Eine Weltmeisterschaft ist für Urs Meier alles andere als unbekannt. Der Schweizer leitete sowohl 1998 als auch 2002 Partien bei einer Endrunde. Mittlerweile beobachtet der 67-Jährige die Begegnungen der WM in den USA, in Kanada und Mexiko – und das durchaus kritisch.
Messi-Wirbel? "Mir fehlt völlig das Verständnis dafür"
Messi-Wirbel? „Mir fehlt Verständnis“
Bei SPORT1 verrät Meier, dass ihm vor allem ein Thema richtig auf die Nerven geht. Auch die Regeländerungen bewertet der Fachmann.
SPORT1: Herr Meier, FIFA-Schiedsrichterboss Pierluigi Collina hatte vor der WM darauf verwiesen, dass die Spieler die Spiele entscheiden sollen, nicht die Schiedsrichter. Hat das bisher Ihrer Meinung nach geklappt?
Urs Meier: Mehr oder weniger. Man hat eine sehr großzügige Linie gewählt von der FIFA und die wird von den Spielern angenommen. Aber in der Vorrunde war der Druck auch nicht allzu hoch, weil sehr viele Mannschaften weitergekommen sind. Ich bin gespannt, wie das in den Alles-oder-nichts-Spielen aussehen wird. Spätestens ab dem Achtelfinale wird es engere Spiele geben. Dann werden die Schiedsrichter anders gefordert sein.
Schiedsrichter bei der WM 2026? „Diese Einteilung ist ein Fehler“
SPORT1: Sie haben bereits mehrfach auf die großen Qualitätsunterschiede bei den Schiedsrichtern hingewiesen. Nur wenige Länder stellen mehr als einen Unparteiischen. Ein Fehler?
Meier: Diese Einteilung ist ein Fehler, hier werden falsche Schwerpunkte gesetzt. Auch der Schweizer Sandro Schärer, der das Champions-League-Halbfinal-Hinspiel zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Bayern sehr gut gepfiffen hat und sich in einer sehr guten Form befindet, ist nicht dabei. Er hätte eindeutig zur WM gehört. Diese Fokussierung auf eine möglichst große Vielfalt ist ein Problem. Wie gesagt: Bislang hat es sich noch nicht niedergeschlagen in großen Schiedsrichterdiskussionen, aber man merkt, dass es Qualitätsunterschiede gibt. Ich bin mir sicher, dass es im Turnierverlauf noch Debatten geben wird.
SPORT1: Klare Fehlentscheidungen gab es dennoch bereits: Die nicht gegebene Rote Karte gegen Lionel Messi oder auch das nicht zurückgenommene 1:0 Deutschlands gegen Ecuador. Woran hat es da gehapert? Am fehlenden Mut oder der Qualität?
Meier: An beidem (lacht). Das sind Sachen, die muss man sehen. Teilweise werden die Schiedsrichter bereits gefeiert, wenn sie überhaupt was sehen. Da denke ich mir: “Das sind doch normale Entscheidungen!” Wir sprechen ja nicht von irgendeinem U15-Turnier, sondern von der Fußball-Weltmeisterschaft. Wir sollten hier die besten Schiedsrichter der Welt haben. Nehmen wir das Beispiel Deutschland …
SPORT1: Das klare Vergehen von Aleksandar Pavlovic …
Meier: Das ist wirklich simpel. Wenn du da nicht siehst, dass das Bein auf einer Höhe von zwei Metern ist und dass das ein gefährliches Spiel ist … Bei Messi ist es genauso.
Keine Rote Karte für Messi? „Mir fehlt völlig das Verständnis“
SPORT1: Für seinen Tritt gegen Algeriens Aissa Mandi erhielt er nicht einmal die Gelbe Karte.
Meier: Mir fehlt völlig das Verständnis dafür, dass der VAR nicht eingreift bei einem solchen Tritt von hinten. Monatelang gibt es Schulungen, in denen solche Trefferbilder besprochen werden. Immer war die Auffassung, dass nur eine Rote Karte infrage kommt. Das kann man sich einmal anschauen und dann weiß man genau, was die richtige Entscheidung ist. Da frage ich mich: Warum schreitet niemand ein?
SPORT1: Haben Sie das Gefühl, dass die Fehler im Respekt vor großen Nationen wie Deutschland und Argentinien begründet sind?
