Manchmal liegen Erwartungshaltung und Realität nah beieinander, manchmal auch unendlich weit voneinander entfernt. Letzteres war im vergangenen Oktober der Fall. Im Mittelpunkt: Jadon Sancho.
Ein schwer zu begreifender Absturz
Ein schwer zu begreifender Absturz
Die Erwartungshaltung: Sein ehemaliger BVB-Coach Edin Terzic erklärte seinerzeit im Telegraph-Interview, er würde in dem Offensivspieler trotz dessen aktueller Krise weiterhin einen potenziellen Ballon-d’Or-Gewinner sehen. „Ich spreche über Talent und Potenzial“, sagte er.
Die Realität: Im Premier-League-Spiel zwischen Aston Villa und Manchester City erlebte der langjährige Dortmund-Profi das, wovor sich wohl so ziemlich jeder Fußballer fürchtet: Er wurde ein- und dann wieder ausgewechselt.
Jadon Sancho aktuell ohne Klub
Von der 29. bis zur 74. Minute ließ ihn Trainer Unai Emery auf dem Platz, beim Gang vom selbigen ignorierte Sancho dann sowohl seinen Ersatzmann als auch seinen Chefcoach. Als einen „neuen Tiefpunkt“ bezeichnete die Daily Mail die Geschehnisse, ein schmerzhaftes Bild einer schmerzhaften Realität.
Zehn Monate später befindet sich Sancho erneut in einer durchaus schmerzhaften Lage. Der einst so hochgelobte Engländer hat keinen Klub – und scheint sich auch schwer damit zu tun, überhaupt einen zu finden. Und das seit mehr als einem Monat.
Ende Juni lief der Vertrag des 26-Jährigen bei Manchester United aus. Mitte des Monats hatte der Klub in einem Statement eine Liste von Spielern veröffentlicht, die vom Klub „freigegeben“ werden. Darunter auch Sancho.
Sancho mit Glanzzeit in Dortmund
So soll dieser zwar die Option auf die Verlängerung der Zusammenarbeit um ein weiteres Jahr gehabt haben, gezogen wurde diese aber offensichtlicht nicht. Und auch warme Worte gab es zum Abschied nicht, dabei ist er mit seinen 85 Millionen Euro Ablöse bis heute der viertteuerte Neuzugang in der Klubgeschichte.
Wie aber konnte es so weit kommen?
Im Alter von 17 Jahren wechselte Sancho aus der Jugend von Manchester City zu den Schwarz-Gelben nach Dortmund. Schnell entwickelte er sich zum Leistungsträger, sorgte auch international für Furore.
49 Tore und 63 Assists in 136 Pflichtspielen standen zu Buche. Für einen Scorer brauchte er in dieser Zeit im Schnitt 87 Minuten – ein exzellenter Wert.
Die ganze Welt stand dem Briten seinerzeit offen, das Interesse von diversen Topklubs war groß. Doch Sancho entschied sich für eine Rückkehr in die Heimat.
Sancho einst heiß auf Manchester
„Ich werde Dortmund immer dankbar sein, dass sie mir die Möglichkeit gegeben haben, in der ersten Mannschaft zu spielen, obwohl ich immer wusste, dass ich eines Tages nach England zurückkehren würde. Die Chance, zu Manchester United zu kommen, ist ein wahrgewordener Traum, und ich kann es kaum erwarten, in der Premier League zu spielen“, erklärte er damals.
Und weiter: „Es ist eine junge und aufregende Mannschaft und ich weiß, dass wir uns gemeinsam zu etwas Besonderem entwickeln können, um den Fans den Erfolg zu bringen, den sie verdienen.“
Gelungen ist dies mitnichten. Jadon Sancho holte mit Manchester United genau einen Titel, den Ligapokal im Jahr 2023. Einer der einst begehrtesten Offensivspieler des Planeten kam bei den Red Devils nie wirklich an.
Zoff mit Trainer Erik ten Hag
Nach einem manierlichen Start wirkte er bei Untied immer mehr wie ein Fremdkörper. Rio Ferdinand urteilte, das Spielsystem passe nicht zu Sancho. Ein Jahr später erklärte Coach Erik ten Hag, der Offensivspieler leide unter „körperlichen und mentalen Problemen“.
Noch ein Jahr später verbannte ihn der Niederländer sogar aus dem Kader. Die Begründung des Trainers: „Mangelnde Trainingsleistungen“. Sancho widersprach öffentlich und verweigerte in der Folge Transfers in die Türkei oder nach Saudi-Arabien. Monatelang war er kein Teil der Mannschaft.
Doch es sollte wieder aufwärts gehen. Im Januar 2024 wurde er bis zum Saisonende auf Leihbasis zu Borussia Dortmund ausgeliehen und erreichte mit dem Klub das Champions-League -Finale.
Mehrere missglückte Leihen
Zurück in England folgte die nächste Enttäuschung. Das einstige Wunderkind wurde zu Ligakonkurrent FC Chelsea ausgeliehen, überzeugen konnte er dort nicht.
Die Blues entschieden sich gegen eine feste Verpflichtung und zahlten Berichten zufolge sogar eine vertraglich geregelte „Strafe“ von umgerechnet rund sechs Millionen Euro, um die Kaufpflicht in Höhe von 30 Millionen zu umgehen.
Im Sommer 2025 folgte schließlich erneut eine Leihe, dieses Mal zu Aston Villa. Doch auch dieser Versuch missglückte. Zwar gewann Sancho 2025 mit Chelsea die Conference League, und jüngst mit Villa die Europa League, für eine WM-Nominierung reichte es dennoch nicht.
Rückkehr zum BVB?
Seit dem 1. Juli ist der 26-Jährige nun ohne Arbeitgeber. Und das im eigentlich besten Fußballeralter – und trotz der Tatsache, dass er keine Ablöse kostet.
Jüngst gab es Gerüchte über ein erneutes Engagement beim BVB, die Borussia legt ihren Fokus aber wohl eher auf Köln-Juwel Said El Mala.
Gerüchte gab es zudem über ein mögliches Angebot aus Katar. Und auch Atlético Madrid soll Interesse zeigen. Mehr ist jedoch nicht zu hören.
Unlängst hielt sich das einstige Juwel sogar beim englischen Zehntligisten Flixton FC fit. Nicht nur für den 26-Jährigen ein ungewohntes Terrain. Sein Auftritt sorgte für ein derartiges öffentliches Interesse und für Spekulationen um einen möglichen Transfer, dass sich der Verein später sogar zu einem öffentlichen Statement genötigt sah.
Immerhin: Bei seinem Gastauftritt hinterließ er offenbar einen positiven Eindruck, verhielt sich professionell und bescheiden. Autogrammwünsche der Fans erfüllte er dem Klub zufolge „freudig“.
Wann und wo sich für ihn eine echte sportliche Perspektive auftut, ist derweil völlig unklar.