Dieser Aufstieg wäre eine echte Fußball-Sensation! Der englische Traditionsverein FC Millwall kann nach mehreren Jahrzehnten in der zweiten und dritten Liga tatsächlich in die Premier League aufsteigen.
Klub mit Skandal-Fans träumt von der Premier League
„Meistgehasster Verein“ vor Rückkehr
Der kleine Verein aus dem Südosten Londons spielte in der Championship eine überragende Saison, beendete die Spielzeit mit 83 Punkten auf dem dritten Platz und hat jetzt in den Aufstiegs-Playoffs die Chance auf eine Rückkehr in die erste Liga.
Am Freitag tritt Millwall zum Hinspiel beim Sechstplatzierten Hull City (ab 21 Uhr im LIVETICKER) an. Der Sieger nach Hin- und Rückspiel trifft dann im legendären Wembley Stadion im Finale um den Aufstieg auf den Sieger des Duells FC Middlesbrough gegen den FC Southampton.
Ein Aufstieg wäre ein kleines Wunder. Immerhin schrieb der Arbeiterverein sportlich eigentlich nie so richtig positive Schlagzeilen. Vielmehr eilt Millwall ein ganz schlechter Ruf voraus. Wegen vieler Gewaltexzesse der Fans gilt der Verein als „meistgehasster Verein Englands“.
Ein Klub ohne Glanz und mit Gewaltgeschichte
Mit dem Ruhm, Glanz und ganz speziell dem Reichtum der Premier League hat der FC Millwall in seiner Geschichte bisher so gar nichts zu tun. 1885 wurde der Verein von schottischen Arbeitern auf der Isle of Dogs, einer Halbinsel, die von der Themse umrahmt wird, gegründet.
Über Jahrzehnte blieb der Verein stets ein Klub ohne Glanz, der sich viel mehr durch treue Fans und harte Arbeit auszeichnete. Zu richtig großen Erfolgen führte diese harte Arbeit aber nur selten. Nur in zwei Spielzeiten (88/89, 89/90) spielte Millwall in der ersten englischen Liga.
Ansonsten pendelte der Verein, der seine Heimspiele im Stadion The Den (Die Höhle), das im Londoner Stadtteil Bermondsey im Südosten liegt, stets zwischen zweiter und dritter Liga. Speziell in der zweiten Liga feierte man selten Erfolge. So gut wie in dieser Saison war man zuletzt 1994, als man auch Dritter in Liga zwei wurde.
Millwall hat Kane „zum Mann gemacht“
An der chronischen Erfolglosigkeit änderte sich auch nichts, als sich ein heutiger Weltstar 2012 für die Rückrunde in die Millwall-Höhle verirrte. Der damals 18-jährige Harry Kane, ausgeliehen von Tottenham, lief insgesamt 27-mal für Millwall auf, traf neunmal und bereitete fünf Treffer vor.
In der Tabelle wurde man trotzdem nur 16. Für den heutigen Bayern-Star sei die Zeit dennoch sehr prägend gewesen. So verriet er 2017 dem Portal FourFourTwo: „Die Leihe zum FC Millwall hat eine extrem große Rolle für meine gute Entwicklung gespielt.“
„Ich war damals 18 Jahre alt und wir haben gegen den Abstieg gekämpft. Millwall hat mich zu einem Mann gemacht“, gestand Kane: „Ich hatte eine tolle Zeit im Verein. Ich habe schwierige Spiele unter hohem Druck bestritten und bin gestärkt daraus hervorgegangen.“
Anschließend ging es für Kane raus aus dem harten Stadtteil Bermondsey, rein in die Stadt zurück zu Tottenham. Diesen Weg schaffen viele Fans des Vereins nicht. Zu groß ist die Kluft zwischen den armen Vierteln und der kostspieligen City London geworden.
Gewaltexzesse von Millwall-Hooligans prägen schlechten Ruf
Die Gegend gilt als hartes Pflaster und spielte in der Geschichte des Vereins sicher auch eine große Rolle dabei, dass sich der FC Millwall über Jahrzehnte zum gefürchteten Problemverein mit einer der gefährlichsten Hooligan-Szenen der Welt entwickelte.
Insbesondere in den 1970er- und 1980er-Jahren, der Hochzeit der Hooligans in England, trieben die berüchtigten Ultras des Vereins ihr Unwesen. 1985 stürmten beispielsweise beim Spiel gegen Luton Town hunderte Millwall-Fans den Platz, 81 Menschen wurden verletzt, darunter 31 Polizisten.
