Das erneute frühe WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft sorgt für heftige Diskussionen. Für den 67 Jahre alten Ex-Profi des VfB Stuttgart Karlheinz Förster ist das Scheitern jedoch keine Überraschung.
"Nagelsmann ist gescheitert": Europameister für DFB-Neuanfang
„Für mich ist Nagelsmann gescheitert“
Im exklusiven SPORT1-Interview rechnet der Europameister von 1980 und zweimalige Vize-Weltmeister schonungslos mit den Verantwortlichen ab, erklärt Julian Nagelsmann für gescheitert und fordert einen radikalen Neuanfang – mit Jürgen Klopp als Bundestrainer.
„Für mich ist Nagelsmann gescheitert“
SPORT1: Herr Förster, das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale der Weltmeisterschaft hat viele Fans schockiert. War das für Sie eine Überraschung?
Karlheinz Förster: Nein. Dieses Ausscheiden ist keine unglückliche Momentaufnahme. Es ist das Ergebnis einer Entwicklung, die sich seit Jahren angekündigt hat. Und genau deshalb darf es beim DFB diesmal kein Schönreden mehr geben. Der DFB darf sich diesmal nicht mehr wegducken. Beides hat es in den vergangenen Jahren viel zu oft gegeben.
SPORT1: Was meinen Sie konkret mit Schönreden?
Förster: Zu oft wurden Mängel relativiert, Niederlagen erklärt und Enttäuschungen als notwendige Zwischenschritte verkauft. Nach jedem Rückschlag hieß es, man sei auf dem richtigen Weg. Doch irgendwann muss Schluss sein mit Durchhalteparolen. Irgendwann zählen nur noch Ergebnisse. Und die Bilanz fällt ernüchternd aus.
SPORT1: Julian Nagelsmann steht nun besonders im Fokus. Ist er für Sie noch der richtige Bundestrainer?
Förster: Julian Nagelsmann ist sicherlich kein schlechter Trainer. Aber die Nationalmannschaft ist kein Projekt auf unbegrenzte Zeit. Sie lebt von Resultaten, von Entwicklung und von dem Gefühl, dass eine Mannschaft bei großen Turnieren über sich hinauswachsen kann. Genau das hat Deutschland in den vergangenen Jahren zu selten gezeigt. Für mich ist Nagelsmann als Bundestrainer gescheitert. Am Ende war die Kette an Fehlentscheidungen und Enttäuschungen einfach zu lang. Und wenn er sich jetzt hinstellt und sagt: „Ich mache gerne weiter, wenn man mich lässt“, dann wirkt das eher trotzig als selbstkritisch.
DFB: Förster zieht alle in die Verantwortung
SPORT1: Bedeutet das, dass Nagelsmann gehen muss?
Förster: Er muss sich zumindest die Frage gefallen lassen, ob seine Zeit als Bundestrainer nicht abgelaufen ist. Allerdings wäre es ein schwerer Fehler, die Verantwortung allein beim Trainer abzuladen. Das wäre der einfachste Weg – und genau deshalb vermutlich auch der falsche.
SPORT1: Wer trägt aus Ihrer Sicht noch Verantwortung?
Förster: Auch Rudi Völler (Sportdirektor, d. Red.) und Andreas Rettig tragen Verantwortung für die sportliche Gesamtentwicklung. Wer die Geschicke des deutschen Fußballs lenkt, kann sich nach einem weiteren enttäuschenden Turnier nicht hinter Analysen und Erklärungen verstecken. Wenn auf dem Platz seit Jahren die entscheidenden Schritte ausbleiben, dann muss auch die Führung die Konsequenzen ziehen.
SPORT1: Sie fordern also einen größeren Umbruch?
Förster: Absolut. Der DFB braucht keine Korrekturen mehr. Er braucht einen echten Neuanfang.
SPORT1: Wie könnte ein solcher Neuanfang aussehen?
Förster: Der Blick in die Niederlande zeigt, was Verantwortung bedeutet. Ronald Koeman hat nach dem Ausscheiden von Oranje innerhalb weniger Stunden seinen Rücktritt erklärt. Ob man diesen Schritt richtig findet oder nicht, spielt dabei gar nicht die entscheidende Rolle. Entscheidend ist die Botschaft: Wer scheitert, übernimmt Verantwortung. Beim DFB dagegen entsteht seit Jahren viel zu oft der Eindruck, dass immer neue Begründungen gefunden werden, warum alles doch nicht so schlimm sei. Genau dieses Denken hat den deutschen Fußball in die aktuelle Situation geführt.
Europameister fordert Klopp
SPORT1: Ein „Weiter so“ darf es nach dem erneuten Turnier-Aus nicht geben?
Förster: Genau. Es darf diesmal kein „Weiter so“ geben. Nicht auf der Trainerbank. Und nicht in der Führungsetage.
SPORT1: Wer könnte den notwendigen Neuanfang verkörpern?
Förster: Für mich gibt es nur einen Kandidaten: Jürgen Klopp. Er steht für Klarheit, Leidenschaft und eine kompromisslose Leistungskultur. Vor allem aber würde er der Nationalmannschaft etwas zurückgeben, was zuletzt häufig gefehlt hat: eine erkennbare Identität. Das beste Beispiel ist Frankreich. Dort gibt es nicht nur herausragende Spieler, sondern auch ein klar erkennbares System. Jeder weiß, wofür die Mannschaft steht.
SPORT1: Was vermissen Sie bei der deutschen Nationalmannschaft?
Förster: Vor allem Klarheit. Bei uns wird seit Jahren immer wieder über einzelne Spieler diskutiert. Da geht es plötzlich um Manuel Neuer, dann wieder um Deniz Undav. Gegen Paraguay darf Nick Woltemade einen Elfmeter schießen, obwohl er erst kurz vor Ende der regulären Spielzeit eingewechselt wurde. Solche Entscheidungen sorgen eher für Fragezeichen als für Vertrauen. Unter Julian Nagelsmann hat es zu oft an einer klaren Linie gefehlt. Und genau diese Klarheit braucht eine Nationalmannschaft bei einem großen Turnier.
SPORT1: Klopp würde vermutlich nicht allein kommen.
Förster: Davon ist auszugehen. Und das wäre kein Risiko, sondern eine Chance. Ein Trainer wie Klopp wird seine eigenen Mitarbeiter mitbringen wollen. Wer einen echten Neustart will, muss einem Trainer dieses Formats auch die Freiheit geben, die Strukturen nach seinen Vorstellungen aufzubauen.
SPORT1: Was erwarten Sie nun vom DFB?
Förster: Der DFB steht am Scheideweg. Er kann erneut versuchen, die Dinge zu moderieren und zu verwalten. Oder er nutzt diese Niederlage endlich für die überfällige Neuaufstellung. Nach diesem Turnier gibt es jedenfalls keine Ausreden mehr. Und genau deshalb darf es beim DFB kein Schönreden mehr geben. Der DFB darf sich auch nicht länger wegducken. Und genau deshalb muss diesmal mehr passieren als ein paar selbstkritische Sätze von DFB-Präsident Bernd Neuendorf.