gegner von Beginn an den Unterschied machen, obwohl dieses Profil nie zu seiner angedachten Rolle gepasst hatte. 

Auch der Umgang mit Joshua Kimmich war widersprüchlich. Nach dem Abpfiff beklagte Nagelsmann, seiner Mannschaft hätten die Breite in den Aktionen und die Konsequenz in der Strafraumbesetzung gefehlt. Stattdessen habe sie sich immer wieder in kleinteiligen Kombinationen verloren. Aber  jener Akteur, der solche Probleme mit seiner Spielgestaltung hätte entschärfen können, blieb lange auf der Position des Rechtsverteidigers gebunden. Erst in der 79. Minute gab Nagelsmann sein Vorhaben auf und beorderte Kimmich ins zentrale Mittelfeld. Zu diesem Zeitpunkt hatte die DFB-Auswahl den Faden längst verloren und agierte zunehmend hektisch.

Startete Nagelsmanns Fehlerkette schon 2024?

Ebenso für Irritation sorgte Nagelsmanns Reaktion auf eine Schlüsselszene der Partie: den vermeintlichen Treffer von Jonathan Tah in der 102. Minute, der nach einem Eingriff des Videoassistenten aberkannt wurde. Von einem „Skandal“ sprach er, später sogar von einem „Voll-Skandal“ und zog Parallelen zum umstrittenen Handspiel im EM-Viertelfinale gegen Spanien. Seine Verärgerung war nachvollziehbar. Über die Entscheidung lässt sich streiten, vielleicht auch mit guten Argumenten. Nur erklärt sie nicht, warum seine Mannschaft gegen Paraguay über mehr als 120 Minuten kaum Lösungen fand. Wer das WM-Aus auf diese eine Situation reduziert, macht es sich zu einfach.

Der eigentliche Irrtum entstand schon nach dem EM-Aus im Sommer 2024. Rund um den Verband setzte sich die Erzählung durch, Deutschland sei letztlich nur an einem nicht gegebenen Handelfmeter gescheitert und eigentlich auf Augenhöhe mit den Besten der Welt gewesen. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch Nagelsmanns damals locker formulierte Aussicht, zwei Jahre später Weltmeister zu werden. Plötzlich entstand der Schein einer Nationalmannschaft, die den Anschluss an die Spitze schon wieder geschafft habe. Kaum jemand stellte diese Erzählung danach ernsthaft infrage – am wenigsten der Mann, der den Zustand seines Teams am besten hätte einschätzen müssen.

Wann immer Zweifel aufkamen, begegnete Nagelsmann ihnen mit Beschwichtigungen. Statt Defizite klar zu benennen, verwies er auf die Entwicklung der Mannschaft, auf gewachsene Abläufe und einen vermeintlich gefestigten Kern, der nur noch Zeit benötige. Tatsächlich aber schleppte sich die DFB-Elf durch die Qualifikation, wechselte regelmäßig zwischen ordentlichen und erschreckend schwachen Auftritten und vermisste immer wieder jene Energie, die deutsche Nationalmannschaften früher zumindest unabhängig vom Ergebnis ausgezeichnet hatte. Die Warnsignale waren vorhanden. Diskussionen löste Nagelsmann dazu immer wieder durch seine personellen Entscheidungen aus.

Hier sorgte Nagelsmann für Ärger

Bereits vor dem WM-Start hatte der Streit um Nagelsmanns Politik begonnen. Ob das öffentliche Durcheinander in der Torwartfrage zwischen Manuel Neuer und Oliver Baumann, die Zusammenstellung des Kaders, der Umgang mit Deniz Undav – kaum eine Entscheidung blieb ohne Ärger. Im Turnier selbst setzte sich das wie ein roter Faden fort. Nick Woltemade etwa, dessen Körpergröße und Strafraumpräsenz gegen tief verteidigende Gegner ein naheliegendes Mittel gewesen wären, verschwand nach dem Testspiel gegen Finnland nahezu vollständig aus Nagelsmanns Planungen und erhielt gegen Paraguay erst in den Schlussminuten seine Chance. Die Nominierungen wie Spieler wie Leon Goretzka oder Pascal Groß blieben ähnlich wenig nachvollziehbar wie die Nicht-Berücksichtigungen von Said El Mala oder Karim Adeyemi.

Florian Wirtz fand unter Nagelsmanns Leitung ebenso wenig in den Rhythmus wie der in der Rückrunde bereits schwächelnde Musiala. Und vermutlich wird man noch lange darüber grübeln, welcher Plan hinter dem deutschen Auftritt gegen Paraguay steckte. Warum die Außenverteidiger immer wieder die ohnehin engen Zwischenräume besetzten, anstatt Breite zu schaffen und bis zur Grundlinie durchzustoßen. Warum Leroy Sané fast das gesamte Spiel auf dem Platz blieb, obwohl ihm weder Raum noch Unterstützung verschafft wurden. Und warum sich das Angriffsspiel über weite Strecken auf harmlose Hereingaben aus dem Halbfeld reduzierte.

Deutschlands Ausscheiden war absehbar

Vor allem aber überschätzte Nagelsmann sowohl die Qualität seiner Mannschaft als auch die Tragfähigkeit seiner eigenen Ideen. Immer wieder hatte er betont, sein Team sei flexibel genug, um sich auf unterschiedlichste Gegner einzustellen. In der Praxis erwies sich dieses Versprechen als Illusion. Abseits der Pflichtaufgabe gegen Curacao fand Deutschland keine Formation, keine Balance und keine Spielidee, die wirklich funktionierte. Es gelang Nagelsmann nicht, dieser zweifellos talentierten Truppe Stabilität zu geben. Vielmehr irrte die DFB-Elf durch dieses Turnier – verkrampft, mutlos und zunehmend verunsichert. So war das Scheitern gegen Paraguay kein Ausrutscher. Es war am Ende der logische Schlusspunkt einer negativen Entwicklung.

Am Ende bleibt eine unangenehme Wahrheit: Wer selbst nach 120 Minuten, trotz einer höchst umstrittenen Schiedsrichterleistung und zahlreicher Gelegenheiten nicht in der Lage ist, einen spielerisch limitierten Gegner zu besiegen, scheidet nicht unglücklich aus – sondern verdient.

Nagelsmann wird sich der Frage nicht entziehen können, welchen Anteil er daran trägt.