Meier: Das ist eine gute Frage. Ich hoffe, dass es bei anderen Ländern auch so gewesen wäre. Es gibt auf jeden Fall immer ein Geschmäckle. Ich bin ja nicht der Einzige, der sagt, dass die größeren Mannschaften eher bevorteilt werden. Und das ist nicht gut.
SPORT1: Es gab zum Turnier einige Regelanpassungen, darunter auch das strenge Ahnden, wenn ein Spieler laut Definition des IFAB (internationales Gremium zur Änderung von Fußballregeln) “in einer konfrontativen Situation mit einem Gegenspieler den Mund bedeckt“. Paraguays Miguel Almirón sah hierfür die Rote Karte. Eine sinnvolle Maßnahme?
Meier: Eine Sache gefällt mir bei der Regel nicht. Jude Bellingham kam für ein ähnliches Vergehen ungestraft davon, weil es nicht als aggressiv eingestuft wurde. Der Raum für Spekulationen ist mir hier zu groß. Dann sollte es für Hand-vor-den-Mund-Halten generell Rot geben. Das kann man den Spielern beibringen. Wenn es einer vergisst, weil er es immer so gemacht hat, muss er es irgendwann einmal bitter erfahren. Dann wird er es beim nächsten Mal nicht mehr machen. Ich hoffe, so lernfähig sind die Spieler. Aber dann zieht man es durch und es ist immer gleich. Bellingham nicht vom Platz zu stellen, führt zu Spekulationen. Und das ist nie gut. Ich kann auch jemanden rassistisch beleidigen, ohne dass ich auf eine aggressive Art und Weise vorgehe. Diese Regel muss sicher nachgeschärft oder auch wieder abgeschafft werden.
Urs Meier schimpft über Trinkpausen: „Abschaffen!“
SPORT1: Die Einführung von Trinkpausen zur Mitte einer jeden Halbzeit nimmt großen Einfluss auf die Spiele …
Meier: Abschaffen!
SPORT1: Was stört Sie am meisten?
Meier: Für den Schiedsrichter ist das nicht gut. Das Spiel wird quasi wieder neu gestartet. Die Spannung fällt ab, die Spieler werden vom Trainer neu eingestellt. Alles, was du dir in den ersten 20 Minuten aufgebaut hast, ist weg. Man sagt immer, dass die ersten 10-15 Minuten je Halbzeit dem Schiedsrichter gehören. Er stellt die Spieler so ein, wie er sie haben will, und setzt die Leitplanken. Nach den Trinkpausen musst du von vorne anfangen, der Spannungsabfall ist enorm.
SPORT1: Was wäre Ihr Vorschlag?
Meier: Auch in der Vergangenheit gab es Spiele, in denen es richtig heiß war. Was haben wir gemacht? Trinkpausen! Das war völlig normal, dass man nach 20 oder 25 Minuten kurz rausgeht. Wo ist das Problem? Im Fußball haben wir 17 Spielregeln, aber die wichtigste ist eigentlich die Regel 18: der gesunde Menschenverstand. Und wenn wir den nicht mehr anwenden können, läuft irgendwas falsch. Die Trinkpausen sind keine Trinkpausen, sondern Werbepausen. Die muss man abschaffen, ganz klar. Ich bin wirklich froh, dass die Bundesliga bereits gesagt hat, dass es dazu auf keinen Fall kommen wird.
SPORT1: Worauf werden Sie mit Blick auf die Schiedsrichter in der K.o.-Phase besonders achten?
Meier: Sie wurden angewiesen, dass sie wieder aktiver werden, wieder mehr Entscheidungen treffen. Man hat gemerkt, dass viele Schiedsrichter einfach laufen lassen. Nach dem Motto: „Wenn was ist, wird sich schon der VAR melden.“ Das ist nicht richtig – und gerade in der K.o.-Phase müssen die Schiedsrichter wieder ein besseres Gespür dafür haben, wie die Spieler miteinander umgehen. Der Schutz der Spieler muss an oberster Stelle stehen. Ich hoffe, dass sie nicht auf Teufel komm raus alles laufen lassen. Es braucht eine größere Konsequenz. Sonst werden wir Verletzungen haben. Es gab in der Vorrunde keine einzige Gelb-Rote-Karte. Die sind zum Teil nicht gegeben worden, weil man keine zweite Gelbe Karte geben wollte. Die Schiedsrichter sollen die Spiele nicht entscheiden? Ja doch! Wenn es eine Gelb-Rote Karte ist, dann ist es nun einmal so.