„Madrid zerfällt“, titelte die spanische Sportzeitung AS nach dem 0:2 im Clásico gegen den FC Barcelona, das am Sonntag endgültig alle Titelhoffnungen von Real Madrid zunichte machte.
Kommt er aus der Nummer je wieder raus?
Mbappé in der Sackgasse
Es war der Tiefpunkt einer chaotischen Saison der Königlichen, die mit der Auseinandersetzung zwischen Federico Valverde und Aurélien Tchouaméni noch einmal besonders hässlich wurde. Im Mittelpunkt der Kritik stand in den vergangenen Wochen jedoch Superstar Kylian Mbappé: Einst als Heilsbringer verpflichtet, scheint der 27-Jährige nach zwei Jahren zu einer Hassfigur zu mutieren.
Unter der Überschrift „Der seltsame Fall von Kylian Mbappé“ hielt Mundo Deportivo fest: „Nur in einem Verein von der Größe und dem Ansehen von Real Madrid kann es vorkommen, dass ein Spieler aus dem Kader, der in den 41 Spielen, die er bestritten hat, 41 Tore erzielt hat, derzeit zu den meistkritisierten Spielern zählt. Und Kylian Mbappé, ein Weltstar, ist einer der wenigen, die beides schaffen können.“
Verletzter Mbappé tourt durch Italien – Fans vermissen Führungsfigur
Begonnen hatte der Wirbel um Mbappé nach dem Ligaspiel gegen Betis Sevilla, bei dem er sich einen Muskelfaserriss zugezogen hatte und nach 81 Minuten ausgewechselt werden musste.
Während der Vorbereitung auf das Spiel gegen Espanyol Barcelona nutzte Mbappé anschließend einen freien Tag, um mit seiner Freundin Ester Expósito nach Italien zu fliegen. Erst zwölf Minuten vor dem Anpfiff der Partie landete der angeschlagene Franzose wieder in Madrid.
Es war nicht nur ein „Spektakel“, das in Spanien von zahlreichen TV-Kameras festgehalten wurde, sondern auch eine Entscheidung, die den Unmut der Fans ins Rollen brachte.
Nach zahlreichen Hasskommentaren im Netz sah sich das Umfeld von Mbappé dazu gezwungen, über die Nachrichtenagentur AFP ein Statement herauszugeben. „Ein Teil der Kritik basiert auf einer Überinterpretation von Umständen während einer vom Klub streng überwachten Regenerationsphase. Dies entspricht jedoch nicht der Realität des Engagements und der täglichen Arbeit, die Kylian zum Wohl der Mannschaft leistet“, verteidigte sich der Franzose darin.
Trainer Álvaro Arbeloa erklärte knapp: „Jeder Spieler macht in seiner Freizeit, was er für richtig hält“, konnte damit den Ärger der Fans aber ebenfalls nicht mindern. „Diese Aussage stieß überall auf Kritik. Vor allem bei den Fans, die sich einen Leader gewünscht hätten, der in schwierigen Zeiten bei der Mannschaft ist – auch wenn er nicht spielen kann“, lautete die Analyse der AS.
Real Madrid: Mbappé unter strenger Beobachtung
Inzwischen scheint jeder noch so kleine Fehltritt von Mbappé genauestens beobachtet zu werden. Am Tag der Auseinandersetzung zwischen Valverde und Tchouaméni wurde Mbappé von Kameras eingefangen, wie er lachend und mit heruntergelassener Fensterscheibe das Trainingsgelände verließ.
Zwar hing die Szene wohl keinesfalls mit dem vorherigen Vorfall zusammen, dennoch beschrieb die AS die Situation als „unpassend und vermeidbar“. Öffentlich habe man „die Geste als taktlos und unangebracht wahrgenommen“, wodurch die Kritik an Mbappé erneut hochkochte.
Doch angesichts der aktuellen Situation bei Real scheint es nur typisch, dass der Wirbel um Mbappé damit noch nicht seinen Höhepunkt erreicht hatte. Im letzten Training vor dem Clásico arbeitete Mbappé wieder vollständig mit der Mannschaft. Im Klub war man voller Zuversicht, dass der Torgarant am Sonntag sein Comeback feiern könnte.
Nur fünf Minuten vor dem Ende der Einheit folgte allerdings der Schock: Mbappé griff sich an den Oberschenkel und musste das Training sofort abbrechen. Im Kader am Sonntag fehlte Mbappé komplett – ein gewaltiger Rückschlag.
