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Einstige FC-Bayern-Hoffnung fängt neu an

Das verhinderte Top-Talent

Mit 24 Jahren blickt Tanguy Nianzou bisher auf eine steinige Karriere zurück. Der FC Bayern sah in ihm einst eines der größten Talente Europas, nun folgt der Neuanfang in Lille.
Tanguy Nianzous Karriere führte ihn von Paris über den FC Bayern und den FC Sevilla bis zum OSC Lille. Nach schwierigen Jahren soll der Wechsel nach Frankreich nun den Neustart bringen.
Lars Hinzberg
Mit 24 Jahren blickt Tanguy Nianzou bisher auf eine steinige Karriere zurück. Der FC Bayern sah in ihm einst eines der größten Talente Europas, nun folgt der Neuanfang in Lille.

Es sind Bilder, die heute aus vielerlei Hinsicht befremdlich wirken. Als der FC Bayern am 1. Juli 2020 zur Spielervorstellung des Neuzugangs Tanguy Nianzou lud, zeigten sich der damals 18-jährige Franzose und Sportvorstand Hasan Salihamidžić ob der geltenden Corona-Maßnahmen mit Masken vor den Mündern der virtuellen Pressekonferenz. Nicht das einzige Detail, das Fans im Rückblick Unbehagen bereitet.

Das Defensiv-Talent kam mit reichlich Vorschusslorbeeren vom französischen Serienmeister Paris Saint-Germain an die Isar, konnte den hohen Erwartungen in seinen zwei Jahren beim FCB jedoch nicht gerecht werden. Mit mittlerweile 24 wagt er in der Heimat beim OSC Lille abermals einen Neuanfang.

„Einer der besten Innenverteidiger der nächsten zehn Jahre“

Der Deal, Nianzou ablösefrei aus Paris nach München zu lotsen, wurde in der Branche gemeinhin als echter Coup angesehen. Der Youngster galt als vielseitig einsetzbar, sein Potenzial schien für die Experten weit über dem Durchschnitt.

„Er ist ein absolutes Ausnahmetalent. Für mich einer der besten Innenverteidiger der nächsten zehn Jahre. Ich lege mich hiermit auch fest: Wenn der einigermaßen gesund bleibt, wird er innerhalb eines Jahres Stammspieler beim FC Bayern werden“, urteilte Ralf Rangnick im SPORT1-Doppelpass.

„Einer der besten Spieler Europas in seinem Jahrgang 2002“, zeigte sich auch Salihamidžić begeistert von seinem Meisterstück. In der Nachbetrachtung sollte er sich dann jedoch in eine Liste von nicht ganz glücklichen Transfers des Jahres 2020 einfügen. Im selben Sommer kamen auch Alexander Nübel und Leroy Sané zum Rekordmeister.

Nianzou und der FC Bayern: Keine Liebesgeschichte

Denn was folgen sollte, war eine Mischung aus der nachvollziehbaren Unsicherheit eines 18-Jährigen im größtmöglichen Scheinwerferlicht, fehlender Erfahrung und vor allem Verletzungspech.

Muskelbündelrisse, Verstauchungen und immer wieder Oberschenkelverletzungen sind seit jeher treue Begleiter in seiner noch immer jungen Karriere. Für die Bayern kam er in zwei Spielzeiten auf insgesamt 28 Einsätze mit 990 Minuten. Das ergibt eine durchschnittliche Einsatzzeit von 35 Minuten pro Spiel.

Nagelsmann: „Fehlerquote runtersetzen“

Und aus diesen Minuten blieben später vor allem unglückliche Szenen in Erinnerung. Beispielhaft ein Foul gegen Bielefelds Fabian Kunze, den er überhart mit dem Ellenbogen am Hals traf. Der Mittelfeldspieler trug eine Wirbelsäulen- und Schulterprellung davon, Nianzou kam mit einer Gelben Karte glimpflich davon. Sogar sein damaliger Trainer Julian Nagelsmann hatte ihn im Anschluss ausgewechselt und die Aktion als „rotwürdig“ bewertet.

„Tanguy ist ein großes Talent mit viel Potenzial. Am Ende ist es so, dass er seine Fehlerquote ein bisschen runtersetzen muss, und in den Trainingseinheiten und auch in den Testspielen war es so, dass er noch den ein oder anderen Fehler zu viel drin hat. Es bedarf Zeit“, erklärte der damalige Bayern-Coach 2021.

Viel Zeit hat man bei einem Verein, dessen erklärtes Ziel es ist, jedes Jahr mindestens die deutsche Meisterschaft und viel lieber auch noch die Champions League zu gewinnen, nicht. Zu groß war die Konkurrenz um Niklas Süle, Lucas Hernández, Benjamin Pavard und Alphonso Davies in der Viererkette.

Neustart beim FC Sevilla

Das Fazit nach dieser diplomatisch als „durchwachsen“ betitelbaren Episode lautete: Neustart. Für 16 Millionen zog der Innenverteidiger weiter zum FC Sevilla. Das Vertrauen beim FC Bayern schien aber dennoch nicht verloren gegangen und man sicherte sich eine Rückkaufoption, für den Fall, Nianzou würde bei den Andalusiern doch wieder zu seiner erhofften Form finden.

Doch das Verletzungspech haftete ihm weiter an wie eine dunkle Gewitterwolke oder der viel zitierte Dreck am Schuh. 81 Spiele verpasste er laut transfermarkt.de aufgrund körperlicher Beschwerden für den Europa-League-Rekordsieger. Die 19 La-Liga-Einsätze aus seiner Premieren-Saison sollten unerreicht bleiben.

Der Start in sein erstes Jahr verlief dabei noch reibungslos. Unter Trainer Julen Lopetegui wurde er schnell eine feste Größe im Abwehrzentrum. Die darauffolgenden Unruhen im Klub, die bis heute anhalten, färbten aber auch auf den Franzosen ab. Die häufigen Trainerwechsel spülten ihn aus der Startformation. Dazu kamen Aussetzer wie ein heftiger Tritt gegen Real Sociedads Brais Méndez, der ihm die Rote Karte einbrachte.

Geht sein Stern in Lille endlich auf?

In diesem Sommer endet jetzt ein weiteres unglückliches Kapitel für den mittlerweile 24-Jährigen. Mit Auslaufen seines Vertrages kehrt das einstige Juwel in seine französische Heimat zum OSC Lille zurück. Beim von Davide Ancelotti trainierten Champions-League-Teilnehmer soll seine Karriere nun endlich Fahrt aufnehmen.

Gescheitert ist eben diese nach zwei deutschen Meisterschaften, einem Europa-League-Titel und dem Gewinn der französischen Liga sicher noch nicht.