Thomas Helmer ist sich sicher, dass die Ursachen für das blamable deutsche WM-Aus tiefer liegen als viele annehmen. Im SPORT1-Interview kritisiert der Europameister von 1996 mitunter „bescheuerte“ und „sehr merkwürdige“ Entwicklungen in der deutschen Nachwuchsförderung und erklärt, was sich mit dem Beginn der Ära Jürgen Klopp – dem designierten neuen Bundestrainer – alles ändern muss.
"Dieses System erschließt sich mir bis heute nicht!" Thomas Helmer übt DFB-Kritik
„Bescheuert“: Helmer kritisiert DFB
Helmer nennt die Namen der Spieler, auf die es in der Zukunft ankommt, gibt eine Einschätzung zu einem möglichen DFB-Engagement von Ex-Weltmeister Per Mertesacker ab und liefert eine Vielzahl an kritischen Ansätzen und Fragen, mit denen sich der deutsche Fußball jetzt dringend auseinandersetzen müsse.
Die vielverwendete Floskel „Früher war alles besser“ will der 61-Jährige nicht gelten lassen, dennoch erinnert er sich an Worte seines ehemaligen Trainers Giovanni Trapattoni, die der deutschen Nationalmannschaft und dem DFB insgesamt auch heute noch lehrreich sein könnten. Der frühere Abwehrspieler von Bayern München und Borussia Dortmund rechnet mit großen Veränderungen beim Verband – eine Revolution sieht er jedoch nicht kommen.
Thomas Helmer: „Was mich erschrocken hat …“
SPORT1: Guten Tag, Herr Helmer. Lassen Sie uns über das deutsche WM-Aus sprechen. Wie haben Sie reagiert, als Manuel Neuer den fünften Elfmeter von Paraguay gehalten hat? Was danach dann passierte, wissen wir natürlich alle … Aber was war Ihre erste Reaktion?
Thomas Helmer: Ich habe natürlich – wie immer – auch in diesem Moment gedacht: ‚Okay, es geht doch alles noch gut aus. Es war kein guter Tag, es war kein gutes Spiel, es war alles nicht gut, aber es reicht trotzdem noch und wir schaffen es irgendwie.‘ Spätestens nach dem gehaltenen Elfmeter von Manu … Das war für Manu super und für die Mannschaft ein Zeichen. Und nach dem nächsten Elfmeter war ich dann genauso enttäuscht wie alle anderen. Ich habe gedacht: ‚Das kann jetzt nicht wahr sein.‘
SPORT1: Deutschland ist zum dritten Mal nacheinander bei einer WM-Endrunde nicht unter den letzten 16 Mannschaften. Gehört Deutschland überhaupt noch zur Weltspitze?
Helmer: Nein. Mit der Fragestellung haben Sie die Antwort schon gegeben. Nein, wir sind nicht mehr Weltspitze. Das müssen wir uns eingestehen. Was mich erschrocken hat, ist nicht, dass wir leistungsmäßig oder in der Breite nicht die besten Spieler haben – sondern mich hat die Einstellung, der Wille, dieses Nicht-Aufgeben, was wir sonst immer hatten, gestört. Dass wir dagegenhalten. Die vermeintlich kleineren und spielerisch schwächeren Mannschaften haben zumindest alles gegeben. Auch die Belgier zum Beispiel: Die hatten begrenzte spielerische Möglichkeiten, aber das Spiel war immer spannend, weil sie es offen gehalten haben, indem sie sich reingeschmissen haben. Das habe ich bei unserer Mannschaft echt vermisst.
Helmer kritisiert die Einstellung der deutschen Nationalspieler
SPORT1: Was hatte zum Beispiel eine Mannschaft wie Norwegen, was wir nicht hatten? Denn Norwegen war seit 26 Jahren bei keinem einzigen großen Turnier.
Helmer: Erstmal freuen die sich natürlich, dass sie überhaupt dabei sind. Das ist für die natürlich etwas ganz Besonderes. Bei uns habe ich manchmal das Gefühl, es ist nichts Besonderes mehr, Nationalspieler zu sein. Für mich war es das Größte, zum Länderspiel zu fahren, egal ob gegen Luxemburg oder Brasilien, das war völlig wurscht. Da müssen wir wieder hinkommen, dass auch ein Turnier etwas Besonderes ist. Und bei Norwegen ist es zum Beispiel so: Wenn Haaland mal nicht funktioniert – und du siehst ihn ja manchmal auch 60 Minuten nicht – funktioniert das Kollektiv. Der Rest der Mannschaft fängt das dann auf. Die arbeiten, die machen die Defensive, die er nicht machen will oder nicht machen kann. Und das zeichnet eine große Mannschaft aus.
