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WM-Falle für Deutschland: Zu viel Offensive, zu wenig Absicherung?

Ist das die deutsche WM-Falle?

Hat Deutschland die Qualität, bei der WM in Kanada, Mexiko und den USA den Titel einzufahren? Dieser Frage geht SPORT1 im Gespräch mit Sportmanager Dr. Tobias Haupt nach.
Lennart Karl soll unbekümmert aufspielen und bekommt in der DFB-Offensive ungewohnte Freiheiten. Es ist eine Spielweise, die an eine DFB-Legende erinnert, die 2014 sogar Weltmeister wurde.
Hat Deutschland die Qualität, bei der WM in Kanada, Mexiko und den USA den Titel einzufahren? Dieser Frage geht SPORT1 im Gespräch mit Sportmanager Dr. Tobias Haupt nach.

Am 11. Juni beginnt die Weltmeisterschaft 2026 in Kanada, Mexiko und den USA. Drei Tage später wird es erstmals ernst für die deutsche Nationalmannschaft, wenn es in Houston gegen den krassen Außenseiter Curacao geht.

Im Gegensatz zu den vergangenen beiden Turnieren, als die DFB-Elf nicht über die Gruppenphase hinauskam, soll das Erreichen der K.o.-Phase angesichts der Gegner Curacao, Elfenbeinküste und Ecuador dieses Mal nicht in Gefahr geraten.

Ob die Truppe von Julian Nagelsmann aber auch reif für den Titel ist und was es dazu überhaupt braucht, darüber hat sich SPORT1 mit dem Sportmanager Dr. Tobias Haupt unterhalten, der zwischen 2018 und 2023 Leiter der DFB-Akademie war.

„Stabilität und eine gemeinsame Vision“ vonnöten

SPORT1: Tobias Haupt, vor jeder WM gibt es Favoritenlisten, Marktwerte, Formkurven und Prognosen. Werden viele Einschätzungen auch 2026 wieder falsch liegen? 

Dr. Tobias Haupt: Nicht, weil Experten keine Kompetenz haben. Sondern, weil Turnierfußball oft mit den Maßstäben des Ligafußballs bewertet wird. Das ist verständlich, führt aber häufig zu falschen Schlüssen. In einer Liga setzt sich Qualität meistens über viele Monate hinweg durch. Bei einer WM verdichtet sich alles. Ein Spiel, ein Rückstand, eine Sperre, eine Verletzung, ein falscher Moment nach Ballverlust. Plötzlich kippt ein ganzes Turnier. Deshalb reicht es nicht nur, auf Kaderwert, Namen oder Formkurven zu schauen. 

Die entscheidenden Fragen sind: Welche Mannschaft hat eine Spielphilosophie, die maximalem Druck standhält? Wer hat klare Rollen? Wer hat stabile Verbindungen? Wer bleibt auch dann bei sich, wenn ein Spiel chaotisch wird? Viele Prognosen bewerten individuelle Stärke. Turniere entscheiden sich aber fast immer über Stabilität und eine gemeinsame Vision.   

SPORT1: Marktwerte, Spielerprofile und Entwicklungen nehmen eine immer wichtigere Rolle ein. Welche Rolle spielen Marktwerte bei einer WM und wo beginnen die Grenzen? 

Haupt: Marktwerte sind extrem, weil sie Qualität, Potenzial, Nachfrage, Alter, Leistung und Wahrnehmung verdichten. Und oftmals viel mit Gefühl und Momentum zu tun haben. Gerade im internationalen Fußball sind sie ein wichtiges Orientierungssystem. Aber eine WM zeigt eine zweite Ebene: ob individuelle Qualität in einem anderen Kontext funktioniert. Im Verein ist ein Spieler oft perfekt eingebettet. Er kennt die Abläufe, die Mitspieler, die Automatismen. In der Nationalmannschaft ist die gemeinsame Zeit viel kürzer. Rollen, Abstände und Verbindungen sind anders.

Dann stellt sich die Frage: Wird aus individuellem Wert auch kollektive Wirkung? Ein hoher Marktwert gewinnt kein Duell um einen zweiten Ball. Er erkennt nicht automatisch eine Pressingfalle. Er stabilisiert auch nicht automatisch eine Mannschaft nach einem Rückstand. Entscheidend ist, ob die Qualität eines Spielers im Turnierkontext wirksam wird. Genau deshalb kann eine WM Marktwerte verändern. Manche Spieler bestätigen ihren Wert. Andere verlieren an Strahlkraft. Und einige, die vorher nur Fachleute auf dem Zettel hatten, werden plötzlich für den Weltmarkt sichtbar.

„Spieler, die andere besser machen“, sind relevant

SPORT1: Welche Spielertypen könnten bei der WM 2026 besonders an Bedeutung gewinnen? 

