In Jena, Mönchengladbach und Nürnberg ist er als Erfolgscoach in Erinnerung. Im Rest der Fußballnation ist er als ebenso kritischer wie humorvoller Geist bekannt und geschätzt. Kaum jemand verbindet Freud und Leid am Fußball so glaubwürdig wie Hans Meyer.
"Bei Bayern wehte Nagelsmann zum ersten Mal richtig Wind entgegen"
„Das hat Julian so nie mitgemacht“
SPORT1 hat den 83-Jährigen in Nürnberg besucht. Im Interview erläutert die Trainerlegende ihre Gedanken zur ausklingenden Fußball-WM in den USA. Es geht nicht nur um das deutsche Fiasko, seine Ursachen und seine Folgen, Julian Nagelsmann und Jürgen Klopp. Meyer spricht auch über aus seiner Sicht missglückte Versuche, den Fußball besser zu machen – und darüber, warum der Sport am Ende doch stärker ist als all seine Probleme.
SPORT1: Herr Meyer, wenn Sie den heutigen Spitzenfußball sehen: Was beeindruckt Sie noch – und was stört Sie am meisten?
Hans Meyer: Mich beeindruckt, dass sich im Fußball auf dem Platz nicht so viel verändert hat, wie viele einem einreden wollen. Natürlich hat sich durch die immer weiter zunehmende Massenwirksamkeit etwas verändert, auch durch die zusätzliche Rundumbegleitung seitens der Medien. Aber geblieben ist das grundlegende Interesse am Fußball. Millionen und Abermillionen Menschen interessieren sich aktiv oder passiv dafür. Kinder und Jugendliche versuchen, ihren großen Vorbildern nachzueifern. Ob es dabei um menschliche Qualitäten oder um den Status dieser Vorbilder geht, weiß ich nicht. Das ist auch nicht entscheidend. Fußball erreicht jede Bevölkerungsschicht.
SPORT1: Trotz aller Kritik am modernen Fußball?
Meyer: … die ja zum Teil durchaus berechtigt ist. Es gab schon so viele Momente, in denen Menschen gesagt haben: Jetzt geht es mit dem Fußball bergab. Zum Beispiel während der Scheiß-Coronazeit waren alle Fußballfeinde auf dem Trapez und haben behauptet: Das überlebt er nicht. Der Fußball überlebt immer. Das Interesse kommt aus der Basis. Den Fußball kriegst du nicht tot. Und das ist gut zu wissen.
SPORT1: Früher hieß es oft: Der Fußball gehört den Menschen. Heute ist er Kulturgut, Milliardenindustrie und Weltshow. War der Fußball wirklich einmal romantischer?
Meyer: Er wird sich seine Romantik in der Breite ewig erhalten. Durch die Bedeutung des vermarktbaren Fußballs gerät sie leider zu oft in den Hintergrund. Wenn man in die unteren Klassen schaut, ins Ehrenamt, in die Breite des Fußballs, kann man darüber unzählige Bücher schreiben. Über wunderschöne Aktionen. Über herrliche Begegnungen. Über glückliche Jungs in der Kabine, ohne dass auch nur in irgendeiner Weise die Wirtschaft in der Nähe ist.
„Auch Curaçao weiß, dass Luft im Ball ist“
SPORT1: Sie sagen immer, Fußball sei eben nicht nur Spitzenfußball. Was meinen Sie damit?
Meyer: Genau. Zum Glück für Abermillionen Mädchen, Jungen und erwachsene Amateure, für die Fußball – unterstützt durch Eltern und Ehrenamtliche – wichtiger Lebensinhalt und Lebensfreude ist. Und das im Schatten der Öffentlichkeit. Aber auch im Profifußball haben Curaçao und Kap Verde bei der WM 2026 gezeigt, dass es nicht nur um Messi, Ronaldo, Kane und Mbappé geht, sondern dass auch kleine Fußballnationen Freude und Begeisterung auslösen können.