SPORT1: Wie weit ist der Weg für Deutschland, um dorthin zu kommen?
Helmer: Wir haben ja alle gesagt: Jetzt ist es der richtige Schritt, das zu tun, was getan werden muss. Viele junge Spieler müssen herangeführt werden. Kloppo, der der Bundestrainer werden wird, wird das schaffen. Ich glaube, dass er die Jungs einfangen kann und ihnen die richtige Mentalität und die Einstellung einimpft, die wir zuletzt vermisst haben. Er hat sicherlich trotzdem nicht die Vielzahl und die Riesenauswahl an Spielern, aber ich glaube, dass er aus fast allen Spielern noch viel rausholen kann.
Mertesacker? „Dass man sich übers Fernsehen bewerben kann …“
SPORT1: An welche Spieler denken Sie, die bei der WM noch kein Teil des Kaders waren?
Helmer: Lennart Karl hat Pech gehabt mit seiner Verletzung. Tom Bischof ist auch noch einer von den jungen Spielern. Wir haben davon schon eine ganze Menge. Kevin Schade, Yann Aurel Bisseck, wie sie alle heißen. Die muss man jetzt heranführen und ausprobieren. Julian hat da einen Fehler gemacht: Ich erinnere mich an Nnamdi Collins von Frankfurt. Der hat ein Spiel gemacht, ein schlechtes Spiel – und dann war er weg und war völlig verbrannt. Das hilft einem jungen Spieler natürlich überhaupt nicht. Große Veränderungen wird es auf jeden Fall geben. Aber eine Revolution wäre noch etwas ganz anderes. Aber so schlimm wird es ja nicht sein. Rudi Völler macht ja weiter zum Beispiel. Und es sind ja noch ein paar mehr, die weitermachen. Es ist ja nicht so, dass alle weg sind.
SPORT1: Was wünschen Sie sich denn, falls Per Mertesacker eine Aufgabe beim DFB übernehmen sollte? Welchen Input kann er einbringen?
Helmer: Ich finde es cool, dass man sich übers Fernsehen mittlerweile auch bewerben kann (lacht). Aber das ist natürlich nicht Pers Schuld, das muss man ganz ehrlich so sagen. Ich halte ihn für sehr geeignet, weil er bei Arsenal alles durchlaufen hat, weil er das internationale Flair und die Kenntnisse hat. Weil er ein kluger Kopf ist und sich nicht selbst in den Vordergrund spielt, sondern wirklich etwas erreichen möchte. Und er weiß, wie man es schafft. Das sind viele positive Attribute, deswegen: Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Das würde mich freuen.
„Das ist genauso bescheuert! Was soll das?“
SPORT1: In welchen Punkten sind andere Nationen dem deutschen Fußballsystem voraus?
Helmer: Die Ausbildung der einzelnen Spieler scheint besser zu sein, aber auch die Trainerausbildung im Jugendbereich. Ich kenne mich zu wenig mit den NLZs aus, aber ich weiß gar nicht, was da inhaltlich alles gemacht wird, ob das wirklich auch die Jungs fördert, ob es sie weiterbringt, oder ob da nur ausgesiebt wird und gesagt wird: „Du bist zu schlecht, du schaffst es nicht.“ Und dann war es das. Also ob man sich genug Mühe gibt, wobei ich den Leuten nichts unterstellen möchte. Aber auch da müssen wahrscheinlich andere Sachen reingebracht werden. Ich habe nie verstanden, warum wir auf einmal ohne Tore oder ohne Ergebnis spielen müssen.
SPORT1: Sie meinen also vor allem den Jugendbereich?
