Nur 23 Sekunden benötigte Rayan Cherki am Sonntagabend, um das Auswärtsspiel beim OGC Nizza für Olympique Lyon in entscheidende Bahnen zu lenken. In der 77. Minute wurde der zunächst geschonte Cherki eingewechselt, kurz darauf schloss er durch die Beine von Nizzas Torhüter Marcin Bulka zum 1:0 für die Gäste ab.
Ihn könnte der BVB gut gebrauchen
„Er ist ein unglaublicher Spieler“, schwärmte OL-Keeper Lucas Perri hinterher. „Er trifft mit seinem ersten Schuss und in jedem Spiel hilft er uns sehr.“ Auch beim zweiten Treffer durch Ernest Nuamah (83.) hatte Cherki mit dem vorletzten Pass seine Füße im Spiel.
„Er veränderte das Spiel“, schrieb die Sportzeitung L’Équipe. Cherki sei ein Lausbub, zusammen mit Thiago Almada, der beide Treffer vorbereitete.
Cherki glänzt: Emotionale Szenen mit gesperrtem Trainer
Nach seinem Führungstor zeigte Cherki in Richtung Tribüne. Dort freute sich Trainer Paulo Fonseca, der nach seinem Ausraster vergangene Woche gegenüber Schiedsrichter Benoît Millot bis Ende November gesperrt wurde und die Ligaspiele seines Klubs daher nur aus der Ferne verfolgen kann.
Im Europapokal gilt diese Sperre nicht. Am vergangenen Donnerstag kam es beim 3:1-Sieg von Lyon im Achtelfinale der Europa League bei Steaua Bukarest zu emotionalen Szenen. Beim Torjubel feierte die ganze Mannschaft mit ihrem Coach an der Seitenlinie, Fonseca konnte anschließend seine Tränen kaum zurückhalten.
„Wir haben wirklich ein sehr gutes Verhältnis zum Trainer. Es hat uns sehr getroffen, als wir von seiner Sperre erfahren haben“, sagte Cherki hinterher. „Wir hatten vor dem Spiel ein leichtes Gefühl der Ungerechtigkeit und wollten alles für ihn geben. Er schenkt uns Freude, gute Laune und Selbstvertrauen. Und wir wollen ihm etwas zurückgeben, denn er ist ein sehr guter Mensch und er hat es verdient. Dieser Sieg ist zu 100 Prozent für den Trainer. Er ist für niemanden sonst.“
Mit zwei Assists für den späten Doppelschlag von Malick Fofana (86., 89.) war der offensive Mittelfeldspieler auch in jenem Spiel ein entscheidender Faktor.
Wechsel von Cherki zum BVB scheiterte
Zur Erinnerung: Im Winter stand der französische Juniorennationalspieler unmittelbar vor einem Wechsel zu Borussia Dortmund. Sogar ein Charterflieger stand schon bereit, um den Deal kurz vor Schließung des Transferfensters noch einzutüten. Doch wie schon im vergangenen Sommer scheiterte der Transfer zum BVB, der etwas mehr als 22 Millionen Euro Ablöse geboten haben soll.
Doch Lyon blieb hart und schickte obendrein noch ein paar verbale Giftpfeile in den Ruhrpott. „Das Angebot aus Dortmund wurde respektlos kommuniziert, lag weit unter dem Marktwert und war zeitlich schlecht gewählt“, sagte Lyon-Eigner John Textor Anfang Februar bei Sky.
Dortmunds Sportdirektor Sebastian Kehl bestätigte die gescheiterten Verhandlungen und entgegnete in Richtung Textor: „Wir werden uns nicht auf das Spielchen einlassen, das von Lyon in den Medien gespielt wurde.“
Cherki mit Leistungsexplosion nach geplatztem BVB-Deal
Der geplatzte Transfer wirkte für Cherki wie ein Startschuss für eine Leistungsexplosion. Seit Anfang Februar war der 21-Jährige in jedem seiner sieben Pflichtspiele für OL an mindestens einem Tor direkt beteiligt. In der Ligue 1 gelangen ihm in diesem Zeitraum drei Tore und sechs Assists, dazu noch die zwei Torvorlagen in der Europa League.
Cherki war damit seit Anfang Februar etwa alle 48 Minuten an einem Treffer seines Teams direkt beteiligt. Angesichts solcher Zahlen dürfte Dortmund dem gescheiterten Deal sicher noch etwas mehr nachtrauern. Einen wie ihn könnten die weiterhin strauchelnden Schwarz-Gelben, die am Samstag 0:1 gegen den FC Augsburg verloren und im Achtelfinal-Rückspiel der Königsklasse am Mittwoch in Lille unter Druck stehen, sicherlich gut gebrauchen.
Und während der BVB in der Bundesliga weiter um die Qualifikation für die Champions League bangen muss, darf Lyon in der Ligue 1 als Tabellensechster vor allem dank Cherki wieder von der Königsklasse träumen.
„Ein besonderer Spieler mit unglaublichem Talent“
„Er ist der beste Vorbereiter in der Ligue 1, daher erwarten wir viel von ihm. Er ist ein unglaubliches Talent“, sagte Fonsecas Assistent Jorge Maciel, der seinen gesperrten Coach an der Seitenlinie vertrat. Mit insgesamt neun Assists führt Cherki das Ranking der Vorlagengeber in Frankreich an.
Maciel ergänzte noch: „Es ist wichtig zu verstehen, dass Rayan ein sehr besonderer Spieler mit einem unglaublichen Talent ist, der aber sehr von einem starken Kollektiv profitiert.“ Das findet Cherki offenbar weiterhin in Lyon vor, der Verbleib hat sich aus sportlicher Sicht für ihn persönlich jedenfalls ausgezahlt.