SPORT1: Nehmen wir Curaçao: Was fasziniert Sie an der Geschichte dieser Mannschaft?
Meyer: Ich wusste bis vor Kurzem nur, dass Curaçao nicht nur ein Getränk, sondern auch ein Land ist. Weil ich in Holland gearbeitet habe, wusste ich aber, dass natürlich Geschichte dahintersteckt. Viele dieser Spieler sind in den Niederlanden geboren, dort ausgebildet worden und haben eine hervorragende Nachwuchsausbildung genossen. Natürlich können die Fußball spielen. Trotzdem sind manche ehemaligen Nationalspieler und Fachleute überrascht, dass auch Curaçao weiß, dass Luft im Ball ist. Ich weiß gar nicht, wie unmenschlich jemand sein müsste, der nicht fast Tränen in die Augen bekommt, wenn ein kleines Land auf einer großen Fußballbühne einen Moment erlebt, den die Menschen nie vergessen.
SPORT1: Was macht solche Geschichten für Sie besonders?
Meyer: Wenn ein Land mit nicht einmal 200.000 Einwohnern ein Tor erzielt und plötzlich alle Menschen dort gemeinsam etwas erleben, ist das doch herrlich. Oder Kap Verde. Da erfährst du die Geschichte dieses Landes, die Kolonialvergangenheit, die Unabhängigkeit. Und dann spielt dort einer mit, der aus der deutschen Regionalliga kommt, und schießt gegen eine große Mannschaft ein fantastisches Tor. Solche Geschichten machen den Fußball aus. Kaum ein Politiker in der Geschichte kann von sich behaupten, so viele Menschen begeistert zu haben wie dieser Sport.
SPORT1: Was stört Sie am Spitzenfußball?
Meyer: Am Spiel selbst erst einmal wenig. Mich stört eher, dass immer wieder versucht wird, ihn mit irgendwelchen „klugen“ Ideen attraktiver zu machen. Wir sollten den Fußball einfach Fußball sein lassen. Schießt genug Tore, spielt fair und sauber, aber zeigt den Leuten mit Einstellung, dass ihr alles gebt für ihr Seelenheil. Dann reicht das. Wir reden seit Jahrzehnten davon, die Abseitsregel großzügig auszulegen – im Zweifel für den Angreifer. Niemand hat sich daran gehalten. Und jetzt ist Abseits ein Problem. Handspiel ist ein Problem. Wir haben Probleme geschaffen. Das Lob vieler Fachleute über diesen angeblich so ehrlich machenden Videobeweis kannst du vergessen.
„Wir machen den Fußball komplizierter“
SPORT1: Ist Fußball intelligenter geworden – oder machen wir ihn nur komplizierter?
Meyer: Wir machen den Fußball komplizierter. Wenn jemand sagt, Fußball habe sich verändert, dann sicher nicht in dem, was Fußball eigentlich ausmacht. Fußball ist relativ überschaubar und klar. Wenn er unüberschaubar wird, tragen wir dazu bei. Manchmal reden wir über hochtheoretische Dinge, aber einfache Fehler werden kaum angesprochen. Wenn ein Verteidiger mehrfach die Innenbahn öffnet, beim Doppelpass wiederholt dem Ball folgt und nicht dem Passspieler oder ein Nationalspieler ohne Abstimmung mit den Mitspielern eine Abseitsfalle stellen will und das Ausscheiden aus einem WM-Turnier verursacht, brauche ich keine Erkenntnisse der Wissenschaft. Das müssen die Trainer sehen, ansprechen und korrigieren. Wenn wir es richtig machen, erledigen wir das allerdings bereits im Kinder- und Jugendbereich.
SPORT1: Hat der Videobeweis einen unrealistischen Anspruch geschaffen, den Fußball vollständig gerecht zu machen?
Meyer: Natürlich ist Fußball immer mal wieder ungerecht. Aber wir wollen ihn ausgerechnet mit dem VAR gerecht machen? Da könnten wir an vielen Stellen unserer Gesellschaft einen VAR gebrauchen. Solange auch der Videobeweis von subjektiven menschlichen Entscheidungen abhängig ist, klärt er nicht die grundsätzlichen Probleme unseres Spiels.