Helmer: Ja, dieses Funino (spezielle Spiel- und Trainingsform im Kinderfußball: 3vs3 mit vier Minitoren, Anm. d. Red.). Das erschließt sich mir bis heute nicht, dieses System. Was das bringen soll, was das besser machen soll. Ich war damals dabei, als der DFB das vorgestellt hat. Ich fand das sehr, sehr merkwürdig. Anschließend kam die Frage von mir und anderen Leuten wie Didi Hamann: ‚Wie soll sich denn eine Persönlichkeit entwickeln, wenn einem Spieler alles abgenommen wird oder wenn er nicht mehr verlieren und nicht mehr gewinnen darf? Wenn einfach auch keine Meinung mehr eingefordert wird?‘
SPORT1: Haben Sie das Gefühl, dass es sich dabei um ein gesellschaftliches Problem handelt? Man könnte bei den Bundesjugendspielen anfangen, wo es keine Ehren- und Siegerurkunden mehr gibt …
Helmer: Das ist genauso bescheuert, wenn Sie mich fragen. Was soll das? Es ist ein Wettkampf. Klar gibt es einen Sieger und einen Verlierer. Daran müssen sich unsere jungen Menschen – das gilt auch für meine Kinder – gewöhnen, das ist einfach so. Und das ist nichts Schlimmes und nichts, was einem im Wege steht, im Gegenteil: Mich hat es motiviert, um beim nächsten Mal besser zu sein. Es hat mich angespornt, im Training wieder mehr zu machen.
SPORT1: Wenn man jetzt sagen würde, dass wir schlichtweg noch nicht so weit sind und bereits ein Einzug unter die letzten Acht ein Erfolg wäre: Würde diese Herangehensweise in Deutschland überhaupt akzeptiert werden?
Helmer: Es ist schwierig, weil der Anspruch natürlich immer da war. Zu meiner Zeit war es wirklich so, dass man gesagt hat: ‚Diese deutsche Nationalmannschaft darf nicht verlieren.‘ Schon ein Unentschieden war schwierig. Das ist schon gewaltig. Aber wir sollten das ein bisschen zurückschrauben. Wenn wir jetzt mitziehen und begreifen, dass wir strukturelle Veränderungen schaffen müssen und dass diese einen Moment brauchen werden, dann würde uns das gut tun. Und diese Geduld sollten wir uns allen geben und nicht von vornhinein vom Titel träumen und das als Ziel ausgeben. Es ist immer richtig, das höchste Ziel anzustreben, aber man muss auch realistisch dabei bleiben.
Helmer erinnert sich an weise Worte von Trapattoni
SPORT1: Ist das Minimum für das Maximum gemacht?
Helmer: Erstens das, das kann er (Klopp, Anm. d. Red.) ja sicherlich, aber er fängt natürlich auch viel auf. Dadurch bekommen die jungen Spieler die Chance, zu reifen und zu wachsen, sie dürfen Fehler machen bei ihm. Er wird das medial gut begleiten, da mache ich mir gar keine Sorgen. Und er wird auch die nötige Geduld bekommen, die wir jetzt alle brauchen. Er ist der Menschenfänger und jetzt muss er die Jungs einfangen.
SPORT1: Wenn man im Moment Sport-Dokus ansieht, tauchen Sie ja fast permanent im Fernsehen auf. Da geht es immer um die gute alte Zeit und jeder sagt: ‚Guck mal, wo wir waren.‘ Ist das nicht auch schon fast wieder eine Last?
Helmer: Wir erwischen uns ja auch dabei, zu sagen: ‚Früher war das anders.‘ Wir sagen bewusst nicht mehr ‚besser‘, sondern ‚anders‘. Es gibt ein paar Sachen, die wirklich ganz gut waren. Das sollte sich jeder vielleicht mal vor Augen führen, wenn er sich diese Dokus anschaut. Das sind die Basics, die heute einfach fehlen. Ich erinnere mich immer an Giovanni Trapattoni (ehemaliger Bayern-Trainer, Anm. d. Red.), der gesagt hat: ‚Thomas, die kleinen Situationen entscheiden das Spiel.‘ Damit meinte er Eckbälle, Standardsituationen, Einwürfe. Wenn du das gut trainierst, gut eingespielt bist und gut aufeinander abgestimmt bist, dann hast du einen Vorteil – besonders in engen Spielen wie heute. Und das ist nicht schwer, das sind eben die Basics. Da muss ich heute keine zehn wissenschaftlichen Auswertungen und Analysen haben und auch keine zehn Trainer, die analysieren, warum er jetzt nach links oder nach rechts gelaufen ist. Nein, manchmal ist Fußball auch ganz einfach und da sollten wir wieder dran denken.