Clever oder riskant? Dringend notwendige Pausen oder Rhythmusbrecher? Schädlich fürs Binnenklima oder gut, um das Vertrauen in jedes einzelne Kadermitglied zu untermauern? Nach der Entscheidung von DHB-Trainer Alfred Gislason, im EM-Spiel gegen Dänemark auf die Leistungsträger Lukas Mertens, Lukas Zerbe und (in großen Teilen) Weltklasse-Torwart Andreas Wolff zu verzichten, gab es in der öffentlichen Diskussion keine Meinung, die es nicht gab.
Handball-EM: Gislason wandelt auf einem schmalen Grat
Gislasons schmaler Grat
Unverständnis oder zumindest Verwunderung herrschte nicht nur bei Gelegenheitsfans vor, die zumeist nur zu den Handball-Großereignissen einschalten und das Leistungsniveau der Spieler nicht bis ins letzte Detail einschätzen können.
Handball-EM: Gislason macht auch Experten ratlos
Auch unter Experten fand sich eine gewisse Ratlosigkeit, wie die Maßnahmen von Gislason zu deuten sind.
Bei allen drei geschonten deutschen Spielern zeigten sich nach einem kräftezehrenden Turnier, das inklusive Testspielen sieben Partien innerhalb von zwei Wochen umfasste und nahezu nahtlos auf die erste Hälfte der Bundesliga-Saison folgte, gewisse Verschleißerscheinungen – insbesondere bei Zerbe.
Betont werden muss allerdings auch: Alle drei hätten eingesetzt werden können – und hätten auch gespielt, wäre die Partie gegen den Serien-Weltmeister ein ultimatives Endspiel gewesen.
Unmut bei Wolff unverkennbar
Bei Wolff war ein gewisser Unmut unverkennbar, als er nach der Niederlage gegen Dänemark wortlos durch die Mixed Zone stapfte. Zu überragend hatte er zuvor gegen Norwegen aufgespielt, um dann im Highlightspiel gegen Dänemark über 50 Minuten auf der Bank zu sitzen und dabei zuzuschauen, wie dem deutschen Team die Partie zunehmend entglitt.
Im Falle von Mertens war es gar nicht notwendig, nonverbale Zeichen zu deuten. Der Dauerläufer auf Linksaußen machte auch in Worten deutlich, was er von der Trainerentscheidung hielt.
„Das will ich nochmal klar sagen“, untermauerte er seine Aussage, wonach es „kein schönes Gefühl“ sei, nicht eingreifen zu können. „Du willst als Sportler immer spielen. Ich wäre bereit gewesen.“ Zumindest glaube er aufgrund des eng getakteten Spielplans nicht, dass er seinen Rhythmus verliere. Zudem könne er den zusätzlichen freien Tag auch zur Regeneration nutzen.
Gislason bewegt sich auf einem schmalen Grat
Gislason bewegt sich auf einem schmalen Grat. Und pokert in gewisser Weise, wie er selbst am Tag zwischen den beiden letzten deutschen Hauptrundenspielen andeutete.
Bezogen auf seine beiden Außenspieler sagte er, dass ihm die Gefahr zu groß war, dass er sie für das Frankreich-Spiel verheizt. Wolff habe zudem bereits vor dem Duell mit Norwegen über Ermüdungserscheinungen geklagt. Dennoch wisse er nicht, ob die „Entscheidung gut oder schlecht war. Ich denke natürlich, dass sie sehr gut war“, scherzte der Trainerroutinier.
Klammert man die Belastung und die körperlichen Probleme gewisser Spieler aus, so schwang in Gislasons Ausführungen mit, dass er sich gegen Frankreich höhere Siegchancen ausrechnet.
Auf der einen Seite nachvollziehbar, schließlich ist Dänemark seit Jahren das Nonplusultra im Welthandball und spielt zudem vor den heimischen Fans. Auf der anderen Seite steht Frankreich den Dänen in fast nichts nach.
Kretzschmar: „Du kannst es eigentlich nicht machen“
Beide leisteten sich einen Patzer im bisherigen Turnierverlauf, ansonsten lief insbesondere die französische Offensive wie ein Uhrwerk und stellte gleich zweimal einen Torrekord (46) auf. Dänemark hingegen wirkte, verglichen mit dem absurd hohen Leistungsniveau bei den jüngsten Großereignissen, zumindest ein wenig verletzlicher.
Als irgendwie verständlich, aber auch „grotesk“ beschrieb Handball-Legende Stefan Kretzschmar entsprechend die Strategie, alles auf einen Sieg gegen Frankreich zu setzen - „in Anbetracht der Tatsache, über welches Land wir sprechen“.
Dies sei „keine natürliche Herangehensweise, erst recht keine, die du der Mannschaft offerierst. Du kannst es eigentlich nicht machen“, sagte Kretzschmar in seinem Podcast, nachdem er eine Nacht über die Partie gegen Dänemark geschlafen und eine neue Theorie gesponnen hatte.
Handball-EM: Jetzt muss Deutschland gegen Frankreich liefern
„Ich hoffe, dass ich mich nicht täusche, aber Hut ab, Alfred Gislason. Das ist ein All-In-Move. Wenn das gut geht gegen Frankreich, dann wird die Nation ihn dafür feiern und er wird sagen, er hat einige Sachen bewusst verändert“, erklärte er weiter.
Sollte Wolff abliefern und die nun frischeren Außenspieler überzeugen, „dann war das ein Boss-Poker-Move“. Diesen All-In-Move müsse er der Mannschaft allerdings im Voraus „ganz anders kommunizieren und verkaufen“.
Gelingt ihm dies und das deutsche Team überzeugt am Mittwochabend auch sportlich gegen Frankreich, gebührt Gislason dafür Respekt. Ansonsten muss er sich die ein oder andere unangenehme Frage gefallen lassen.