Statt der Mannschaft auf dem Platz helfen zu können, wandte sich der Real-Star nach 36 gespielten Minuten in den sozialen Medien an das Umfeld des Klubs. „Hala Madrid“, schrieb Mbappé bei Instagram, nachdem sein Team bereits mit zwei Toren zurücklag.
Petition und Kommentare im Netz: Real-Fans fordern Abgang von Mbappé
Der Post kam nicht überall gut an. „Dein Team verliert gerade und du postest das in deiner Story und tust so, als würdest du sie unterstützen“, kommentierte ein User.
Bereits vor dem Duell mit Barcelona tauchte im Internet eine Petition auf, die den Abgang von Mbappé forderte. Bis Montag erzielte diese unglaubliche 73 Millionen Unterschriften – ein Meinungsbild, das zwar durch zahlreiche Bots unterstützt worden sein dürfte, sich in den sozialen Medien jedoch widerspiegelt.
„Mbappé bitte, bitte verlasse mein Team, bitte“, oder „Mein größter Traum ist, dass du meinen Klub verlässt. Bitte komm nicht zurück“, lauteten exemplarische Kommentare wütender Fans unter Mbappés letztem Instagram-Beitrag, die Hunderte bis Tausende Likes erhielten.
„Nicht einmal 85 Tore in seinen ersten 100 Spielen für Real Madrid haben Mbappé gereicht, um ein gefestigtes Verhältnis zu seinen neuen Fans aufzubauen“, resümierte die AS und stellte fest: „Bei jedem kleinen Patzer, nach jeder Aktion ohne Happy End erhebt sich im Bernabéu ein leises Murmeln.“
Auch wenn Mbappé alle 67 Minuten für Real ein Tor erzielt, fahren die Königlichen in der zweiten Saison mit dem Franzosen erneut keinen Titel ein, den es gemeinsam zu feiern gilt – wohl ein großer Grund für die genaue Beobachtung der Fehltritte von Mbappé.
Unruhe bei Real? Mbappé hat die „Harmonie gestört“
Darüber hinaus gilt die Stimmung in der Real-Kabine seit geraumer Zeit als angespannt. Einem Bericht von L’Équipe zufolge habe Mbappé durch seine Ankunft die „Harmonie gestört“.
Während vor allem Vinícius Júnior kein gutes Verhältnis zu seinem Mitspieler pflegen soll, heißt es in dem Bericht weiter: „Seine Haltung, die von vielen seiner Teamkollegen als zu individualistisch empfunden wurde, hat die Kluft innerhalb einer Gruppe, die zu einem Minenfeld geworden ist, nur noch vergrößert.“
In Madrid regte die Personalie Mbappé zuletzt bereits zu Spekulationen an. In Aussicht gestellt wurde unter anderem ein möglicher Wechsel in die Premier League. Abseits des WM-Titels 2018 wartet Mbappé schließlich weiterhin auf seinen ersten großen Titel.
„Tatsächlich sorgt auch das ständige öffentliche Echo rund um Kylian weiterhin für Unruhe im Klub. Dort beobachtet man mit Sorge, wie stark das Image des französischen Superstars in den vergangenen Monaten gelitten hat“, bestätigte die dem Klub nahestehende Marca.
Die Bosse sollen weiter auf Mbappé bauen
Dennoch versicherte die Sportzeitung: „Die Unterstützung für den Angreifer in der Führungsetage bleibt ungebrochen. Man weiß, dass der Stürmer – ein Transfer, an dem Florentino Pérez jahrelang gearbeitet hatte – dauerhaft unter besonderer Beobachtung stehen wird.“
Bisher scheinen die Gerüchte um einen Wechsel von Mbappé also lediglich von den Fans des Klubs auszugehen. Zumal der Franzose selbst am Montag ein Zeichen setzte – mit einem Foto im Real-Dress, das ihn bei der Arbeit an seinem Comeback zeigt.
Entscheidend wird jedoch sein, „ob er am kommenden Donnerstag gegen Real Oviedo im Bernabéu zurückkehrt – in einer Nacht, die erneut zu einem Tribunal der Fans werden könnte. Und im Zentrum dieses Sturms steht Kylian Mbappé“, blickte die AS voraus.