Auch wenn Deutschlands Handballer seit mehreren Jahrzehnten zur absoluten oder zumindest erweiterten Weltspitze zählen, ist das Abschneiden bei der diesjährigen Europameisterschaft schon jetzt etwas ganz Besonderes. Denn der Griff nach den Medaillen ist für eine DHB-Auswahl alles andere als selbstverständlich. Nur viermal gelang dies bislang beim alle zwei Jahre ausgetragenen kontinentalen Turnier.
Ist Kroatien gegen Deutschland psychologisch im Vorteil?
Ein ganz besonderes Wiedersehen
Die schwarz-rot-goldene Bilanz fällt entsprechend überschaubar aus: 2004 und 2016 sprang jeweils Gold heraus, 2002 gewann die Nationalmannschaft Silber, 1998 Bronze. Hinzu kommen zwei vierte Plätze – 2008 sowie 2024. Ein Resultat, das dem Team von Bundestrainer Alfred Gislason nach dem furiosen 38:34-Erfolg gegen Frankreich am kommenden Wochenende bereits sicher ist, das aber längst nicht das Ende der Ambitionen markieren soll. Angepeilt ist – natürlich – das Finale.
Allerdings hat es der Weg dorthin in sich. Am Freitag trifft die DHB-Auswahl auf Kroatien – betreut vom Isländer Dagur Sigurdsson. Ausgerechnet jenem Trainer, der Deutschland vor zehn Jahren zum letzten EM-Titel geführt hatte. Die „Bad Boys“ schrieben damals Handball-Geschichte. Mit Andreas Wolff, Jannik Kohlbacher und Rune Dahmke stehen heute zwar nur noch drei Akteure des damaligen Triumphs im Kader, doch Sigurdsson kennt den deutschen Handball – und dieses Team – weiterhin bestens. Zudem gelten die Kroaten längst als eine Art Angstgegner.
Deutschland besiegte Halbfinal-Gegner vor der EM zweimal
In bislang 33 direkten Aufeinandertreffen setzte es für Deutschland 15 Pleiten, dazu kamen vier Remis und 14 Siege. Auch bei den jüngsten Großevents erwies sich Kroatien häufig als Stolperstein – etwa bei der Heim-EM 2024 oder den Olympischen Spielen wenige Monate später. Immerhin: Unmittelbar vor dem aktuellen Turnier konnte Deutschland zwei Testspiele gegen den Balkan-Rivalen für sich entscheiden. Einmal hieß es 32:29, einmal 33:27. Ein kleiner Mutmacher, zumindest auf dem Papier.
„Es war sicherlich gut, dass wir den ‚Kroatien-Fluch‘ gebrochen haben. Wir haben uns in den letzten Jahren nicht besonders gut gegen sie angestellt. In den Testspielen haben wir zweimal souverän gespielt“, betonte Kapitän Johannes Golla. Gislason bremste dessen Aussagen jedoch prompt ein: „Das zählt gar nichts. Natürlich ist es gut, gegen sie gespielt zu haben. Das ist eine sehr gute Mannschaft. Aber ich kenne die Kroaten schon seit Jahrzehnten – und die haben eine unheimliche Stimmung, wenn es darauf ankommt.“
Die Kroaten seien „eine Mannschaft, die sich unglaublich gut auf ein Spiel fokussieren kann. Das wird ein sehr, sehr harter Kampf“, so Gislason weiter. In eine ähnliche Richtung argumentierte auch Ex-Nationaltorhüter Henning Fritz im Interview mit SPORT1. Unabhängig von den erfolgreichen Vorbereitungsspielen werde das Halbfinale „kompliziert genug. Sie spielen die offensive Abwehr nahezu in Perfektion. Da müssen erst Lösungen gefunden werden, bevor wir über ein mögliches Finale reden“, ist sich der Weltmeister von 2007 sicher.
Handball-EM: Leidet Kroatien unter den Reisestrapazen?
Wie sich ein Endspiel anfühlt, wissen die Kroaten derweil bestens. Sigurdsson hat es geschafft, die Mannschaft um den Gummersbacher Torhüter Dominik Kuzmanović, Rückraum-Shooter Ivan Martinović und Rechtsaußen Mario Sostaric wieder dauerhaft in der Weltspitze zu etablieren. Im vergangenen Jahr wurde Kroatien WM-Zweiter, im Finale unterlag man lediglich den schier übermächtigen Dänen. Und auch bei dieser Europameisterschaft präsentierte sich das Team erneut in sehr starker Verfassung - auch wenn mit Zvonimir Srna eine wichtige Säule fehlt.
Mit 8:2 Punkten marschierten die Kroaten als Sieger der Hauptrundengruppe II in Malmö in die Vorschlussrunde. Lediglich der Auftritt gegen Co-Gastgeber Schweden im letzten Spiel der Vorrunde ging schief (25:33). Gegen die Schweiz, Slowenien und Ungarn gab sich der Vize-Weltmeister hingegen keine Blöße. Im Gegensatz zu den Deutschen, die an ihrem bisherigen Spielort in Herning bleiben können, mussten die Kroaten aber am Donnerstag von Schweden nach Dänemark reisen – ein Umstand, der laut DHB-Manager Benjamin Chatton durchaus ins Gewicht fallen könnte.
„Was die Belastung betrifft, haben wir ein Ungleichgewicht im Turnierbaum. Einen Reisetag am freien Tag zu haben, ist gar nicht so ungewöhnlich. Aber dadurch, dass wir einen Tag mehr haben, ist das ein Vorteil für uns“, erklärte Chatton. „Diesen Wettbewerbsvorteil gilt es jetzt zu nutzen. Aus sportlicher Sicht sind 24 Stunden bei dieser Schlagzahl eine ganze Menge – das ist nicht egal.“
Das sieht auf der anderen Seite auch Sigurdsson so. Der Kroatien-Coach legte einen regelrechten Wut-Auftritt hin, als er auf einer Pressekonferenz über den Spielplan schimpfte.
Handball-EM: Deutschland kämpft um Finaleinzug
Die gewonnenen Testspiele will Chatton wiederum nicht zu hoch hängen. Man müsse die Historie sehen: „Seit wann ist Dagur dabei? Wie viele Spiele und Trainingseinheiten hatte er mit der Mannschaft? Für ihn waren diese beiden Spiele echte Vorbereitungsspiele, um sich noch zu finden. Für uns war es eher ein Einspielen. Wir waren in der Vorbereitung weiter als die Kroaten“, sagte Chatton. „Das ist ein Teil der Einschätzung, warum ich glaube, dass Kroatien zumindest psychologisch im Vorteil ist – und wir die Aufgabe haben, das anzunehmen.“
Ob Kroatien tatsächlich den mentalen Vorteil auf seiner Seite hat? Ob Sigurdssons tiefe Kenntnis des deutschen Handballs den Ausschlag geben kann? Die Antwort liegt – wie so oft im Sport – auf dem Feld. Sicher ist nur: Sowohl Deutschland als auch Kroatien werden am Freitag (ab 17:45 Uhr im LIVETICKER) alles in die Waagschale werfen, um den Traum von Gold am Leben zu halten.