Im Alter von 21 Jahren gelten viele Spieler noch als lernbedürftig und unbekümmert. Bartosch Gaul stand in diesem Alter bereits als Co-Trainer der Schalker U17 an der Seitenlinie. Seitdem durchlief der gebürtige Pole eine aufregende Trainerkarriere: Coach von Weltmeister Lukas Podolski im polnischen Zabrze, Nachwuchsleiter bei RB Leipzig, zum Teil unter dem Chef Jürgen Klopp – und nun sein erstes großes Auslandsabenteuer.
"Der Verein hat ein Riesenpotenzial"
„Der Verein hat ein Riesenpotenzial“
Mit Sanfrecce Hiroshima beendet Gaul kürzlich seine erste Saison in der ersten japanischen Liga. Im SPORT1-Interview erzählt er von Begegnungen mit Jürgen Klopp auf Weihnachtsfeiern, einer Nachricht von Hertha-Profi Fabian Reese – und was er von einer Klubübernahme durch Podolski denkt.
SPORT1: Herr Gaul, Sie sind erst 38 Jahre alt – und haben dennoch schon 17 Jahre Trainererfahrung auf Schalke, in Mainz und beim „Poldi“-Klub, Gornik Zabrze, sammeln können. Hilft das nun bei Ihrem Abenteuer in Japan?
Bartosch Gaul: Es hilft, wenn du das Trainer-Dasein von der Pike auf lernst. Das ABC des Fußballtrainers ist hier wichtig, weil die Japaner technisch schon extrem gut ausgebildet sind. Dann bist du auch irgendwann in der Lage, hochkomplexe taktische Formen zu reduzieren – auch in einer anderen Sprache und auf einem anderen Kontinent.
Podolski als Mentor
SPORT1: Es ist nicht Ihre erste Station außerhalb Deutschlands. 2022/23 haben Sie bereits über ein halbes Jahr bei Gornik Zabrze in Polen gearbeitet, wo auch Lukas Podolski gespielt hat.
Gaul: Davor war ich „nur“ in Jugendmannschaften unterwegs, Zabrze war für eine erste Profi-Station dann mehr als eine toughe Zeit. Ich glaube im Nachhinein, dass ich zu keinem guten Zeitpunkt dort ankam. Der Verein war damals städtisch geführt, die Entscheiderin war die Bürgermeisterin. Die Strukturen haben die Arbeit nicht immer einfach gemacht. Zudem befand sich der Klub damals in einer wirtschaftlich schwierigen Lage. Es gab aber Leute, die mich beruhigt und gesagt haben: ‚Das wirst du in der Form nicht nochmal erleben.‘ Aber wenn du ein emotionaler Typ bist, der für Werte einstehen will, dann macht das schon etwas mit dir.
SPORT1: Eine anspruchsvolle Situation. Sie hatten aber mit Podolski eine Fußballgröße an Ihrer Seite. Hat das geholfen – oder war das kontraproduktiv?
Gaul: Definitiv Ersteres. Ich wäre dumm, wenn ich auf diese Expertise und diese Erfahrung nicht zurückgreifen würde. Mit Poldi hatte es den Vorteil, dass er schon im Vorfeld wollte, dass ich als Trainer die Aufgabe bei Zabrze annehme. Wir standen häufig im Austausch und er hat das ganze Thema gepusht. Daher gab es nie Probleme – und wir haben immer noch Kontakt. Bevor ich nach Japan gegangen bin, habe ich ihn auch angerufen (Podolski spielte von 2017 bis 2020 bei Vissel Kobe; Anm. d. Red.).
SPORT1: Jetzt will Podolski bei Zabrze 100 Prozent der Klubanteile übernehmen. Bringt das den Klub voran?
Gaul: Ich habe damals schon gesagt: Ich glaube, dass klare Strukturen und langfristige Planung dem Verein helfen können, sich nachhaltig weiterzuentwickeln. Der Verein hat ein Riesenpotenzial, es ist in vielerlei Hinsicht die kleinere Version von Schalke in Polen.
„Weil sie einfach coole Typen sind, das schätze ich sehr“
SPORT1: Ist er denn der Richtige dafür, das Potenzial komplett zu entfalten?
Gaul: Ich habe diesen Prozess verfolgt, schon zu meiner Zeit sollte der Klub verkauft werden. Es hat sich extrem lang gezogen. Aber ich glaube schon, dass er der Richtige ist. Was bei Poldi auffällig ist, und das schätze ich sehr: Er ist niemand, der nur viel redet, sondern jemand, der ins Machen kommt und versucht, Dinge zu bewegen.
SPORT1: Manche behaupten dasselbe von Jürgen Klopp. Sie haben dieselbe Berateragentur, haben beide gut ein Jahr lang parallel im RB-Kosmos gearbeitet. Er als Head of Global Soccer, Sie als Nachwuchsleiter in Leipzig und für fünf Partien interimsweise als Co-Trainer der ersten Mannschaft. Gab es da Schnittstellen?
