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Wenn der Super-GAU passiert, fliegt ihnen alles um die Ohren

Rekord-Champion vor Super-GAU

Sieben Mal gewann der FC Sevilla die Europa League und gehörte zu den spanischen Stammgästen in der Königsklasse. Nun kämpft der große Traditionsklub gegen den Abstieg. Wie konnte es soweit kommen?
Der FC Sevilla kämpft in Spanien gegen den Abstieg
Der FC Sevilla kämpft in Spanien gegen den Abstieg
© IMAGO/Ricardo Larreina Amador
Sieben Mal gewann der FC Sevilla die Europa League und gehörte zu den spanischen Stammgästen in der Königsklasse. Nun kämpft der große Traditionsklub gegen den Abstieg. Wie konnte es soweit kommen?

Gonzalo Montiel war derjenige, der das letzte große Kapitel für den FC Sevilla schrieb: Am 31. Mai 2023 war das, in der Puskás Aréna von Budapest: Montiel verwandelte den entscheidenden Strafstoß – Sevilla gewann das Elfmeterschießen gegen die AS Rom und krönte sich zum siebten Mal zum Europa-League-Champion – kein Team in der Geschichte des Wettbewerbs hat mehr Titel.

Knapp drei Jahre später wirken die Bilder aus Budapest wie ein abstraktes Artefakt, ein Ereignis, das aus heutiger Sicht unwirklich scheint. Denn im Mai 2026 steht der FC Sevilla in keinem europäischen Finale mehr – sondern lediglich einen Platz über dem Strich. Die „Blanquirrojos“ kauern mit 37 Punkten auf Rang 17 der Tabelle – der erste Abstieg seit 26 Jahren scheint für den stolzen Traditionsverein immer realistischer zu werden.

Dieser Absturz hat sich abgezeichnet

Aus den letzten neun Spielen gab es lediglich zwei Siege, Anfang April verlor man gegen den Tabellenletzten Oviedo (0:1), es kam zu Ausschreitungen und gar zu Morddrohungen gegenüber den Spielern.

Der einstige Vorzeige-Klub steckt nur drei Jahre nach seinem letzten europäischen Titel in einem „Teufelskreis, der ihn an den Rand des Abgrunds brachte“, wie die spanische Lokalzeitung ABC Sevilla bilanziert. Wie konnte es so weit kommen?

Die einfache Antwort auf diese Frage wäre: Sevilla fehlt Geld – und das an allen Ecken und Enden. Die ausführlichere lautet: Ein von persönlichen Intrigen und strategischer Misswirtschaft geprägter Klub erntet in dieser Saison das, was sich seit Jahren angebahnt hatte.

Sevilla hat fast 90 Millionen Euro Schulden

Denn bereits in den vergangenen beiden Jahren kämpfte Sevilla gegen den Abstieg: Nachdem man hinter Real Madrid und dem FC Barcelona jahrelang zur absoluten Elite im spanischen Fußball gehörte und sich regelmäßig für die Champions League qualifizieren konnte, trudelte Sevilla bereits 2023 auf Platz 11 ein.

2024 folgte Rang 13, im vergangenen Jahr rettete man sich mit Platz 17 gerade so vor dem Abstieg. Kann Sevilla dieses Schicksal nun erneut abwenden?

Ein Abstieg wäre schließlich nicht nur sportlich, sondern auch finanziell der Super-GAU. Sevilla hat schon jetzt Schulden in Höhe von 88 Millionen Euro, dazu kommen Kredite in dreistelliger Millionenhöhe, die den Spielbetrieb seit Jahren aufrechterhalten.

Ohne diese Kredite wäre der Klub längst insolvent. Für das Geschäftsjahr 2024/25 verzeichnete man zudem einen Verlust von 54 Millionen Euro. In der zweiten Liga dürften die Zahlen kaum rosiger werden.

Sevilla: „Monchis“ Abgang war der Nullpunkt

Der Absturz von Sevilla hängt vor allem mit einem Namen zusammen: Ramón Rodríguez Verdejo, genannt „Monchi“. Mit einer kurzen Unterbrechung war er von 2000 bis 2023 Sportdirektor des Vereins und gilt als Vater des Erfolgs – Monchi formte Sevilla Anfang des Jahrtausends dank kluger Transferpolitik von einem fast insolventen Fahrstuhlklub zu einem Spitzenteam, das in seiner Ära sieben Mal die Europa League (früher UEFA-Cup) gewinnen konnte.

