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WM: "Thomas Tuchel hat einfach die Wahrheit ausgesprochen"

„Warum soll Tuchel das verschweigen?“

Wie bekommt Thomas Tuchel England titelreif? Wie kommt sein Auftreten auf der Insel an und warum ist Harry Kane so unverzichtbar? Ex-England-Star Tony Woodcock gibt bei SPORT1 Einblicke.
Thomas Tuchel wurde aufgrund seiner brutalen Ehrlichkeit als England-Trainer verpflichtet, meint Gary Neville. Zusammen mit Ian Wright diskutieren die Ikonen der Three Lions, ob das zu einem Problem werden könnte.
Wie bekommt Thomas Tuchel England titelreif? Wie kommt sein Auftreten auf der Insel an und warum ist Harry Kane so unverzichtbar? Ex-England-Star Tony Woodcock gibt bei SPORT1 Einblicke.

Kein guter Fußball, aber dennoch erfolgreich? Tony Woodcock nimmt vor Englands WM-Halbfinale am Mittwoch gegen Argentinien (ab 21 Uhr im LIVETICKER) kein Blatt vor den Mund und will das bisher Erreichte nicht überbewerten.

Der 70 Jahre alte frühere englische Nationalspieler (42 Einsätze, 16 Tore), der in Deutschland für den 1. FC Köln und Fortuna Köln spielte, stärkt Thomas Tuchel nach dessen öffentlicher Kritik den Rücken und fordert von den Three Lions ein mutigeres Auftreten.

Im exklusiven SPORT1-Interview erklärt er, warum Jude Bellingham und Harry Kane jetzt vorangehen müssen. Für Woodcock ist klar: Wer Weltmeister werden will, darf nicht nur Fehler vermeiden, sondern muss auch den Mut haben, das Spiel selbst gewinnen zu wollen.

Klare Tuchel-Ansagen nach dem Viertelfinale

SPORT1: Herr Woodcock, England steht im WM-Halbfinale gegen Argentinien. Was macht dieses Duell für Sie bis so besonders?

Tony Woodcock: Es ist ein WM-Halbfinale – da zählt nur der Moment. Natürlich machen die Medien aus England gegen Argentinien immer ein großes Thema. Aber die Mannschaft darf sich davon nicht ablenken lassen. Bislang haben wir keinen guten Fußball gespielt. Die Jungs haben gekämpft, ihre Qualität aber viel zu selten gezeigt. Thomas Tuchel sieht das genauso. Er weiß, dass diese Mannschaft deutlich mehr kann. Jetzt muss sie es endlich zeigen.

SPORT1: Was muss England gegen Argentinien besser machen?

Woodcock: Mehr Mut und mehr Risiko im Spiel nach vorne. Du kannst nicht auf den Platz gehen und nur daran denken, keine Fehler zu machen. Du musst auch Risiken eingehen. England hat genügend Qualität, um Spiele selbst zu entscheiden. Davon haben wir bislang aber zu wenig gesehen. Wir müssen mehr an uns glauben.

SPORT1: Thomas Tuchel hat die Leistungen öffentlich kritisiert. War das hilfreich?

Woodcock: Ja. Er hat einfach die Wahrheit ausgesprochen. England hat bislang keinen guten Fußball gespielt – das hat jeder gesehen. Dafür muss man kein Experte sein. Warum sollte Tuchel das verschweigen? Wir stehen im WM-Halbfinale. Jetzt braucht es Ehrlichkeit, keine Ausreden. Die Spieler sind Profis. Die können damit umgehen.

„Wer Weltmeister werden will, darf nicht nur Fehler vermeiden“

SPORT1: Jude Bellingham wollte danach die gute Stimmung in der Mannschaft schützen. Hat er den richtigen Ton getroffen?

Woodcock: Das ist ganz normal. Eigentlich braucht er gar nichts zu sagen. Ein junger Spieler will seine Mannschaft schützen. Große Sorgen würde ich mir deshalb aber nicht machen. Ich glaube nicht, dass Tuchels Aussagen für Unruhe sorgen. Das ganze Land sieht, dass wir besser spielen können.

SPORT1: Hat Tuchel der Mannschaft schon seinen Stempel aufgedrückt?

Woodcock: Eine neue Identität hat Tuchel England noch nicht gegeben. Seine Leidenschaft ist deutlich zu spüren. Tuchel hat in Deutschland, Frankreich und England gearbeitet. Das merkt man. Anfangs waren viele Engländer skeptisch, weil sie lieber einen englischen Trainer wollten. Inzwischen hat er sich mit seiner Art und seiner Ehrlichkeit viel Respekt erarbeitet. Bis jetzt hat er einen sehr guten Job gemacht.