Aber auch davor und danach kam es immer wieder zu verschiedenen Gewaltexzessen, an denen Anhänger des Vereins beteiligt waren. In den 1960ern flog aus dem Block einst die täuschend echte Attrappe einer Handgranate auf das Feld.
2009 kam es beim berüchtigten „Docker’s Derby“ gegen den Erzrivalen West Ham United zu Ausschreitungen. Auf den Rängen war es zu Schlägereien zwischen den rivalisierenden Fan-Gruppen gekommen. Das Ligapokal-Spiel musste dreimal unterbrochen werden. Insgesamt wurden 21 Menschen verletzt, ein Mann sogar schwer im Brustbereich. Außerhalb des Stadions hatte es nach dem Spiel auch noch eine Messerstecherei gegeben.
All diese Vorfälle brachten dem Verein zweifelhaften Ruhm, der sich durch verschiedene Filme verfestigte. In den Nullerjahren gab es weltweit einen Kult um Hooligan-Filme wie „Football Factory“, „Green Street“ oder „Hooligan“. Meist in der Hauptrolle: Fans des FC Millwall, die als besonders brutal und gewaltsuchend dargestellt worden.
Millwall-Anhänger reagieren auf Ruf mit Trotz
Dieser Ruf hält auch noch bis heute an, obwohl viele Fans und auch der Verein selbst schon über Jahre proaktiv versuchen, mögliche Gewalttäter aus ihren Reihen zu verbannen.
Schon 1994 gründete der Klub die erste Antidiskriminierungsstelle in England. Millwall versucht konsequent, seinen Ruf zu verbessern, Aufklärungsarbeit bei seinen Fans zu leisten und unverbesserliche Anhänger auszuschließen.
Trotzdem hält sich das Stigma, dass alle Fans von Millwall Hooligans oder zumindest gewaltbereit seien, konsequent. So listet das Online-Portal Lower Block Millwall als „meistgehassten Verein Englands“.
Viele Anhänger auf der Insel und auch im europäischen Fußball denken auch heute tatsächlich noch immer so. Das führt bei der Anhängerschaft des Traditionsvereins zu Trotzreaktionen. Eine davon ist ihr legendärer Fangesang: „We are Millwall, no one likes us, we don’t care (Wir sind Millwall, niemand mag uns, aber uns ist das egal).“
Zieht Millwall bald am Rivalen West Ham vorbei?
Und schon bald könnte dieser Gesang auch in den großen Stadien der Premier League zu hören sein, denn sportlich machte der Verein zuletzt mit positiven Schlagzeilen auf sich aufmerksam.
Millwall mischte in dieser Saison überraschend die Championship auf. Erfolgstrainer Alex Neil formte ein Team mit klarer Idee: wenig Ballbesitz, dafür hohes Tempo nach vorn, viele Flanken und große Stärke bei Standardsituationen. Zudem glänzten die Londoner mit einer starken Defensive und den meisten Zu-null-Spielen der Liga.
Am Ende reichte es nur ganz knapp nicht zum direkten Aufstieg. Ein Punkt fehlte auf Aufsteiger Ipswich Town. Der Knackpunkt: ein Unentschieden am vorletzten Spieltag gegen Absteiger Leicester.
Jetzt soll über den Umweg Aufstiegs-Playoffs doch noch der zweite Aufstieg in die erste englische Liga gelingen. Die Chancen dazu stehen gut. In der Saison holte man 10 Punkte mehr als Halbfinal-Gegner Hull City. Beide Teams gewannen je eines der beiden Liga-Duelle.
Gegen die möglichen Finalgegner FC Southampton (ein Sieg, ein Unentschieden) oder FC Middlesbrough (ein Sieg, eine Niederlage) sieht die Bilanz ebenfalls ordentlich aus.
Mit drei Siegen wäre das Aufstiegswunder perfekt und gleichzeitig vielleicht die doppelte Genugtuung für die viel gescholtenen Millwall-Fans. Denn der Erzrivale West Ham United steht aktuell in der Premier League auf einem Abstiegsplatz. Der oft als „meistgehasste Verein Englands“ bezeichnete Klub könnte nach Jahrzehnten mal wieder vor dem ewigen Rivalen stehen.