Das außergewöhnlich kritische Interview von Thomas Tuchel nach dem dramatischen Sieg im WM-Viertelfinale gegen Norwegen schlug hohe Wellen. Auch bei seinen Spielern, vor allem bei Jude Bellingham, kamen die Aussagen direkt nach dem Spiel nicht gut an.
Tuchels Kritik zeigt, was Nagelsmann vermissen ließ
Tuchel zeigt, was Nagelsmann fehlte
Doch ist es vielleicht sogar genau die richtige Methode, um bei den absoluten Weltstars die letzten Prozente freizusetzen? Und ist es vielleicht genau das, was Julian Nagelsmann in seiner Kommunikation gefehlt hat?
Tuchel ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen – dieses Mal sehr zur Verwunderung der englischen Presse. Ausgerechnet in dem Moment, in dem er ganz England glücklich gemacht hatte, fand der Nationaltrainer der „Three Lions“ vor einem Milliardenpublikum bemerkenswert offene und ungefilterte Worte.
Tuchel: England hat kein Mentalitätsproblem
„Wir haben uns das Leben heute selbst enorm schwierig gemacht. Wir waren ziemlich schlampig, viele technische Fehler, nicht schnell genug und haben die Abläufe nicht oft genug wiederholt. Heute hatten wir einfach Glück“, erklärte Tuchel seine Unzufriedenheit nach dem 2:1-Sieg im WM-Viertelfinale gegen Norwegen.
Auf die Frage eines Reporters nach mangelnder Mentalität reagierte der Deutsche sichtlich verärgert und verteidigte seine Mannschaft vehement. „Es geht nicht um Mentalität, es ist mit Sicherheit kein Mentalitätsproblem. Das ist pure Mentalität, das kannst du in Flaschen abfüllen und verkaufen.“
Doch genau das nimmt der sonst sehr schonungslosen englischen Presse direkt den Wind aus den Segeln. Die Überschriften wären wohl in eine Richtung gegangen wie ‚So gewinnen wir keinen Titel‘ oder ‚Mit der Leistung kommen wir nicht ins Finale‘. Durch die eigene Kritik drehte sich die Berichterstattung jedoch fast ausschließlich um den 52-Jährigen selbst.
Den öffentlichen Widerspruch Bellinghams meisterte er obendrein souverän. Erneut lobte er den Einsatz seiner Truppe – und blieb dennoch klar bei seiner Kritik am zähen Spiel.
Zuckerbrot und Peitsche
Es ist das bekannte Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“. Auf der einen Seite zeigt sich der Trainer mit dem Niveau seiner Spieler nicht zufrieden und versucht so, auch das letzte Prozent aus diesen herauszuholen. Doch auf der anderen Seite verteidigt Tuchel seine Mannschaft bei unberechtigter Kritik bis aufs Letzte.
Und genau dieses Prinzip scheint zu funktionieren. Auch wenn Bellingham im Moment seines Interviews nicht mit Tuchels Aussagen zufrieden war, wird er womöglich am nächsten Morgen schon ganz anders darüber gedacht haben. Denn das Ziel für die beiden Protagonisten ist klar.
Die Überzeugung, dass das Halbfinale in Dallas nur die nächste Etappe einer Reise ist, die am kommenden Sonntag in New York enden soll – mit Kapitän Harry Kane, der im MetLife Stadium den WM-Pokal in die Höhe reckt.
Warum Tuchel an die ganz Großen erinnert
Tuchel ist gegenüber den Medien stets ehrlich, immer scharfsinnig, und in Miami war deutlich zu erkennen, dass seine Kritik an der Leistung Englands der klassische psychologische Schachzug eines Trainers war. In einer Zeit, in der viele Trainer das Bedürfnis verspüren, auf ihre Stars Rücksicht zu nehmen, scheint das dennoch ungewöhnlich.
Seine Wut kam mit einem verschmitzten Lächeln zum Ausdruck. Er wusste genau, was er tat. Die britische Zeitung The Guardian vergleicht Tuchels Auftreten mit dem der ganz großen Trainerpersönlichkeiten – etwa Pep Guardiola, Sir Alex Ferguson oder José Mourinho.
Tuchel hält die Leine kurz, trifft gnadenlos schmerzhafte, unpopuläre, aber offensichtlich richtige Entscheidungen – das war schon bei der WM-Nominierung so und ist bei diesem Turnier auch bei seinen Auswechslungen der Fall. Aber er kann eben auch Kritik an seinen Spielern äußern und gesteht eigene Fehler ein. Bereiche, in denen sich Julian Nagelsmann schwer tat.
Tuchel setzt auf das, was Nagelsmann scheute
Der Ansatz des ehemaligen Bundestrainers war zu oft, die Dinge schönzureden, statt auch einmal klare Kante zu zeigen. Schlimmer noch: Während Nagelsmann wiederholt Kritik an einzelnen Spielern übte – Stichwort Undav – meckerte Tuchel über den Auftritt des gesamten Teams.
Auch das zeigt das Beispiel Bellingham. Fast im selben Atemzug mit seiner Kritik attestierte er dem Real-Star eine Weltklasseleistung – und strahlte dabei wie ein stolzer Spieler-Vater. Es ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied im Auftritt.
Markus Babbel beschrieb Nagelsmann im FIROCKX.ONE WM Doppelpass auf SPORT1 als „kleines bockiges Kind“. Das Urteil des Europameisters von 1996 lautete: „Die Kommunikation von Julian ist einfach schlecht.“
Effenberg lobt Tuchel – doch die Risiken bleiben
Tatsächlich vermittelte Nagelsmann häufig den Eindruck, sich rechtfertigen zu müssen, nicht zuletzt in der von viel Kopfschütteln begleiteten Saga um Manuel Neuer. Aber eben auch beim Blick auf die Auftritte seines Teams.
Tuchel setzt auf schonungslose Ehrlichkeit, was Kritik schnell eindämmt – allerdings immer mit dem Ziel, seine Mannschaft weiterzuentwickeln und nach außen zu schützen.
Zuspruch bekam Tuchel für seinen Ansatz von SPORT1-Experte Stefan Effenberg: „Ich finde es genau richtig. Die Spieler sitzen in der Kabine und sind stolz, aber es ist richtig vom Trainer, nach so einem Sieg so ein Zeichen zu setzen, damit die Spieler verstehen, dass sie nicht alles richtig gemacht haben.“
Nagelsmann ist mit seinem Ansatz krachend gescheitert – doch auch Tuchels Umgang birgt Risiken. Sollte England im Halbfinale gegen Argentinien ausscheiden, dürfte es nicht lange dauern, bis Tuchel die Nicht-Nominierung von Palmer und Co. oder der Disput mit Bellingham um die Ohren fliegen.