SPORT1: Hat das viele Geld, das heute im Fußball verdient wird, die Profis verändert?
Meyer: Das kann man nicht pauschal sagen. Beim Fußball schauen wir jedes Wochenende hin und messen alles daran, was ein Spieler verdient. In anderen Bereichen verdienen Menschen ebenfalls gewaltige Summen – teilweise für Leistungen, bei denen man sich fragt, wie das zu rechtfertigen ist. Aber nur beim Fußball wird jedes schlechte Spiel sofort mit dem Gehalt verrechnet. Die Diskussion über Geld im Fußball ist manchmal nur eine hässliche Methode von denen, die darüber berichten.
SPORT1: Sie haben auch erlebt, dass Spieler mit ihrem Geld Verantwortung übernommen haben.
Meyer: Es gibt Neven Subotic, der mit einer Stiftung in Afrika Brunnen baut. Aber es gibt noch viel mehr Spieler, die sich engagieren, als die Öffentlichkeit mitbekommt.
SPORT1: Gibt es trotzdem einen Punkt, an dem die Vermarktung des Fußballs für Sie an eine Grenze stößt?
Meyer: Ja. Wenn die FIFA, die UEFA und die Profiklubs die Vermarktung so auf die Spitze treiben, dass es durch immer mehr Spiele und Wettbewerbe zu einer echten Überlastung der Spielerinnen und Spieler kommt, ist eine Grenze erreicht. Zwischen der Belastbarkeit der Spieler und der Häufigkeit der Spiele bestehen antagonistische Widersprüche. Immer mehr Wettbewerbe bringen anderen Leuten mindestens genauso viel Geld wie den Spielern, die dafür ständig auf den Platz müssen. Aber nur die Spieler tragen das verstärkte Verletzungsrisiko. Deshalb ist der erhobene Zeigefinger vieler methodisch starker Trainer wie Jürgen Klopp berechtigt.
Meyer: „Wir können nicht mehr verteidigen“
SPORT1: Sie haben sich für unser Interview einen Satz von Philipp Lahm notiert. Warum?
Hans Meyer: Lesen Sie ihn mal.
SPORT1: Lahm schrieb nach dem WM-Aus gegen Paraguay im Kicker: „Wir brauchen ein Bewusstsein fürs Verteidigen. Als Mannschaft und in Eins-gegen-eins-Situationen. Jeder Zweikampf muss genutzt werden, als sei es der letzte.“
Meyer: Genau das ist es! Das sage ich seit zehn Jahren. Wir können nicht mehr verteidigen. Und wir haben kaum Spieler, die ein Bewusstsein für Gefahr haben. Wie wir in Deutschland Tore fressen, hat nicht nur damit zu tun, dass die gegnerischen Stürmer so stark sind. Es hat auch damit zu tun, dass unsere Art zu verteidigen teilweise eine Katastrophe ist.
SPORT1: Wenn Sie auf den deutschen Fußball schauen: Fehlt Qualität, Mentalität oder etwas ganz anderes?
Meyer: Das ist so in der Kürze der Zeit schwer zu beantworten. Wir müssen den Fußball dafür in seine Details zerlegen. Ich glaube, dass wir uns in der Breite in Deutschland technisch weiterentwickelt haben. Die Athletik war und ist nicht unser Problemkind – und wird es auch nicht werden. Auch wenn durch die Wettkampfhäufigkeit die Trainingsintensität oft auf der Strecke bleiben muss. Abwehrtaktisch beschränken wir uns eindeutig zu sehr auf permanentes Pressing und beschäftigen uns zu wenig mit den alternativen Möglichkeiten, individuell genauso wie im Team. Die Psyche steht in ständigem Wechsel mit der Gesamtleistungsfähigkeit, im Erfolg wie im Misserfolg. Da wir momentan eine Phase durchwandern, in der das Talentaufkommen offensichtlich nicht den Erwartungen entspricht, haben wir eine Menge guter, charakterlich bemerkenswerter Spieler, aber wenig aktuelle Weltklasse. Die hatte Deutschland zu Erfolgszeiten aber immer ausreichend.
