Die deutsche Nationalmannschaft hat bei der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko bislang einen überzeugenden Eindruck hinterlassen. Unter Bundestrainer Julian Nagelsmann präsentiert sich die DFB-Auswahl gefestigt, selbstbewusst und geschlossen – die Hoffnung auf den ganz großen Wurf wächst.
WM.: Deutsche Legende exklusiv! "Undav muss jetzt Stammspieler sein"
Klare Meinung zu Undav
Vor dem letzten Gruppenspiel gegen Ecuador am Donnerstagabend (22 Uhr im LIVETICKER) sprach SPORT1 exklusiv mit dem Europameister von 1980 und 68-jährigen VfB-Stuttgart-Idol Karlheinz Förster über die Titelchancen des DFB-Teams, die Folgen des Ausfalls von Nico Schlotterbeck, die Bedeutung von Führungsspielern in der K.o.-Phase sowie die Stärken der internationalen Konkurrenz.
Förster, der selbst vier Jahre für Olympique Marseille spielte, ordnet zudem die Entwicklung der französischen Nationalmannschaft ein und erklärt, warum Michael Olise für ihn zu den herausragenden Spielern dieser WM zählt. Doch reicht die aktuelle Form tatsächlich für den ganz großen Wurf?
WM: Förster lobt Schlotterbeck
SPORT1: Herr Förster, die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko läuft mittlerweile seit knapp zwei Wochen. Wie bewerten Sie bislang das Auftreten der deutschen Mannschaft?
Karlheinz Förster: Insgesamt positiv. Die Mannschaft wirkt gefestigt und geschlossen. Man hat wieder das Gefühl, dass jeder seine Aufgabe kennt und innerhalb des Teams eine klare Hierarchie herrscht. Deutschland strahlt wieder etwas aus – und genau das brauchst du bei einer Weltmeisterschaft. Aber man darf sich von den Ergebnissen auch nicht blenden lassen. Das 2:1 gegen die Elfenbeinküste war deutlich knapper, als viele erwartet hatten. Solche Spiele musst du auf diesem Niveau erst einmal gewinnen, aber sie zeigen auch, dass noch nicht alles perfekt ist.
SPORT1: Was macht Bundestrainer Julian Nagelsmann derzeit besonders gut?
Förster: Er hat es geschafft, eine klare Struktur zu etablieren. Die Spieler wissen genau, was er von ihnen verlangt. Gleichzeitig vermittelt er Vertrauen – und das ist bei einem langen Turnier enorm wichtig. Aber auch ein Trainer muss sich hinterfragen und bereit sein, Entscheidungen zu korrigieren. Bei Deniz Undav hatte ich zuletzt nicht immer das Gefühl, dass Julian Nagelsmann voll von ihm überzeugt war. Dabei hat Undav in den vergangenen Monaten immer wieder gezeigt, wie wichtig er für diese Mannschaft sein kann. Jetzt zeigt er bei der WM erneut, welchen Wert er für diese Mannschaft besitzt. Das zeigt auch: Manchmal müssen Trainer ihre Meinung korrigieren. Das gehört dazu. Insgesamt sieht man auch, wie wichtig die Stuttgarter Spieler für diese Mannschaft geworden sind. (lacht)
SPORT1: Wie schwer wiegt der Ausfall von Nico Schlotterbeck?
Förster: Natürlich ist das ein Rückschlag. Schlotterbeck ist ein Spieler mit großen Qualitäten, vor allem im Spielaufbau und in den direkten Duellen. Aber man muss auch ehrlich sagen: Er hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder Fehler erlaubt. Er ist mittlerweile 26 Jahre alt. In diesem Alter muss ein Innenverteidiger deutlich mehr Sicherheit ausstrahlen. Ich sehe seine Fähigkeiten, aber ich sehe eben auch immer wieder Situationen, in denen er Unsicherheiten zeigt. Trotzdem ersetzt man einen Spieler mit seinen Qualitäten nicht eins zu eins.
SPORT1: Schlotterbeck bleibt aber trotz seines WM-Aus beim Team und reist – anders als Lennart Karl – nicht sofort ab. Wie wichtig ist dieses Signal?
Förster: Das finde ich überragend. Genau solche Dinge machen eine Mannschaft bei einem Turnier aus. Nach einer schweren Verletzung wäre es menschlich verständlich gewesen, sofort abzureisen. Wenn ein Spieler trotzdem bleibt, zeigt das Charakter und Teamgeist. Große Turniere werden nicht nur durch Qualität entschieden, sondern oft auch durch Zusammenhalt.
Rüdiger? „Verstehe die Diskussion manchmal nicht“
SPORT1: Antonio Rüdiger hatte zuletzt noch seine Rolle als Nummer drei akzeptiert. Nach der Verletzung von Schlotterbeck ist er neben Jonathan Tah nun wieder wichtig.
