Als die Schlusssirene die Partie zwischen dem THW Kiel und TBV Lemgo Lippe beendete, dürfte sich zu der THW-Kollektiventtäuschung auch etwas Erleichterung gemischt haben. Endlich war diese Horrorsaison vorbei. Durch die Niederlage gegen Ligakonkurrent Lemgo Lippe (31:34) steht Platz sechs der Handball-Bundesliga in der Endabrechnung.
Ein Riese am Boden
Ein Riese am Boden
Die schlechteste Spielzeit seit der Saison 2002/03 war besiegelt. Obendrein verpassten die Zebras zum dritten Mal in Folge die Champions-League-Qualifikation. Auch für die European Handball League (EHL) reichte Rang sechs nicht. Zum ersten Mal seit 33 Jahren wird der Handball-Rekordmeister nicht auf der europäischen Bühne vertreten sein.
Vor der Saison hatten die Verantwortlichen auf die CL-Plätze geschielt – am Ende ist es nicht mal die Europa League geworden.
„Nicht international zu spielen, ist imagemäßig nicht gut für den THW Kiel. Auch bei den Sponsoren wird es jetzt nicht einfach“, erklärte Ex-Welthandballer Daniel Stephan im SPORT1-Interview. Die Handball-Legende wurde 2004 mit Deutschland Europameister und sicherte sich in demselben Jahr die Olympische Silbermedaille in Athen.
„Der Nimbus ist einfach gebrochen worden. Früher kamen die Mannschaften hin und dachten: Hoffentlich verlieren wir nicht mit zehn, sondern nur mit fünf. Jetzt gilt: Hey, Kiel ist schlagbar, Kiel ist verwundbar und wir können dort gewinnen“, fällte Stephan ein vernichtendes Urteil zum einstigen deutschen Handballprimus.
Kiels sportliche Misere
Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Eigentlich hatte die Saison im hohen Norden vielversprechend begonnen: Auf eine knappe Niederlage gegen die Füchse Berlin im Supercup folgten sechs Siege aus den ersten sechs Ligapartien. Auch in die EHF starteten die Zebras verheißungsvoll und verlängerten deshalb vorzeitig mit Cheftrainer Filip Jicha.
Sportlich lief es danach aber alles andere als rund. Fünf Unentschieden in zehn Ligapartien plus zwei Niederlagen gegen die Füchse Berlin (eine davon im DHB-Pokal-Viertelfinale) sorgten dafür, dass die CL-Plätze schnell außer Sichtweite gerieten.
Zudem fielen wichtige Leistungsträger verletzungsbedingt aus – für Stephan eine entscheidende Ursache für die Kieler Misere: „Ich sehe den Hauptgrund in den beiden langfristigen Verletzungen der Rückraumspieler Emil Madsen und Elias Ellefsen a Skipagotu.“
Als alleinige Ausrede für die schwache Saison gelte das Verletzungspech der Zebras natürlich nicht – auch wenn es noch mehr Verletzte gegeben habe und so der Spielstil nicht mehr realisierbar gewesen sei: „ Trotzdem darf man als THW Kiel manche Spiele, die verloren gingen, auch mit einer dezimierten Truppe auf keinen Fall verlieren“, sagte der 52-Jährige.
THW Kiel: Personalbeben in der Führungsriege
Ein personelles Beben im Aufsichtsrat sorgte dabei für zusätzliche Unruhe. Anfang Dezember legten die Aufsichtsräte Marc Weinstock und Jens Binek ihre Mandate nieder. Auch nachdem der THW zwischenzeitlich wieder in die Spur gefunden hatte (Sieg im Flensburg-Derby und gegen den späteren Meister aus Magdeburg), wollte bei den Nordlichtern abseits des Platzes keine Ruhe einkehren.
Geschäftsführerin Alisa Türk sollte eigentlich noch bis zum Sommer im Amt bleiben, wurde aber im März vorzeitig mit sofortiger Wirkung entlassen. Über die Gründe für den „vorgezogenen Neuanfang“ machte der Verein keine Angaben.
Die Negativserie hielt derweil weiter an – auch gegen die Kellerkinder aus Wetzlar und Leipzig konnte nicht gewonnen werden.
„Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir von den beiden Torhütern Andreas Wolff und Gonzalo Pérez de Vargas mehr versprochen habe. Eigentlich ist das eine Kombination, die besser nicht geht. Dafür hat der THW dann keine so überragende Torhüterleistung bekommen“, ging Stephan weiter auf Ursachenforschung.
„Man muss aber auch sagen, dass der Kader von Kiel nicht zu den ersten drei der Bundesliga gehört“, denkt Stephan und sieht Flensburg, Magdeburg und Berlin dabei besser besetzt. Auch Melsungen war für den THW im EHL-Finale zu gut. Mit der 23:24-Niederlage war die letzte Chance auf die European-League-Qualifikation vertan – und damit auf ein versöhnliches Saisonende.
Gelingt Kiel die Wiedergeburt?
Und nun? Die Kieler stehen vor einem echten Neuanfang und müssen in der kommenden Saison ein anderes Gesicht zeigen.
Die Verpflichtungen von Julian Köster, einem der begehrtesten deutschen Nationalspieler, und Domen Makuc, der mit dem FC Barcelona den Champions-League-Titel holte, unterstreichen die Ansprüche des Vereins.
„Er (Julian Köster; Anm. d. Red.) wird Kiel sicherlich frisches Leben einhauchen“, blickt Stephan positiv in die Zukunft – auch weil verletzte Leistungsträger wie Madsen und Ellefsen a Skipagotu wieder zurückkehren. „Sie haben ja am Anfang der Saison auch gut gespielt und hatten Siegesserien. Wenn sich zudem auch die Torhüter ein bisschen mehr einspielen, denke ich, dass da schon ein großes Potential nach oben ist.“
Bleibt Jicha Kiel-Trainer?
Mit Trainer Jicha? Dieser Frage wich Geschäftsführer Viktor Szilagyi am Dyn-Mikrofon nach dem letzten Saisonspiel aus: „Hier geht es nicht um Filip Jicha oder Viktor Szilagyi oder Einzelne. Hier geht es darum, dass wir wieder in die Spur kommen. Wir werden die Weichen stellen, nächstes Jahr wieder anzugreifen.“
Stephan kann sich einen Verbleib des Kieler Übungsleiters durchaus vorstellen. „Jetzt wird natürlich viel über Jicha gesprochen, aber man hört aus Mannschaftskreisen, dass das Team weiter geschlossen hinter ihm steht.“
Sportlich kann sich der THW jedenfalls in der kommenden Saison voll auf die Bundesliga konzentrieren. Ungewohnt, aber vielleicht sogar ein Vorteil?
„International nicht vertreten zu sein, ist völliges Neuland für den THW Kiel, aber das kann natürlich Ansporn und Motivation zugleich sein, dass man in der nächsten Saison wirklich da eine große Schippe drauflegen kann“, sagte Stephan.