SPORT1: Tuchel hat sich nach dem Viertelfinale über die Frage nach der Mentalität aufgeregt. Verstehen Sie seinen Ärger?

Woodcock: Hundertprozentig. Die Mannschaft hat Mentalität bewiesen. Aber wenn du Weltmeister werden willst, reicht Kämpfen allein nicht. Irgendwann musst du auch zeigen, wie gut du Fußball spielen kannst. Nur mit Verteidigen geht es nicht. England hat genug Mentalität. Es ist heiß, es ist schwer – aber dein Gegenspieler muss unter denselben Bedingungen spielen. Kevin Keegan hat früher einmal zu mir gesagt: „Toni, denk an deinen Gegenspieler. Er muss dir folgen. Du hast die Kontrolle.“

SPORT1: Was unterscheidet den Weltmeister am Ende von guten Mannschaften?

Woodcock: Die besten Mannschaften haben keine Angst vor großen Momenten. Sie übernehmen Verantwortung, auch wenn etwas schiefgehen kann. Genau das muss England jetzt zeigen. Wer Weltmeister werden will, darf nicht nur versuchen, Fehler zu vermeiden – er muss den Mut haben, das Spiel gewinnen zu wollen.

„Bellingham lebt seinen Traum“

SPORT1: Wird England in der Heimat manchmal zu hart bewertet?

Woodcock: Die Erwartungen sind riesig. Wenn die Leistungen nicht stimmen, gibt es Kritik. Das ist völlig normal. Die Fans sehen dieselben Spiele wie wir. Wir alle hoffen jetzt, dass die Mannschaft sagt: „Komm, wir holen das jetzt.“

SPORT1: Hat diese Generation gelernt, besser mit dem öffentlichen Druck umzugehen als frühere englische Teams?

Woodcock: Das öffentliche Interesse war früher auch schon riesig. Heute kommt durch die sozialen Medien noch viel mehr dazu. Entscheidend ist, dass du den Mut und die Einstellung behältst, Spiele gewinnen zu wollen – auch wenn dabei Fehler passieren. Das war schon immer so.

SPORT1: Welche Rolle spielt Jude Bellingham heute für England – sportlich, aber auch als Persönlichkeit?

Woodcock: Er ist ein junger Mann, der seinen eigenen Weg gegangen ist. Bei Real Madrid ist es zuletzt vielleicht nicht ganz so gelaufen, wie viele erwartet haben. Aber Bellingham ist ein außergewöhnlicher Spieler. Er ist einer dieser Spieler, die ein Spiel prägen können. Manchmal weiß man gar nicht, welche Position er eigentlich spielt, weil er überall auftaucht. Vor dieser Weltmeisterschaft hat er Kritik einstecken müssen. Doch große Spieler reagieren auf Kritik. Er hat mit sechs Toren geantwortet. Damit hat er gezeigt, welche Qualität er besitzt.

SPORT1: Beeindruckt Sie Bellingham mehr mit seiner fußballerischen Qualität oder mit seiner Reife trotz seines jungen Alters?

Woodcock: Mit beidem. Er ist ein außergewöhnlicher Spieler. Natürlich muss er noch einiges lernen – zum Beispiel, nicht immer alles alleine machen zu wollen und manche Situationen besser zu kontrollieren. Aber er wollte für einen großen Klub spielen und für England auflaufen. Beides hat er erreicht. Bellingham lebt seinen Traum. Ja, er beeindruckt mich sehr. Trotzdem darf man nicht vergessen, wie jung er noch ist.

Kane: „Dadurch hat er gelernt, was harte Arbeit bedeutet“

SPORT1: Was macht Harry Kane als Kapitän aus?

Woodcock: Seine Professionalität. Harry Kane ist ein kompletter Stürmer. Er schießt Tore, macht Bälle fest und setzt seine Mitspieler ein. Vor allem aber ist er ein unglaublicher Profi. Nichts ist ihm geschenkt worden. Als junger Spieler wurde er mehrfach ausgeliehen. Dadurch hat er gelernt, was harte Arbeit bedeutet. Genau deshalb ist er heute da, wo er ist.

SPORT1: Glauben Sie, dass Harry Kane gerade in großen Spielen noch einmal über sich hinauswachsen kann?