SPORT1: Stichwort Charakter: Fehlt der Nationalmannschaft eine hervorstechende Persönlichkeit?
Meyer: Persönlichkeit ist von außen sehr schwer zu beurteilen. Es gibt Spieler, mit denen würdest du gerne zusammen sein, weil sie eine tolle Ausstrahlung haben. Aber wenn sie nicht gut genug Fußball spielen, sind sie trotzdem keine Fußballpersönlichkeit. Und andersherum werden Persönlichkeiten oft noch größer gemacht, wenn Erfolg da ist.
SPORT1: Kann ein Trainer heute Menschen noch formen – oder ist er eher Manager hoch bezahlter Profis?
Meyer: Wenn du es nicht schaffst, deine Umgebung mitzunehmen, wenn du keine sozialen Fähigkeiten hast und Menschen nicht achtungsvoll und einigermaßen gerecht führen kannst, hast du als Trainer keine Chance. Das ist wichtiger, als wenn du alle theoretischen Möglichkeiten des Fußballs kennst. Natürlich hast du heute viele Mitarbeitende um dich herum. Aber was die Beziehung zum einzelnen Spieler und zur Mannschaft betrifft, ist der Trainer die wichtigste Person im Klub.
SPORT1: Wird unterschätzt, wie viel ein Trainer akzeptieren muss, was er gar nicht beeinflussen kann?
Meyer: Das lernt man mit der Zeit. Einem jungen Trainer kann ich das nicht übelnehmen. Aber wenn du länger Trainer bist, erlebst du Situationen, in denen du alles gemacht hast, was du weißt und kannst: Die Vorbereitung stimmt. Die Umstände stimmen. Der Gegner ist schlagbar. Und trotzdem verlierst du. Ein Trainer, der glaubt, dass alles nur an ihm hängt, relativiert diesen Gedanken irgendwann und belastet sich damit zusätzlich. Natürlich musst du Verantwortung übernehmen. Aber du musst auch begreifen, dass im Fußball nicht alles planbar ist.
Nagelsmann? „Es lief vorher zu glatt“
SPORT1: Woran ist Julian Nagelsmann als Bundestrainer gescheitert?
Meyer: An erster Stelle hatte er, wie die zwei Trainer zuvor, durch den Generationswechsel einen Kaderumbruch zu bewältigen. Julian Nagelsmann hatte den Vorteil, dass er im Nachwuchsbereich bei einem Verein begonnen hat, der durch Ralf Rangnick in einer bewundernswerten Art aufgebaut wurde. Mit Köpfchen. Mit Wissen. Mit allem, was dazugehört: Training, Belastung, Erholung, medizinische Betreuung und Wissenschaft. Er ist in eine sehr günstige Situation hineingewachsen. Natürlich hat er mit seinem eigenen Kopf, seiner Pfiffigkeit und seiner Arbeit dafür gesorgt, dass er sich diese Anerkennung verdient hat. Aber dass es so glatt lief, ist auch ein Grund für spätere Probleme.
SPORT1: Was meinen Sie damit?
Meyer: In Hoffenheim kam er in eine Mannschaft, die besser war als ihre Tabellensituation. Er hat sehr schnell dafür gesorgt, dass sie erfolgreich wurde. Aber er hatte dort drei Jahre, in denen er nie in eine richtig schwierige Situation kam. Keine existenzielle Krise. Dann kam Leipzig. Auch dort machte er es gut. Aber wieder eine Station, bei der er noch nicht wirklich erlebt hat, was Trainersein im Leistungssport auch bedeuten kann. Fünf Jahre ohne diesen Gedanken: Vielleicht wäre es besser, ich würde mich meiner Familie widmen. Das gibt es ganz selten.
