Einmal bleibt Kevin De Bruyne im SoFi Stadium nochmal stehen und dreht sich um. Es fließen Tränen. Um ihn herum jubeln Männer in Rot. Spanien hat gerade 2:1 gewonnen, und damit vermutlich einen ganz Großen von der WM-Bühne verabschiedet.
Kevin De Bruyne: Seine letzte Aktion war keine goldene
Gescheitert ist er nicht
Es war ein Abend, an dem alles schiefging, was schiefgehen konnte. Kapitän Youri Tielemans verletzte sich noch im Aufwärmen so schwer, dass an einen Einsatz von Beginn an nicht zu denken war. Später musste auch Torwart-Ikone Thibaut Courtois unter Tränen vom Feld – wegen einer Verletzung in der 70. Minute, am Oberschenkel. Sein Abgang läutete das mutmaßliche Ende der „Goldenen Generation“ ein. Während ihr Anführer, De Bruyne, bis kurz vor Schluss auf dem Platz stand und kämpfte.
Beim ersten Tor gegen Spanien seit einer gefühlten Ewigkeit war De Bruyne weder Vorlagengeber noch Vollstrecker – und doch entscheidend beteiligt. Ein schneller, direkter Pass verschaffte Timothy Castagne viel Zeit, um eine mustergültige Flanke zu schlagen. Charles De Ketelaere vollendete.
De Bruyne: Eine Ahnung davon, was hätte sein können
Für einen kurzen Moment, in der 55. Minute, blitzte dann noch einmal auf, wofür man De Bruyne ein Jahrzehnt lang bewundert hatte: Nach einem Doppelpass mit Jeremy Doku tauchte dieser im Sechzehner auf und setzte Maxim De Cuyper in Szene – der Ball klatschte ans Außennetz. Kein Tor, nur eine Ahnung davon, was hätte sein können. Am Ende reichte es nicht. Spanien, über 600 Minuten ohne Gegentor bei diesem Turnier, zog verdient ins Halbfinale ein, wo am Dienstag Frankreich wartet.
Man muss zurückgehen, um zu verstehen, was in diesem Stadion womöglich zu Ende ging. 2014 in Brasilien, mit gerade 22 Jahren, gehörte De Bruyne zu jener Generation belgischer Talente, die ihr Land erstmals seit Jahrzehnten wieder auf die große Bühne des Weltfußballs zurückbrachte.
Der Höhepunkt kam 2018 in Russland: Platz drei, das bis heute beste WM-Ergebnis der belgischen Verbandsgeschichte, mit De Bruyne als Regisseur im Mittelfeld.
Diesmal war alles anders. Vor dem Turnier stand De Bruyne, mittlerweile 34 und nach einer langwierigen Verletzung des Beinbeugemuskels bei seinem Klub SSC Neapel erst im März zurückgekehrt, nicht mehr im Zentrum der Erwartungen, sondern im Zentrum der Zweifel.
Bei der WM wurde de De Bruyne schon nicht mehr immer gebraucht
Die Zeitung La Libre Belgique verglich ihn nach dem enttäuschenden 0:0 gegen den Iran mit einem abgehalfterten Schauspieler, der jede Rolle annehme, um weiter zu existieren. Selbst die Kapitänsbinde trug er nicht mehr – die hatte längst Tielemans übernommen, das Bindeglied zwischen alter und neuer Generation.
Als es im Achtelfinale gegen die USA ohne ihn plötzlich besser lief, sagte Nationaltrainer Rudi Garcia nach dem 4:1-Erfolg unverblümt, man habe Kevin nicht gebraucht, man habe Tore geschossen. Ein Satz wie ein Nachruf zu Lebzeiten. Gegen Spanien durfte De Bruyne noch einmal von Beginn an ran, weil der verletzte Amadou Onana fehlte – eine letzte Chance, die er mit aller Erfahrung, aber auch mit den Grenzen seiner 34 Jahre zu nutzen versuchte.
Seine letzte Aktion war kein goldener Pass, sondern ein taktisches Foul. De Bruyne rang einen Gegenspieler zu Boden und sah Gelb. Als er von Bord ging, war sein Team noch auf Kurs Verlängerung.
Ob es wirklich das Ende ist, weiß nur einer sicher, und der hat sich noch nicht entschieden. „Ich bin stolz auf die Weltmeisterschaft, die ich gespielt habe“, sagte De Bruyne: „Ich weiß, dass alle immer von mir erwarten, dass ich den Unterschied ausmache.“
Er habe aber „zwei oder drei schwierige Jahre“ und zudem eine schwere Operation hinter sich: „Ich bin 35 Jahre alt. Ich bin stolz darauf, auf diese Weise hier zu sein, jeden Tag alles zu geben und ein Vorbild für diese junge Mannschaft zu sein.“
Die Wahrheit hinter der Goldenen Generation
Nun wolle er sich Zeit nehmen. Nicht wenige rechnen mit einem Abschied. Sein Vater Herwig hatte es Wochen zuvor schon angedeutet: Solange sein Sohn das Gefühl habe, einen wichtigen Beitrag leisten zu können, werde er ein „Roter Teufel“ bleiben – wenn nicht, werde er selbst entscheiden, dass es Zeit sei, aufzuhören.
Vielleicht ist genau das die Wahrheit über diesen Abend in Los Angeles: Es war kein Spiel, in dem einer scheiterte. Es war eines, in dem eine ganze Generation – Courtois unter Tränen vom Platz, Tielemans schon vor dem Anpfiff verletzt, De Bruyne bis zur Entkräftung – gegen ein Ende ankämpfte, für das kein Schiedsrichter pfeifen musste.
Irgendwo zwischen dem Doppelpass mit Doku in der 55. Minute und dem Patzer von Courtois-Ersatz Lammens in der 88. lag der ganze Belgien-Fußball der letzten zwölf Jahre: nah dran, hochtalentiert – und am Ende doch ohne den ganz großen Titel.
De Bruyne selbst verließ den Rasen ohne große Geste. Kein Blick zurück, der wie ein endgültiger Abschied wirkte. Nur ein Mann, der weiß, dass die Entscheidung, ob dies sein letztes WM-Spiel war, noch aussteht – der aber auf jeden Fall mit erhobenem Haupt gehen kann.