Doch 2023, kurz nach dem Gewinn der bisher letzten europäischen Trophäe in Budapest, verließ Monchi den Klub, nachdem er sich mit der Vereinsspitze zerworfen hatte. Das sei „der Nullpunkt“ allen Übels gewesen, schrieb ABC Sevilla. Die Klubführung um Präsident José María del Nido Carrasco installierte Víctor Orta als neuen Sportdirektor – und das sportliche Chaos begann.

Im ersten Jahr nach Monchis Abgang verpasste Sevilla als Europa-League-Champion die Qualifikation für das internationale Geschäft – der Kader war jedoch mit Spielern bestückt, die durchaus von europäischem Niveau waren und entsprechend verdienten.

Sevilla bot gesamten Kader zum Verkauf an

Das führte 2023 zu massiven finanziellen Einbußen: Der Jahresverlust explodierte innerhalb eines Jahres von 19,2 auf 81,7 Millionen Euro. Auch der Versuch, mit der Rückhol-Aktion von Abwehr-Legende Sergio Ramos zu seinem Jugendverein den Klub besser vermarkten zu können, floppte völlig: 2023 spielte Sevilla eine komplette Saison ohne Trikotsponsor, weil schlicht niemand den geforderten Betrag bezahlen wollte.

Die Verzweiflung wurde zwischenzeitlich so groß, dass der Klub die gesamte Profimannschaft auf die Transferliste setzte, um Verkaufserlöse zu erzielen. Die Schulden wuchsen auf rund 350 Millionen Euro an. De facto konnte sich Sevilla keine Profimannschaft mehr leisten und überlebte nur dank der laufenden Kredite.

Gleichzeitig begann auf der Trainerbank ein irrwitziger Verschleiß, der bis heute kein Ende gefunden hat: Seit Monchis Abgang standen sieben verschiedene Übungsleiter bei den „Blanquirrojos“ an der Seitenlinie – momentan darf sich der Spanier Luis García Plaza versuchen und soll den Klub vor dem Abstieg retten.

Vater-Sohn-Streit prägt Traditionsverein

Die Wut der Fans entlädt sich vor allem am Klubpräsidenten José María del Nido Carrasco: „Junior, vete ya“, zu Deutsch „Hau ab, Junior“, war auf Plakaten vieler Anhänger zu lesen. Denn del Nido Carrasco ist pikanterweise der Sohn von Ex-Präsident José Maria del Nido, der dank eigener Aktien (35 Prozent) und den Stimmrechten von Minderheitsaktionären noch immer die Mehrheit im Klub repräsentiert.

Auch diese absurde Vater-Sohn-Konstellation gehört zur Erzählung über den FC Sevilla: Del Nido Senior war bereits von 2002 bis 2013 Klubpräsident, bevor er wegen Betrugs und Korruption 2014 bis 2017 in Haft kam. Inzwischen hat sein Sohn das Amt inne, mit ihm liegt Del Nido aber über Kreuz: Auf einer Aktionärsversammlung 2023 hatte er seinen eigenen Sohn als „Scheißhaufen“ beschimpft. Er will das Präsidentenamt zurückgewinnen.

Mit einem möglichen Abstieg in die Segunda División, der zweiten spanischen Liga, würde die Situation wohl endgültig eskalieren. Wie ABC Sevilla berichtet, verfügt kein Spieler über eine Ausstiegsklausel im Abstiegsfall. Auch Gehaltskürzungen seien nicht vorgesehen – das könnte zur endgültigen finanziellen Implosion führen.

FC Sevilla: Neuer Investor in Sicht

Noch hat man in Andalusien aber Zeit, die Katastrophe abzuwenden: Am Montagabend gewann der Klub mit 1:0 gegen Pellegrino Matarazzo und San Sebastián, am 9. Mai folgt dann der Abstiegskracher gegen Espanyol Barcelona, die aktuell fünf Punkte mehr als die „Blanquirrojos“ haben. Drei Spiele sind im Anschluss für den kriselnden Klub noch zu absolvieren.

Auch ein neuer Käufer soll für den Klub in Sicht sein: Der Investmentfonds „Five Eleven Capital“ ist an einer Übernahme des taumelnden Traditionsvereins interessiert – das erste Angebot lag zu Jahresbeginn bei 450 Millionen Euro. Ex-Real-Star Sergio Ramos ist Teil des Fonds und soll versuchen, seinen Jugendklub wieder in ruhigere Gewässer zu führen.

Doch der Deal geriet zuletzt ins Stocken. So oder so: Für eine Übernahme durch Ramos und Co. wäre ein Erstliga-Verbleib wohl unabdingbar. Noch aber liegt genau der in den Sternen.

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