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Der traurige Abstieg eines Europameisters

Trauriger Abstieg eines Europameisters

Lorenzo Insigne feierte große Titel mit der Nationalmannschaft und im Verein. Mit Delfino Pescara ist er jetzt in die dritte Liga abgestiegen.
Auch ein Tor von Henrikh Mkhitaryan kann Napoli nicht von der Siegerstraße bringen. Lorenzo Insigne sorgt für den Napoli-Triumph.
Lars Hinzberg
Lorenzo Insigne feierte große Titel mit der Nationalmannschaft und im Verein. Mit Delfino Pescara ist er jetzt in die dritte Liga abgestiegen.

118.000 Einwohner zählt das malerische Pescara an der italienischen Adriaküste. Wo andere „La dolce vita“ in den Abruzzen genießen, muss Lorenzo Insigne einen der bittersten Momente seiner Karriere hinnehmen.

In Tränen aufgelöst steht er vor der Kurve. Als ihn die Gefühle übermannen, sucht er Zuflucht in den Armen seiner Mitspieler, zieht sich das Trikot übers Gesicht. Danach blickt er entschuldigend zu den Fans. Die wollen ihrem einstigen Helden aber nicht mehr verzeihen.

Nach einem 1:1 gegen Spezia Calcio am letzten Spieltag blieb Insignes Delfino Pescara auf dem letzten Platz der Serie B, der gleichbedeutend ist mit dem Abstieg in die dritte Liga – und das nur zwölf Monate nach dem Aufstieg.

Für Insigne ist die Entwicklung besonders bitter. Denn in Pescara ging der Stern des damals 20-Jährigen auf. Von seinem Heimatverein SSC Neapel ausgeliehen, avancierte Insigne in der Saison 2011/2012 zum Stammspieler und Publikumsliebling bei Delfino.

Pescara-Aufstieg dank Insigne, Verratti und Immobile

Der Linksaußen erzielte 18 Tore und hatte damit einen großen Anteil daran, dass das Team nach der Spielzeit als Tabellenerster in die Serie A aufstieg. Übertrumpft wurde er in der Torausbeute nur von einem gewissen Ciro Immobile, der 28 Treffer beisteuerte. Drahtzieher im Mittelfeld war damals übrigens Marco Verratti.

Nun sollte Insigne seinen alten Verein als Routinier und Anführer retten, nachdem er im Januar aus der Vereinslosigkeit in Pescara einen Vertrag bekommen hatte.

Doch die Rolle als Anführer konnte der Kapitän nicht immer ausfüllen. Exemplarisch dafür steht eine Entscheidung aus der Partie am vorletzten Spieltag, welche Pescara durch ein Tor in der Nachspielzeit gegen Padova Calcio mit 0:1 verlor.

In der Schlussphase überließ Insigne dem 21-Jährigen Flavio Russo die Ausführung eines Elfmeters, den Russo prompt verschoss. Im Anschluss hagelte es vor allem vonseiten der Fans Kritik an Insigne, der seiner Verantwortung als Kapitän nicht nachgekommen sei.

Insigne: „Ich bin fassungslos“

Insigne fühlte sich offensichtlich nicht in der Lage, den Elfmeter zu schießen, und reagierte verärgert auf die Kritik. „Ehrlich gesagt bin ich fassungslos über die Aussagen nach dem Spiel“, schrieb er auf Social Media und betonte: „Was mich betrifft, so habe ich das Wohl der Mannschaft immer an erste Stelle gesetzt und werde dies auch weiterhin ohne zu zögern tun.“

Dennoch nahmen ihm diesen Verzicht viele der eigenen Fans so übel, dass er im Spiel gegen Spezia zeitweise bei nahezu jeder Ballberührung ausgepfiffen wurde.

Dabei war es auch Insigne zu verdanken, dass Pescara bis zum Schluss zumindest die Möglichkeit hatte, sich noch zu retten. Der mittlerweile 34-Jährige erzielte fünf Tore und bereitete drei weitere vor. Doch zu mehr als dem zwischenzeitlichen Sprung auf einen Relegationsrang reichte es nicht mehr.

Insigne: Pescara war nur die zweite Wahl

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Rückkehr nach Pescara nur Insignes zweite Wahl war. Denn nach seinem dreijährigen Intermezzo bei Toronto FC in Kanada wäre er am liebsten nach Neapel zurückgekehrt.

Denn in seiner Geburtsstadt hat er nicht nur eine außerordentlich erfolgreiche Karriere hingelegt, sondern wird bis heute als „Lorenzo Il Magnifico“ (dt: Lorenzo der Prächtige) verehrt.

Nach seiner Rückkehr aus Pescara im Jahr 2012 spielte er zehn Jahre für Napoli und feierte in dieser Zeit zwei Pokalsiege. 2021 war er Teil der italienischen Nationalmannschaft, die erstmals seit 53 Jahren wieder Europameister wurde.

Für Napoli erzielte er in seiner Karriere 122 Tore. Damit liegt er in der ewigen Rangliste nur hinter Dries Mertens (148), aber noch vor dem Stadtheiligen Diego Maradona (115).

Maradona bietet Insigne seine Nummer 10 an

Dessen legendäre Nummer 10 sollte eigentlich nie mehr vergeben werden. Doch der Argentinier selbst hatte zu Lebzeiten noch verfügt: „Wenn Insigne mehr Tore geschossen hat als ich, kann er sie haben.“

2022 – im letzten Jahr für Neapel – holte Insigne Maradona ein. Dessen 10 aber war auch für den gebürtigen Neapolitaner eine Nummer zu groß. Getragen hat er sie nicht.

Und er hätte auch bei seiner Rückkehr in seine Geburtsstadt darauf verzichtet, wenn er denn bloß noch einmal im hellblauen Trikot hätte auflaufen können. Sogar zum Nulltarif wäre er nach Hause gekommen. Doch Neapel lehnte ab. „Ich habe es nicht persönlich genommen, denn ich bin und bleibe ein riesiger Napoli-Fan“, sagte er damals bei Sky Italia.

Seinem Vermächtnis im Verein und der Stadt tut das dennoch keinen Abbruch – im Gegensatz zu Pescara.

Ein Verbleib in den Abruzzen ist nach den jüngsten Verwerfungen mehr als unwahrscheinlich.