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Gressel: "Die Jungs haben es geschafft, das Land anzuzünden"

Messi? „Überrascht bin ich nicht“

Die WM-Begeisterung in den USA ist spätestens seit dem Einzug ins Achtelfinale auf einem Allzeit-Hoch. Der deutsch-amerikanische MLS-Profi Julian Gressel spricht im Interview mit SPORT1 über die Chancen der US-Boys und Lionel Messi.
Die US-Fans feiern ihr Team ausgelassen, nachdem die USA ins Achtelfinale bei der WM eingezogen sind. Das Fußballfieber scheint über den Teich zu schwappen.
Die WM-Begeisterung in den USA ist spätestens seit dem Einzug ins Achtelfinale auf einem Allzeit-Hoch. Der deutsch-amerikanische MLS-Profi Julian Gressel spricht im Interview mit SPORT1 über die Chancen der US-Boys und Lionel Messi.

Zwei Herzen in einer Brust – und dennoch ist die Wahl des richtigen Trikots für Julian Gressel aktuell nicht schwer. Denn nach dem WM-Aus der DFB-Elf drückt der deutsch-amerikanische MLS-Profi den US-Boys alle Daumen.

Im Interview mit SPORT1 spricht der 32-Jährige über die Chancen des Gastgebers, die Euphorie im Land und vor allem, was Lionel Messi aktuell so besonders macht. Und der gebürtige Franke muss es wissen: In Miami spielte Gressel mit dem Argentinier zusammen und bekam dadurch Einblicke in seine perfekt gesteuerten Trainingseinheiten. Oder liegt es doch nur an dem verwunschenen Jungbrunnen in Florida?

SPORT1: Herr Gressel, die wichtigste Frage zuerst: Wie läuft’s im Tippspiel? Wie steht’s? (Anm. d. Red.: Gressel tippt die WM-Spiele mit seiner fünfjährigen Tochter, dokumentiert das Duell auf seinem Instagram-Kanal).

Julian Gressel: Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen (lacht). Ich war lange Zeit vorne, aber sie hat sich zurückgekämpft. Auch, weil sie auf meine Frau gehört hat. Die ist eine gute Tipperin.

„Der Heimvorteil kann ein großer Faktor sein“

SPORT1: Dann tippen Sie doch gerne weiter. Für die USA geht es im Achtelfinale gegen Belgien. Was trauen Sie der Mannschaft zu?

Gressel: Belgien ist der bislang stärkste Gegner für die USA. Jetzt müssen die Jungs wirklich an ihre Grenzen gehen, um da weiterzukommen. Nun können sie beweisen, dass sie auch die Qualität haben, einen großen Gegner zu schlagen. Ich sehe die beiden Mannschaften auf Augenhöhe. Und man darf nicht vergessen: Der Heimvorteil mit den Fans im Rücken kann schon ein großer Faktor sein.

SPORT1: Also? Schaffen die USA den Sprung ins Viertelfinale? Oder sogar noch weiter?

Gressel: Ich glaube an einen Sieg gegen Belgien, vielleicht erst nach Verlängerung oder im Elfmeterschießen. Eine Runde ist noch drin. Danach dürfte aber wohl Schluss sein. Spanien oder Portugal sind eine Nummer zu groß. Aber wer weiß? Es wäre nicht die erste Überraschung bei dieser WM. Und selbst wenn die USA dann im Viertelfinale ausscheiden sollten, können sie sich für ein sehr gutes Turnier auf die Schulter klopfen.

SPORT1: Spielt die Mannschaft aktuell am Limit?

Gressel: Auf jeden Fall überzeugen gerade fast alle. Aber sie haben auch noch Luft nach oben. Allein, wenn ich an Christian Pulisic denke. Er hat noch nicht alles gezeigt, was er kann. Er ist das Gesicht des Teams, kann die ganze Mannschaft tragen. Wenn ihm das gelingt, kann er die USA nochmal auf ein neues Niveau hieven.

„Die Jungs haben es geschafft, das Land anzuzünden“

SPORT1: Wie nehmen Sie die Stimmung im Land wahr? Es wirkt so, als hätte der Sieg im Sechzehntelfinale einen ordentlichen Schub gegeben …

Gressel: 100-prozentig! Die Stimmung hier im Land ist wirklich richtig gut. Ich war anfangs etwas skeptisch. Vor dem ersten Spiel habe ich relativ wenige Leute in Trikots gesehen – da war ich gefühlt der Einzige (lacht). Aber mittlerweile merkt man, wie die Menschen dafür brennen und dahinterstehen. Auch die Einschaltquoten sind gigantisch – gerade beim letzten Spiel gegen Bosnien und Herzegowina. Die Jungs haben es geschafft, das Land anzuzünden.

SPORT1: Sie haben für die USA sechs Länderspiele absolviert. Wann war für Sie klar, dass es schwer wird, auf den WM-Zug aufzuspringen? Oder war die Hoffnung bis zum Ende da?