Woodcock: Ja – aber dafür braucht er auch die richtigen Zuspiele. Ein Stürmer lebt davon, angespielt zu werden. Das gilt für Haaland genauso wie für Messi, auch wenn Messi etwas tiefer spielt. Wenn das Mittelfeld den Ball nur von links nach rechts und wieder zurück schiebt, verschwindet ein Stürmer irgendwann aus dem Spiel. Harry Kane kann Fußball spielen. Aber wenn er im Strafraum keine Bälle bekommt, kann er auch keine Tore schießen. Deshalb müssen seine Mitspieler ihn besser einsetzen.

Tuchel? „Das kommt bei den Fans an“

SPORT1: Die englischen Fans begleiten ihre Nationalmannschaft seit Jahrzehnten mit großer Leidenschaft. Daran hat sich nie etwas geändert, oder?

Woodcock: Nein. Die Fans haben sich nicht verändert. Sie folgen England überall hin. Wenn die Nationalmannschaft erfolgreich ist, kommen die Menschen zusammen und vergessen für einen Moment Politik, Sorgen und den Alltag. Ein WM-Titel kann ein ganzes Land vereinen.

SPORT1: Das Verhältnis zwischen den englischen Fans und den Three Lions war immer sehr emotional. Ist trotzdem eine neue Liebe zwischen Fans und Nationalmannschaft entstanden?

Woodcock: Im Fußball hängt am Ende alles von den Ergebnissen ab. Wenn England verliert, heißt es sofort: „Wir brauchen keinen deutschen Trainer. Er hat unseren Fußball kaputt gemacht.“ Wenn England gewinnt, sieht plötzlich alles ganz anders aus. Die Ergebnisse unter Thomas Tuchel sind gut. Trotzdem müssen wir besseren Fußball spielen. Die Mannschaft muss endlich zeigen, was sie wirklich kann. Tuchel will genau das – und dafür müssen die Spieler auf dem Platz alles geben.

SPORT1: Ist der Druck so groß, dass Tuchel Weltmeister werden muss? Oder wäre es keine Katastrophe, wenn England den Titel verpasst?

Woodcock: Nein. Thomas Tuchel hat bisher sehr gute Arbeit geleistet. Jeder hat seine eigene Meinung. Aber er hat in Deutschland, England und Frankreich jahrelang auf höchstem Niveau gearbeitet. Wahrscheinlich versteht er ein bisschen mehr vom Fußball als viele, die ihn ständig kritisieren. Ich mag seine Ehrlichkeit. Er redet nichts schön. Er sagt nicht einfach: „Wir haben gut gespielt.“ Er spricht Probleme offen an – und genau das schätzen die Fans. Natürlich muss man ihm auch etwas Zeit geben. Tuchel ist emotional und leidenschaftlich. Das kommt bei den Fans an. Bei allem Respekt vor Gareth Southgate – er war eher der ruhige Typ.

„Dann könnte Thomas Tuchel englische Fußballgeschichte schreiben“

SPORT1: Also ist der WM-Titel kein Muss?

Woodcock: Nein. Natürlich hoffen wir alle, dass England gegen Argentinien gewinnt. Aber dieses Duell wird wegen der Geschichte zwischen beiden Ländern immer etwas Besonderes bleiben. Darüber wird auch diesmal wieder viel gesprochen werden. Solche Geschichten gehören zum Fußball dazu. Und ich hoffe natürlich, dass Messi keinen guten Tag erwischt. Unser Selbstvertrauen ist groß.

SPORT1: Wer wird aus Ihrer Sicht gegen Argentinien Englands Schlüsselspieler sein?

Woodcock: Du kannst nicht nur einen nennen. Natürlich hoffe ich, dass Messi nicht seinen besten Tag erwischt. Sein Einfluss ist vielleicht nicht mehr ganz so groß wie früher, schließlich ist er älter geworden. Aber seine Spielintelligenz ist immer noch außergewöhnlich. Und ich hoffe auch nicht, dass unser Torwart am Ende der Schlüsselspieler sein muss – das wäre meistens kein gutes Zeichen. Entscheidend wird sein, wer das Spiel verändern kann. England braucht Spieler, die Verantwortung übernehmen und den Unterschied machen.

SPORT1: Glauben Sie, dass England wirklich das Zeug dazu hat, Weltmeister zu werden?

Woodcock: Ja. Aber dafür muss die Mannschaft endlich zeigen, was wirklich in ihr steckt. Sie muss mutiger spielen, weiter kämpfen und vor allem daran glauben, jedes Spiel gewinnen zu können. Wenn England endlich mutig spielt und an sich glaubt, kann das ein historischer Moment werden. Dann könnte Thomas Tuchel englische Fußballgeschichte schreiben.