Gaul: Man ist sich mal auf Weihnachtsfeiern über den Weg gelaufen. In der Zeit, in der ich oben ausgeholfen habe bei Zsolt Löw, war er immer wieder mal da. Aber das war alles informell und kein explizit fachlicher Austausch. Am Ende kann man sagen: Ich mag Leute, die viel erreicht haben im Leben, denen du es aber nicht anmerkst. Weil sie einfach coole Typen sind, das schätze ich sehr.
SPORT1: Damals sind Sie von der Seitenlinie abgekehrt. Wieso dieser Schritt?
Gaul: Es hat mich gereizt, bestimmte Dinge aus anderen Perspektiven kennenzulernen. Das habe ich eigentlich mein ganzes Leben lang gemacht. Der Schritt nach Leipzig war kein Notfallplan, sondern es war eine bewusste Entscheidung in eine andere Rolle. Irgendwann hat es mich aber wieder gekitzelt, an die Seitenlinie zurückzukehren.
SPORT1: Dort hatten Sie einige Überschneidungen mit großen Namen: Ihren Trainerschein haben Sie gemeinsam mit Lukas Kwasniok und Markus Krösche gemacht, in Leipzig unter Manuel Baum als direktem Vorgesetzten gearbeitet. Von welchem Trainer haben Sie am meisten mitgenommen?
Gaul: Man muss schon sagen, dass ich von Norbert Elgert (Schalker U19-Coach seit 2003; Anm. d. Red.) das meiste mitbekommen habe. Das ist kein Lehrbuchwissen, aber du kriegst alles mit, was Mannschaftsführung angeht, mit welchem Fingerspitzengefühl man da rangeht. Das war eine sehr prägende Zeit.
SPORT1: Was macht denn für Sie den Trainerjob so besonders?
Gaul: Wenn du mit voller Leidenschaft dabei bist, pusht es dich entweder im positiven Sinne hoch und du willst mehr davon, oder du kriegst mal richtig einen drüber und dann zerfleischt es dich.
Mainz, Schalke und Talente wie am Fließband
SPORT1: Sie hatten schon einige Hochphasen: die Meisterschaft mit der Schalker A-Jugend 2015, später waren Sie auch mit der Mainzer U23 in der Regionalliga erfolgreich. Ist Ihnen ein Talent in all Ihren Jugendstationen besonders hängengeblieben?
Gaul: Julian Draxler war in der U17 schon ein außergewöhnlicher Kicker, er war mit einem Talent gesegnet, welches man in der Form ganz, ganz selten sieht. In der U19 war mit Leroy Sané ein Spieler, der immer den Unterschied machen konnte. Später in Mainz gab es noch einige Namen wie Jonathan Burkardt oder Paul Nebel. Das waren schon damals Outstanding-Spieler, die aus der Jugend kommend sofort im Profi-Bereich spielen konnten. Bei dieser Kategorie Spieler, da meinen viele: ‚Das ist Entwicklung.‘ Aber es gibt bestimmte Talente, bei denen du eher aufpassen musst, dass du nicht zu viel kaputt machst.
SPORT1: Haben Sie mit manchen Schützlingen von damals noch Kontakt?
Gaul: Irgendwann verlaufen sich die Wege bei der Masse an Kontakten. Aber vor ein paar Wochen hatte ich eine ganz spannende Geschichte mit Fabian Reese! Seit einigen Jahren herrschte Funkstille, aber er hat sich einfach aus dem Nichts gemeldet, weil er ein bestimmtes Anliegen hatte.
SPORT1: Wir sehen Bartosch Gaul also in der kommenden Saison als Coach in der Icon League auf SPORT1?
Gaul: (lacht). Damit habe ich mich noch nicht auseinandergesetzt, aber der Fußball ist nie planbar. Ich hätte auch vor acht Monaten nicht gedacht, dass ich hier in Japan sitze. Und jetzt wohnt sogar meine Frau seit vier Wochen hier.
SPORT1: Müssen die deutschen Fans denn künftig auf Sie verzichten – oder können Sie sich vorstellen, wieder in den europäischen Fußball-Kosmos zurückkommen?
Gaul: Das kann ich mir definitiv vorstellen. Es gab immer wieder interessante Gespräche, mein Fokus lag aber auf meiner jeweiligen Aufgabe.
SPORT1: Zuvor steht aber noch eine WM an – verfolgen Sie die japanische Nationalmannschaft durch Ihre Trainerstation genauer?
Gaul: Natürlich schaue ich mit einem anderen Blick drauf, unser Torwart steht im Kader der japanischen Nationalmannschaft und fährt zur WM. Ich verfolge das Turnier wahrscheinlich aus dem Urlaub auf Hawaii und versuche, bei einem Essen, Bierchen und Gesprächen zu schauen. Wenn ich aber merke, ich gucke zu fokussiert, dann schalte ich das Ding halt aus und lese es am nächsten Tag.