Gressel: Im Januar 2025 hatte ich das letzte Mal Kontakt mit Pochettino. Das war zu dem Zeitpunkt, als wir mit Miami den Punkterekord eingestellt haben. Da stand ich auf der erweiterten Kaderliste. Danach hatte ich in Miami ein paar Probleme mit Javier Mascherano (trainierte Gressel in Miami, Anm. d. Red.), habe nicht mehr so viel gespielt. Und auch der Wechsel nach Minnesota lief nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Ich habe meine Leistung nicht gebracht und deshalb konnte ich auch keine Ansprüche stellen. Da war mir früh klar, dass es nicht reichen wird. Trotzdem freue ich mich immens über die bisherige Leistung der Jungs.

Deutschland? „Anspruch und Realität klaffen aktuell weit auseinander“

SPORT1: Was sagen Sie zum Aus der DFB-Elf? Und was denken die US-Amerikaner über den deutschen Fußball? So richtig zur Weltspitze gehören die Deutschen ja seit Jahren nicht mehr …

Gressel: Ich bekomme oft Fragen wie: „Was ist eigentlich mit Deutschland los?“, „Ich dachte, Deutschland wäre einer der Favoriten“ etc. Die US-Amerikaner sehen Deutschland schon noch als große Fußballmacht. Aber klar ist auch: Anspruch und Realität klaffen aktuell weit auseinander – leider. Ich glaube, der Nationalmannschaft würde es guttun, erstmal kleinere Brötchen zu backen und danach zu streben, es wieder selbst beweisen zu wollen. Du bist nur so gut, wie deine letzten Turniere gelaufen sind. Es fühlt sich gerade wie ein Tiefpunkt nach dem anderen an.

SPORT1: Ist die Mannschaft vielleicht nicht besser?

Gressel: Die Qualität der Einzelspieler ist immens hoch. Vielleicht gehört keiner zu den aktuell Top 10 in Europa, aber trotzdem ist die Mannschaft besser, als sie es seit Jahren zeigt.

SPORT1: Sie spielen seit dem Sommer 2013 in den USA. Ist für Sie ein Wechsel nach Europa, vielleicht sogar nach Deutschland, noch vorstellbar? Oder können Sie das ausschließen?

Gressel: Wir sind hier in den USA total gesettelt. Ich werde im Dezember 33 Jahre alt. Ich weiß nicht, ob mich ein deutscher Verein überhaupt noch haben wollen würde (lacht). Grundsätzlich gucke ich immer mit einem Auge Richtung Heimat. Gerade nach Fürth und Nürnberg. Aber erstmal ziehe ich mein Ding hier in der MLS weiter durch, nächstes Jahr steht dann vermutlich nochmal ein Wechsel an. Alles in allem fühlen wir uns als Familie hier total wohl.

SPORT1: Kevin Volland hat mit 33 Jahren seine Profikarriere beendet, läuft in Zukunft für seinen Heimatverein auf. Wäre ein Karriere-Ausklang für Sie beim TSV Neustadt/Aisch denkbar?

Gressel: Der Gedanke ist auf jeden Fall da. Eine komplette Saison kann ich mir zwar nicht vorstellen, aber vielleicht mal für ein paar Spiele, wenn ich in den USA Pause habe und längere Zeit in der Heimat bin. Dieser Bezug nach Hause ist immer da.

„Messi hat diese Gabe, die kein anderer Spieler hat“

SPORT1: In Miami haben Sie mit Lionel Messi zusammengespielt. Man hatte zuletzt bei ihm eigentlich eher das Gefühl, er wäre über seinen Zenit und würde seine Karriere entspannt auslaufen lassen. Jetzt liefert er so dermaßen ab: Sieben Tore in den ersten vier WM-Spielen. Wie sieht der Jungbrunnen in Miami aus?

Gressel: Ich habe den ehrlich gesagt gar nicht gesehen. Aber aus dem würde ich auch gerne trinken (lacht).

SPORT1: Wie macht er das? Hat er spezielle Methoden? Bekommt er spezielle Behandlungen?

Gressel: Er hat einen Physio, der jeden Tag mit ihm arbeitet. Den hatte er schon in Miami und der ist auch jetzt mit ihm bei der Nationalmannschaft dabei. Der betreut ihn tagtäglich, rund um die Uhr. Egal ob Massage, Kraftraum oder was auch immer er gerade braucht. Er hat auch noch mehr Leute, z. B. einen Koch, die immer gut auf ihn aufpassen.

SPORT1: Sind Sie dennoch überrascht, wie er im Moment abliefert? Schließlich ist er schon 39 Jahre alt …

Gressel: Überrascht bin ich tatsächlich nicht. Messi hat diese Gabe, die kein anderer Spieler hat. Er hat so einen On- und Off-Switch. Wenn er will, dann ist er der Beste der Welt. Je älter er wird, desto weniger will er vielleicht für Miami. Aber desto mehr will er, wenn es für sein Argentinien bei der WM um die Sache geht. Er hat die ganze Saison auf dieses Turnier ausgelegt. Deshalb wundert es mich noch nicht einmal, dass er so eine WM spielt. Was man aber auch berücksichtigen muss: Das Spiel von Argentinien ist perfekt auf ihn ausgelegt. Das ist bei Ronaldo anders.

SPORT1: Wer gewinnt die WM?

Gressel: Die Favoriten werden es unter sich ausmachen. Frankreich, Argentinien, Spanien. In dieser Reihenfolge. Am Ende wird es wieder Frankreich machen.