Haupt: Nicht zwingend nur die Superstars, die man gar nicht übersehen kann. Natürlich schauen alle auf Tore, Assists, Dribblings und Highlights. Aber Turniere werden oft von Spielern geprägt, die Strukturen sichern und Mannschaften stabilisieren. Ich meine Spieler, die Räume öffnen, ohne selbst den Ball zu bekommen. Spieler, die Gegner binden. Spieler, die Pressingmomente erkennen. Spieler, die die Restverteidigung organisieren. Spieler, die nach Ballverlust sofort die richtige Entscheidung treffen. Spieler, die andere besser machen, ohne dass es sofort in der Statistik sichtbar wird.

Argentinien 2022 war dafür ein starkes Beispiel. Natürlich war Lionel Messi der Fixpunkt. Aber Argentinien wurde nicht nur wegen Messi Weltmeister. Emiliano Martínez war in Schlüsselmomenten entscheidend. Cristian Romero gab defensive Führung. Rodrigo De Paul war enorm wichtig für Intensität, Balance und Verbindung. Solche Spieler definieren Turniere oft stärker, als man es in klassischen Statistiken sofort sieht.   

SPORT1: Blicken wir auf Deutschland. Worauf achten Sie bei der deutschen Mannschaft besonders? 

Haupt: Es steht doch außer Frage, dass die Mannschaft von Julian Nagelsmann genügend offensive Qualität hat. Entscheidend wird sein, wie gut Deutschland die Momente hinter der eigenen Offensive kontrolliert. Das klingt zunächst völlig unspektakulär, ist aber ein zentraler Turnierfaktor. Wir (lacht), also Deutschland, wird viele Phasen haben, in denen die Mannschaft den Ball hat, hochsteht und versucht, über Passspiel, Positionswechsel und Kreativität Chancen zu erzeugen. Die spannende Frage ist: Was passiert in der Sekunde nach dem Ballverlust oder nach dem Ballgewinn? 

Wir bei GAMECODE.Ai schauen exakt auf solche Muster: Welche Spieler geben dem Angriff entscheidende Impulse? Wer kontrolliert welche Räume? Wie stabil ist die Mannschaft, wenn ein Angriff nicht zum Abschluss kommt? Und wie schnell findet sie nach einem verlorenen Ball wieder in die Kontrolle? Gerade gegen Gegner mit Tempo, Athletik und direktem Umschaltspiel kann das entscheidend werden. Nicht jeder gefährliche Moment entsteht, weil man schlecht verteidigt. Viele gefährliche Momente entstehen, weil man vorher schlecht abgesichert angegriffen hat. Für Deutschland kann diese WM deshalb auch über eine scheinbar kleine Frage entschieden werden: Wie gut ist die Mannschaft im Moment nach dem eigenen Ballverlust und nach dem eigenen Ballgewinn?   

DFB-Elf? „Nicht nur die Qualität der Einzelspieler entscheidet“

SPORT1: Wenn wir Deutschland noch tiefer betrachten: Welche Spieler oder Rollen werden entscheidend sein, ohne dass sie zwingend die größte öffentliche Aufmerksamkeit bekommen? 

Haupt: Bei Deutschland wird aus meiner Sicht nicht nur entscheidend sein, wer die Tore schießt oder wer die spektakulären Aktionen hat. Entscheidend wird sein, dass sich so schnell wie möglich ein Team mit einer gemeinsamen Vision formt und eine zentrale Achse gebildet wird. Welche Spieler die Mannschaft in Balance halten. Gerade bei einer Mannschaft mit hoher offensiver Qualität braucht es Spieler, die keinem Zweikampf aus dem Weg gehen und dadurch für Balance sorgen.

Das betrifft zentrale Mittelfeldspieler, die das Spiel nicht nur beschleunigen, sondern im richtigen Moment auch beruhigen. Es betrifft Außenverteidiger, die nicht nur Breite geben, sondern nach Ballverlust sofort wieder die richtige Position finden. Und es betrifft Innenverteidiger, die nicht nur Zweikämpfe gewinnen, sondern früh erkennen, wann sie verteidigen, schieben oder absichern müssen. Das klingt weniger spektakulär als ein Tor oder ein Dribbling. Aber genau diese Rollen entscheiden oft darüber, ob eine Mannschaft ein Turnier gewinnen kann.  

SPORT1: Was wird demzufolge der Keyfaktor sein?  

Haupt: Kann die Mannschaft ihre offensive Qualität entfalten, ohne dabei ihre Struktur zu verlieren? Wenn das gelingt, kann Deutschland sehr unangenehm werden. Wenn nicht, entstehen genau jene Lücken zwischen den Ketten, die bei einem Turnier brutal bestraft werden. Das Spannende ist: Bei GAMECODE.AI schauen wir sehr stark auf diese unsichtbaren Zusammenhänge.

