WM 2026>

WM-Märchen! Die 3. Liga ist mittlerweile ganz weit weg

Die 3. Liga ist ganz weit weg

Sidny Lopes Cabral beendete mit seinem Kunstschuss beinahe die WM-Karriere von Lionel Messi. Vor einem Jahr noch traf der 23-Jährige gegen den SV Sandhausen.
Was ist das bitte für ein traumhafter Treffer? Kap Verdes Sidny Lopes Cabral fasst sich ein Herz und hängt das Ding in den argentinischen Knick.
Lars Hinzberg
Sidny Lopes Cabral beendete mit seinem Kunstschuss beinahe die WM-Karriere von Lionel Messi. Vor einem Jahr noch traf der 23-Jährige gegen den SV Sandhausen.

Er konnte wohl selbst noch nicht ganz glauben, was er da gerade Historisches geleistet hatte. Sidny Lopes Cabral, 23 Jahre alt und seit Neuestem Volksheld der Kapverden, stand nach seinem Traumtor zum zwischenzeitlichen 2:2 gegen Argentinien im ersten WM-Sechzehntelfinale, in der überhaupt ersten WM der Geschichte seines Landes, etwas verloren auf den Zuschauerrängen des Miami Stadiums.

Sein Jubellauf führte ihn direkt auf die Tribüne. Nur leider stand dort eben niemand, um mit ihm zu jubeln. Klar, außer den ausgelassenen, fassungslosen Massen, aber die Frau, nach der er suchte, fehlte. Etwas ratlos und erschöpft ging sein Blick immer wieder durch die Reihen. Nach geschlagenen 20 Sekunden erschien die junge Frau im Lopes-Cabral-Trikot dann endlich, umarmte ihren Helden und zog wieder von dannen. Es gab schließlich noch ein Spiel fertig zu spielen.

WM: Sidny Lopes Cabral sorgt für historischen Kap-Verde-Moment

Die 103. Minute war es, die dem 1,76 Meter großen Linksverteidiger ein Denkmal setzen sollte, das weit größer ist als er selbst. In Weltklassemanier schlenzte er den Ball vom linken Strafraumeck in den Winkel, vorbei am zweimaligen Welttorhüter Emiliano Martínez.

Für den gebürtigen Niederländer war es wohl der größte Moment seiner noch jungen Karriere. Über sein Tor sagte er nach dem Spiel: „Jeder träumt davon, bei der WM zu treffen, dass ich es auf diese Weise tun kann, ist fantastisch. Es ist die größte Bühne, auf der du spielen kannst. Ich konnte es nicht glauben.“

„Als Vorhänge musste ich Müllsäcke benutzen“

Dass seine Karriere einmal eine solche Entwicklung nehmen sollte, war nicht abzusehen. Vor vier Jahren wechselte der damals 19-Jährige aus dem schwedischen Nachwuchs in die NOFV-Oberliga Süd zu Rot-Weiß Erfurt.

Der Traum, in Deutschland zum Fußballprofi zu reifen, begann holprig: „Ich habe die ersten sechs Monate jeden Tag geweint. Jeden Tag“, gestand er kürzlich im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. „Mein erstes Training war im Winter, es regnete, es schneite, und ich musste in kurzer Hose, einem T-Shirt und einer Regenjacke trainieren.“

Aufgeben kam für ihn jedoch nicht infrage. Sein Fokus habe immer nur auf Fußball gelegen, betonte er. Für viel anderes war auch kein Platz. Etwa 1000 Euro habe er in Erfurt pro Monat verdient. „Meine Wohnung war leer. Ich hatte keine Möbel, als Vorhänge habe ich Müllsäcke benutzen müssen. Ich wollte wirklich nach Hause.“

Sportlich fand er aber bald seinen Platz und stieg mit den Thüringern 2022 in die Regionalliga auf. Ab hier sollte der Weg des Sohns kapverdischer Auswanderer stetig nach oben gehen. Im Winter 2024 stieg er abermals auf, diesmal aber mit einem Wechsel zu Viktoria Köln in die Dritte Liga.

Von der Dritten Liga in die Champions League

Die Domstadt sollte zur Initialzündung für die Karriere des Defensiv-Allrounders werden. Gemeinsam mit Said El Mala führte er die Rheinländer auf den dritten Platz und zog auch internationales Interesse auf sich.

Nach dreieinhalb Jahren beendete er das Kapitel Deutschland und schlug seine Zelte beim portugiesischen Erstligisten Estrela Amadora auf. Gerade einmal sechs Monate dauerte es, bis Benfica Lissabon mit Star-Trainer José Mourinho anklopfte.

„Ich muss ihn fragen, was er eigentlich spielt. Denn in meinen Augen kann er auf vier Positionen spielen“, sagte „The Special One“ damals. Für den ganz großen Wurf beim portugiesischen Rekordmeister war es dann aber vielleicht doch noch zu früh. In zwei Kurzeinsätzen gegen Real Madrid in der Champions League konnte er zwar sein Debüt auf Europas größter Bühne feiern, über die Rolle des Ergänzungsspielers kam er aber selten hinaus.

Noch vor der WM legte Trabzonspor dennoch satte sieben Millionen Euro auf den Tisch, um den Youngster in die Türkei zu lotsen. Mit Bonuszahlungen könnte die Summe sogar noch auf zehn Millionen ansteigen.

Sonderlob von Mourinho

Dass die Fußball-Welt nun überhaupt über den Inselstaat schwärmt, gleicht für sich schon einer Sensation. Die „Tubaroes Azuis“ (Blaue Haie), wie die Nationalmannschaft des grünen Kaps auch genannt wird, sind das vielleicht stärkste Argument für die XXL-WM mit vergrößertem Teilnehmerfeld.

Für den Torschützen war das Ergebnis anfangs aber noch gar nicht greifbar: „Offen gesagt habe ich im ersten und zweiten Spiel überhaupt nichts genossen. Erst im dritten habe ich gemerkt, wie schön und groß eine WM ist.“ Das dritte Gruppenspiel gegen Uruguay hatte der 23-Jährige aufgrund einer Gelbsperre von der Tribüne aus verfolgt.

Nach der Gruppenphase schrieb ihm auch sein Ex-Trainer Mourinho. „Glaub weiter an dich“, stand in der kurzen SMS.

„Ein Prozent Chance, 99 Prozent Glaube“

Und er glaubte an sich. Denkbar knapp beendete Argentinien Kap Verdes Sommermärchen. Zweimal kam der Underdog nach Rückstand zurück und zwang den haushohen Favoriten fast ins Elfmeterschießen. Sidny Lopes Cabral hatte in der 118. Minute sogar die Chance, sein Denkmal zu einem ganzen Museum auszubauen. Einen Freistoß aus ähnlicher Schussposition wie beim 2:2 fischte Martínez diesmal stark unter der Latte weg.

Die Erklärung für das abermalige Aufbäumen lieferte Cabral via Instagram. „Ein Prozent Chance, 99 Prozent Glaube“, schrieb er nach dem Spiel.