SPORT1: Und dann?
Meyer: Bei Bayern wehte ihm zum ersten Mal richtig Wind entgegen. Da gab es eine Erwartungshaltung, an der er angeeckt ist. Er hatte wenig Erfahrung damit, dass im Fußball immer wieder Dinge passieren, für die du als Trainer einen Scheißdreck kannst. Was durch seinen Kopf geht, ist oft richtig gut durchdacht. Aber manchmal brauchst du auch Erfahrungswerte. Es lief vorher zu glatt. Ein paar seiner Gedanken hätten eher eine Bremse vertragen können.
„Klopp hat dieses Stahlbad bekommen“
SPORT1: Nagelsmann ist nun zurückgetreten, alles deutet auf Jürgen Klopp als Nachfolger hin. Sie haben die Wichtigkeit sozialer Fähigkeiten betont. Ist Klopp, der „Menschenfänger“, eine dementsprechend gute Wahl?
Meyer: Man braucht sich nur seine Ergebnisse anzuschauen. Was bei seinen Klubs passiert ist, muss mit ihm zusammenhängen. Was er mit Mainz, Dortmund und Liverpool gemacht hat, war sensationell und spricht für sich. Klopp ist in vielerlei Hinsicht ein Gegenpol zu Nagelsmann. Er hat eine sehr gute Entwicklung genommen, aber er hat zeitig das Stahlbad bekommen. Erinnern Sie sich an seine Zeit in Mainz: Er war zweimal ganz kurz vor dem Aufstieg und ist nicht aufgestiegen. Wissen Sie, wie schlecht man da schläft nachts? Das hat Julian so nie mitgemacht.
SPORT1: Danach kam Borussia Dortmund.
Meyer: Genau. Er kam zu einem günstigen Zeitpunkt. Dortmund war im Mittelfeld, hatte finanzielle Probleme. Jürgen konnte dort relativ ruhig arbeiten. Und dann hat er eine Mannschaft zusammengestellt und zwei Jahre Fußball spielen lassen, sodass ganz Deutschland ihnen zu Füßen gelegen ist. Anschließend hat er ein halbes Jahr lang erlebt, dass nicht immer alles so läuft, wie du willst. Und dann geht er nach Liverpool. Was er dort gemacht hat, war faszinierend.
„Klopp ist der richtige Mann – aber zaubern kann er auch nicht“
SPORT1: Wäre Klopp der perfekte Bundestrainer?
Meyer: Wenn man auf seine Geschichte schaut: Es muss eigentlich verboten sein, überhaupt diese Frage zu stellen. Also allen außer mir (lacht). Nein, im Ernst: Kloppo ist ganz sicher der richtige Mann für diese Funktion. Aber eines darf man nicht vergessen: Er übernimmt eine mittelmäßige Mannschaft. Zaubern kann Jürgen auch nicht. Und die Erwartungen werden mit seiner Person nicht kleiner, sondern größer.
SPORT1: Wenn Sie heute auf den Fußball zurückblicken: Vermissen Sie diese Welt?
Meyer: Ich vermisse sie nicht. Ich war kein Nationalspieler, kein gestandener Erstligaspieler. In sechseinhalb Jahren in der ersten Mannschaft habe ich insgesamt nur 30 Spiele gemacht. Diese Einsätze haben zwar jedes Mal gereicht, damit ich eine Medaille umgehängt bekam, weil wir in meiner Zeit zweimal DDR-Meister geworden sind. Ich weiß natürlich auch, dass Millionen und Abermillionen Jungs und Mädchen auf der Welt nie so großartig Fußball spielen werden wie ich. Aber dort, wo für euch Journalisten der Fußball eigentlich anfängt, hatte ich als Spieler nichts zu suchen. Weltklasse bin ich erst später als Trainer geworden (lacht).
SPORT1: Sie haben als Trainer mit Carl Zeiss Jena dreimal den FDGB-Pokal gewonnen, ihr größter Erfolg nach der Wiedervereinigung war der DFB-Pokalsieg mit Nürnberg 2007. Was bedeuten Ihnen Titel?