Förster: Das zeigt seine Professionalität. Jeder Spieler möchte spielen. Aber wenn jemand eine Entscheidung akzeptiert und trotzdem sofort bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, spricht das für seinen Charakter. Rüdiger bringt Erfahrung und Führungsqualität mit. Gerade in der K.o.-Phase kann das enorm wichtig werden.
SPORT1: Ist das Raunen beim Namen Rüdiger wirklich berechtigt?
Förster: Nein. Ich verstehe die Diskussion um Antonio Rüdiger manchmal nicht. Für mich ist er seit Jahren ein ganz wichtiger Spieler für Deutschland. Natürlich ist er ein spezieller Typ und mit ihm gehen manchmal auch die Gäule durch. Aber genau solche Spieler brauchst du bei großen Turnieren. Spieler mit Mentalität, Persönlichkeit und Ausstrahlung. Solche Typen werden oft erst vermisst, wenn sie nicht mehr da sind.
SPORT1: Wie bewerten Sie die bisherigen Leistungen von Deniz Undav?
Förster: Deniz Undav ist für mich bislang der Gewinner dieses Turniers bei den Deutschen. Er spielt mit großem Selbstvertrauen, arbeitet enorm viel für die Mannschaft und ist vor dem Tor sehr effektiv. Beim VfB hat er anfangs noch etwas Zeit gebraucht, aber seine Entwicklung ist außergewöhnlich. Wenn man ihn oft genug gesehen hat, weiß man, dass das alles kein Zufall ist. Für mich muss Undav jetzt Stammspieler sein.
SPORT1: Auch Jamie Leweling hat bislang auf sich aufmerksam gemacht.
Förster: Absolut. Er bringt Tempo, Mut und Unbekümmertheit mit. Gerade junge Spieler können bei einem Turnier für besondere Momente sorgen, weil sie unbelastet auftreten. Solche Spieler können bei einer Weltmeisterschaft plötzlich den Unterschied ausmachen.
„Olise gehört für mich schon jetzt zu den Besten“
SPORT1: Sie haben selbst vier Jahre bei Olympique Marseille gespielt. Wie verfolgen Sie die französische Mannschaft?
Förster: Frankreich gehört für mich weiterhin zu den Topfavoriten. Die individuelle Qualität ist außergewöhnlich. Ich habe in Marseille vier fantastische Jahre erlebt und kenne die Mentalität des französischen Fußballs sehr gut. Frankreich verfügt über enorme Athletik, viel Tempo und eine große Breite im Kader. Trotzdem muss man bei solchen Turnieren vorsichtig sein. Spanien hat zuletzt überragend gespielt. Aber ich erinnere mich an Argentinien bei der letzten WM: Die haben ihr Auftaktspiel verloren und wurden am Ende trotzdem Weltmeister. Deshalb ist es immer gefährlich, nach zwei Wochen schon endgültige Urteile zu fällen. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Bei einer Weltmeisterschaft kann sich sehr schnell alles ändern.
SPORT1: Michael Olise gehört bislang zu den herausragenden Spielern dieser WM. Wie sehen Sie seine Leistungen?
Förster: Michael Olise gehört für mich schon jetzt zu den besten Spielern des Turniers. Er verbindet Technik, Spielintelligenz und Kreativität auf höchstem Niveau. Vor allem trifft er fast immer die richtige Entscheidung. Solche Spieler machen am Ende oft den Unterschied zwischen Halbfinale und Titel. Es macht einfach Spaß, ihm zuzuschauen.
SPORT1: Hat Bayern in Michael Olise einen Spieler gefunden, der die Mannschaft über Jahre prägen kann?
Förster: Absolut. Um solche Spieler beneidet dich ganz Europa. Wenn du einen Fußballer mit dieser Qualität im Kader hast, musst du alles dafür tun, ihn langfristig an den Verein zu binden. Für mich kann Olise in den kommenden Jahren eines der Gesichter des FC Bayern werden.
SPORT1: Trauen Sie Deutschland bei dieser WM den ganz großen Wurf zu?
Förster: Grundsätzlich schon. Bei Weltmeisterschaften ist vieles möglich, wenn eine Mannschaft in einen Lauf kommt. Entscheidend wird aber sein, dass die Gruppe gesund bleibt und den Teamgeist bewahrt. Man darf jetzt nicht in Euphorie verfallen. Deutschland hat eine gute Basis, aber die wirklich großen Prüfungen kommen erst noch. Wenn die Mannschaft ihre Geschlossenheit beibehält und sich weiter steigert, dann ist der Titel keine Utopie.