Nicht nur: Wer hatte den Ball? Sondern: Wer hat dem Ballführenden die richtige Option gegeben? Wer hat den Gegenangriff verhindert, bevor er überhaupt sichtbar wurde? Wer hat durch seine Positionierung Stabilität erzeugt? Wer hat die richtigen Entscheidungen auf dem Spielfeld getroffen. Gerade bei Deutschland wird diese Frage zentral sein. Nicht nur die Qualität der Einzelspieler entscheidet. Sondern wie gut diese Qualität in einem geschlossenen Team zum Tragen kommt.  

Kaderbreite wird entscheidend sein

SPORT1: Die WM 2026 wird erstmals mit 48 Teams, mehr Spielen und einer zusätzlichen K.o.-Runde ausgetragen. Was verändert das sportlich? 

Haupt: Diese WM wird nicht nur größer. Sie wird komplexer. Der spätere Weltmeister muss erstmals acht Spiele absolvieren. Das verändert die Turnierlogik. Mehr Spiele bedeuten mehr Belastung, mehr Rotationsentscheidungen, mehr Risiken durch Sperren und Verletzungen. Dazu kommen enorme Reisedistanzen, unterschiedliche klimatische Bedingungen und wechselnde Spielrhythmen. Deshalb wird Kaderbreite wichtiger.

Aber nicht nur im Sinne von: Wer hat die meisten bekannten Namen auf der Bank? Die bessere Frage ist: Welche Mannschaft kann Spieler ersetzen, ohne ihre Identität und klare Rollenverteilung zu verlieren? Wenn ein Schlüsselspieler ausfällt und sofort das ganze System kippt, ist das ein Risiko. Die besten Turniermannschaften werden jene sein, deren Spielidee nicht nur von elf Spielern getragen wird, sondern von einer klaren Struktur jedes einzelnen im Kader. Das wird bei dieser WM einer der zentralen Erfolgsfaktoren werden.   

SPORT1: Was wäre aus Ihrer Sicht der größte Denkfehler bei der Bewertung von Favoriten? 

Haupt: Der größte Denkfehler ist, Favoriten nur über individuelle Qualität zu definieren. Natürlich braucht man Topspieler, um Weltmeister zu werden. Aber Topspieler allein reichen nicht. Entscheidend ist, wie gut eine Mannschaft individuelle Qualität ermöglicht. Wie reagiert ein Team nach Ballverlust? Wie stabil bleibt es nach einem Gegentor? Wie klar sind die Rollen in engen Spielphasen? Welche Spieler treffen unter Müdigkeit noch die richtige Entscheidung? Wer führt emotional, wenn es schwierig wird? 

Turnierfußball ist auch ein Test für Entscheidungsgeschwindigkeit unter Druck. Gerade in K.o.-Spielen gibt es Phasen, in denen man nicht glänzen kann. Dann muss man überleben, stabil bleiben, sauber verteidigen und den richtigen Moment erkennen. Nicht jede Mannschaft mit großem Namen ist automatisch turnierrobust. Und nicht jede Mannschaft ohne maximale Strahlkraft ist automatisch chancenlos.   

SPORT1: Worauf sollten wir bei dieser WM besonders achten, wenn wir Spieler und Mannschaften bewerten? 

Haupt: Nicht nur auf den Spieler am Ball. Sondern auf die Spieler, die den ballführenden Spieler überhaupt erst wertvoll machen. Wer öffnet Räume? Wer schafft Verbindungen? Wer gibt dem ballführenden Spieler die nächste Option? Wer sichert ab, bevor ein Konter entsteht? Wer erkennt, wann ein Spiel beruhigt werden muss? Wer hilft einer Mannschaft, ihre Struktur zu behalten? Für uns alle wird das besonders spannend, weil noch nie so viele Daten zur Verfügung stehen werden wie bei dieser WM.

Es wird Spieler geben, deren Marktwert steigt, weil sie Tore schießen oder spektakuläre Szenen haben. Aber es wird auch Spieler geben, deren Wert steigt, weil plötzlich sichtbar wird, wie wichtig sie für das Funktionieren einer Mannschaft sind. Das ist für mich einer der großen Reize dieser WM: Sie wird nicht nur Stars bestätigen. Sie wird auch Spieler sichtbar machen, die vorher unterschätzt wurden. Am Ende gewinnt vielleicht nicht die Mannschaft, über die heute am lautesten gesprochen wird. Sondern die Mannschaft, die die über 150 Millionen Datenpunkte pro Spiel am besten entschlüsselt und dadurch die besten Entscheidungen auf dem Spielfeld trifft. 

Dr. Tobias Haupt ist Founder & CEO von GAMECODE.Ai. Gemeinsam mit Tobias Schweinsteiger, Head of Football Operations, verbindet er Fußballkompetenz, Datenanalyse und KI zu belastbarer Entscheidungslogik für den Profifußball. 

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