Meyer: Ein Pokalsieg bleibt natürlich, auch wenn er sehr glücklich zustande gekommen ist. Den nimmt dir keiner mehr weg. Aber wenn ich ehrlich bin: Wie meine Mannschaften Fußball gespielt haben, war mir fast noch wichtiger. Wenn mir jemand sagt, dass sich die Menschen mit meinen Mannschaften identifizieren konnten, freut mich das genauso. Ein einzelner Titel hängt immer auch von Umständen ab. Wie eine Mannschaft Woche für Woche arbeitet, wie sie miteinander umgeht und welchen Fußball sie spielt – das beschreibt deine Arbeit manchmal genauer als ein einziges Endspiel.
SPORT1: Wenn Menschen heute über Sie sprechen, zitieren sie oft eher Ihre Sprüche als Tabellenplätze. Freut Sie das – oder denken Sie manchmal: Leute, ich habe nebenbei auch Fußballspiele gewonnen?
Meyer: Ich kann nicht verhehlen: Wenn ich hier durch Nürnberg gehe, gibt es im Monat vielleicht zehn oder zwölf Leute, die mich ansprechen – meistens, wenn es beim Club schlecht läuft. Dann sagen sie: „Oh, Herr Meyer, kommen Sie doch wieder.“ Ich sage meistens: „Haben Sie früher nicht hinter meiner Bank gesessen und immer gerufen: Meyer, wechsle endlich aus?“ Die gehen dann ganz schnell weiter (lacht). Im Ernst aber: Natürlich freut es mich, wenn mich Menschen heute noch auf meine Zeit beim Club ansprechen.
„Was soll das mit der Legende?“
SPORT1: Wie gefallen Ihnen Zuschreibungen wie „Legende“ und „Kulttrainer“?
Meyer: Wissen Sie: Ich kenne so viele Legenden und Kulttrainer, die aus meiner Sicht menschlich nicht die Allergrößten sind. Und es wird nicht wenige, sondern sehr viele geben, die mich auch als Arschloch empfunden haben. Was soll das also mit der Legende? Solche Begriffe entstehen meistens im Rückblick. Wenn Erfolg da ist, werden Menschen größer gemacht, als sie waren. Und wenn Erfolg fehlt, wird manches vergessen, was trotzdem gut gewesen ist.
SPORT1: Hat Ihnen Ihr Hang zur Ironie als Trainer eigentlich eher geholfen oder geschadet?
Meyer: Manchmal hat die Ironie schon geholfen, aber sie macht den Umgang mit mir nicht immer leichter. Ironie kann Spannung herausnehmen. Sie kann Menschen zum Nachdenken bringen. Sie kann aber auch verletzen, wenn jemand nicht erkennt, wie etwas gemeint ist. Als Trainer darfst du deshalb nicht glauben, dass ein guter Spruch schon gute Führung ist. Am Ende musst du ehrlich, anständig und einigermaßen gerecht mit Menschen umgehen. Ob du dabei lustig bist oder nicht, ist zweitrangig. Was meinen Hang zu Ironie in Interviews angeht: Er hat auch damit zu tun, dass rund um den Fußball viel zu viel geredet wird. Deshalb habe ich selten eine Chance, etwas ohne Ironie zu sagen, weil ich bei mancher Frage und Antwort die Gefahr wittere, dass mich irgendjemand zu ernst nimmt.
SPORT1: Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht Fußballtrainer geworden wären?
Meyer: Weiß ich gar nicht so richtig. Ich habe schon manchmal überlegt, was aus mir geworden wäre, wenn ich auf einem anderen Gebiet als dem Fußball alles genutzt hätte, was mein Kopf so hergibt – oder nicht hergibt. Ich glaube, ich hätte es in keinem Beruf zu etwas wirklich Großem gebracht. Kein Nobelpreisträger … Wobei: FIFA-Friedenspreisträger hätte ich vielleicht werden können (lacht).