Von der deutschen Oberliga über die 3. Liga bis in die Champions League – der märchenhafte Aufstieg des Sidny Lopes Cabral steht sinnbildlich für die Strategie des portugiesischen Erstligisten Estrela Amadora. Er dient aber auch als Blaupause für weitere Akteure aus der 3. Liga in Deutschland, die seit dem Winter-Transferfenster ihr Glück auf der iberischen Halbinsel versuchen.
Warum ein portugiesischer Klub in der 3. Liga wildert
Portugal-Klub wildert in Deutschland
Tom Moustier von Rot-Weiß Essen, der Ulmer Max Scholze, Chilohem Onuoha, der vom 1. FC Köln an den SC Verl verliehen war, und Viktoria Kölns Torwart Dudu sollen nun in die Fußstapfen von Cabral treten.
Denn der ist in Amadora bereits wieder Geschichte. Nachdem der Rechtsverteidiger Anfang 2022 noch bei Rot-Weiß Erfurt in der Oberliga gekickt hatte, wechselte der 23-Jährige im vergangenen Sommer ablösefrei von Drittligist Viktoria Köln nach Portugal und startete sofort voll durch.
Cabral macht den Anfang
Nach einem bärenstarken Halbjahr für Amadora mit fünf Toren und drei Vorlagen in nur 15 Spielen klopfte Champions-League-Teilnehmer Benfica Lissabon an und verpflichtete den Nationalspieler der Kapverden für sechs Millionen Euro.
„Sidny war ein Glücksfall für uns“, sagte Amadoras Geschäftsführer Francisco Lopo im kicker und setzt nach den guten Erfahrungen mit Cabral nun große Hoffnungen in sein neues Quartett, von dem bislang allerdings nur Moustier und Scholze zum Einsatz kamen.
Die bisherigen Transfers sollen „erst der Anfang“ gewesen sein, betonte Lopo, denn Amadora ist nun auf den Geschmack gekommen. „Paulo Moreira, unser Technischer Direktor, hat eine Verbindung nach Deutschland. So sind wir letztes Jahr auf Sidny Lopes Cabral aufmerksam geworden. Bevor wir Sidny verpflichtet haben, hatten wir keine Berührungspunkte mit dem deutschen Markt, aber jetzt haben wir die 3. Liga für uns entdeckt, weil wir mit Sidny sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Durch ihn sind wir sehr neugierig geworden.“
Estrela Amadora will weiter in der 3. Liga wildern
Die 3. Liga in Deutschland sei „sehr kompetitiv“, begründet Lopo Amadoras Wildern in der obersten Spielklasse des DFB. „Es ist eine der drei besten dritten Ligen der Welt – wenn nicht sogar die beste. Die Spieler, die von dort zu uns kommen, sind technisch, taktisch und physisch sehr gut ausgebildet. Dadurch sind sie optimal vorbereitet, um hier in der 1. Liga zu spielen. Sie sollen sich bei uns entwickeln, um in einem Jahr oder in eineinhalb auf einem noch höheren Level zu sein.“
Nicht nur die sportlichen Qualitäten schätzt Lopo an Akteuren, die aus Deutschland kommen, sondern auch deren Mentalität: „Wir sehen immer erst den Menschen, den wir zu uns holen – dann den Spieler. Das ist ein ganz wichtiger Teil unserer Philosophie. Und bei Deutschen wissen wir, dass sie fleißig, korrekt und mental sehr stark sind. Sie können mit Druck umgehen, weil sie in Deutschland vor vielen Zuschauern spielen. Die Stadien sind voll.“
Dazu komme „die Zuverlässigkeit. Wenn Deutsche sagen, sie unterschreiben einen Vertrag, dann unterschreiben sie ihn auch dann, wenn plötzlich noch andere Vereine dazwischengrätschen. Sie halten ihr Wort, das schätzen wir sehr. Auch die Zusammenarbeit mit deutschen Klubs ist immer sehr respektvoll.“
Der tiefe Fall des Arbeiterklubs
Estrela Amadora, einstiger Traditionsklub aus der Region Lissabon, schaffte 1988 den erstmaligen Sprung in die 1. Liga. Zwei Jahre später folgte mit dem Gewinn des portugiesischen Pokals der größte Triumph der Vereinsgeschichte, ehe sich der Arbeiterverein nach der Jahrtausendwende zu einem Fahrstuhlklub entwickelte, in finanzielle Schieflage geriet und 2011 Insolvenz anmeldete.
2020 folgte die Rückkehr in den Profifußball, als der neugegründete Verein nach einer Fusion mit Club Sintra Football den Platz von Sintra in der dritten Liga übernahm. Bereits im Jahr darauf folgte der Aufstieg in die 2. Liga, 2023 der Sprung ins portugiesische Oberhaus.
Um sich dort im Schatten von Lissabons Giganten Benfica und Sporting langfristig zu etablieren, beruht die Strategie von Amadora vor allem auf effizientem Scouting, sprich, junge sowie entwicklungsfähige Spieler aufzuspüren, kostengünstig oder ablösefrei zu verpflichten und später mit großem Gewinn weiterzuverkaufen – so wie bei Cabral, der Ende Januar ausgerechnet gegen Amadora beim 4:0-Sieg seinen ersten Treffer für Benfica erzielen konnte.
Scouting „eine der wichtigsten Abteilungen“
Das Scouting sei laut Lopo „eine der wichtigsten Abteilungen in einem Klub. Die Vereine, die Spieler früher finden als andere, sind erfolgreich.“
Dementsprechend findet sich in Amadoras Kader ein sehr hoher Anteil an Legionären: über 85 Prozent in der laufenden Saison, in der der Klub knapp vor der Abstiegszone liegt. Schon in den ersten beiden Spielzeiten nach dem Aufstieg 2023 hatte man jeweils nur knapp die Klasse halten können.
Gekennzeichnet sind die Transferfenster seitdem von großen Kaderumwälzungen, mit dem Ziel, eine positive Transferbilanz zu erzielen, wobei in den vergangenen beiden Spielzeiten ein Plus von mehr als elf Millionen Euro erwirtschaftet wurde.
Trotz der hohen Fluktuation betont Lopo, dass Amadora „ein sehr familiärer Klub“ sei. „Wir bieten optimale Bedingungen und kümmern uns um alles, damit sich die Spieler voll und ganz auf den Fußball konzentrieren können. Wir kümmern uns um das Haus, das Auto, die Kinder. Wenn das alles passt und die Spieler sich wohlfühlen, spielen sie besser. Das ist unsere Überzeugung. Deshalb bieten wir ein Rundum-Paket.“
Lopo fügte hinzu: „Als Erstligist stellen wir den Spielern eine Bühne zur Verfügung, auf der sie sich für noch höhere Aufgaben empfehlen können. Wir geben ihnen Zeit, sich zu entwickeln - dann wollen wir für viele ein Sprungbrett sein. Als Klub erhoffen wir uns dann natürlich Einnahmen. Fußball ist ja auch ein Geschäft. Und die Strategie geht auch auf. Mittlerweile haben wir in Portugal das Image, dass die Leute sagen: Wenn du zu einem sehr guten Verein wie Benfica, Porto oder Sporting gehen willst, musst du vorher nach Amadora gehen.“