Für manche Fußballfans mag es wie Gotteslästerung wirken, Cristiano Ronaldo zu widersprechen, doch in diesem Fall ist es angebracht: „In Frankreich gibt es nur PSG, der Rest ist erledigt“, polterte CR7 vor gut einem Jahr über die Langeweile in Frankreichs oberster Spielklasse. Im März 2026 ist ein kleiner Arbeiterklub aus dem Norden der Republik auf bestem Wege, Ronaldos These ad absurdum zu führen: RC Lens.
Meister-Märchen in Frankreich?
Meister-Märchen in Frankreich?
Denn die Blut-Goldenen, so der Spitzname des RC, sind momentan die große Überraschung der Ligue 1 und bitten das Starensemble aus Paris zum Meisterschaftstanz. Mit 56 Punkten steht Lens nach 25 Spielen auf Platz zwei der Tabelle, PSG hat 57 Zähler. Pierre Bouby, ein ehemaliger Spieler aus der Ligue 2 und heutiger TV-Experte, ließ sich bei L‘Équipe zur These hinreißen: „Lens wird in dieser Saison vor PSG Meister!“
Während andere große Vereine wie Olympique Marseille oder Olympique Lyon zunehmend Punkte auf die Tabellenspitze verlieren, hat sich Lens zum echten Titelkandidaten gemausert - und das nur sechs Jahre nach dem Aufstieg in die Ligue 1.
Gibt es in einer europäischen Top-Liga also mal wieder ein Meistermärchen à la Leicester City? Möglich scheint es.
Über 40 Transfers! Meisterschaftskampf trotz Mega-Umbruch
Dass der Verein in dieser Spielzeit am oberen Tabellenende, geschweige denn um den Titel mitspielen würde, dürfte vor der Saison wohl niemand erwartet haben. 19 neue Spieler (!) stießen im Sommer zum Team dazu, 21 verließen die Mannschaft.
Zusätzlich wurde das gesamte Trainerteam ausgetauscht - Pierre Sage, 54, kam von Lyon und übernahm den Posten vom Belgier Will Still. Nicht weniger als eine Mammutaufgabe stand ihm bevor.
Doch Sage, von L‘Équipe jüngst als „bester französischer Trainer“ gefeiert, schaffte es tatsächlich, den Mega-Umbruch zu nutzen und eine erfolgreiche Mannschaft zu formen.
Längst vergessene Stars haben unter dem Coach zu alter Stärke zurückgefunden: Odsonne Édouard etwa, der im Vorjahr bei Leicester City aussortiert worden war, mauserte sich bei Lens zum Stammspieler. Auch Florian Thauvin, 32, blüht wieder auf, nachdem dem Weltmeister von 2018 bereits der Karriereherbst nachgesagt wurde.
Presse: „Lens normalisiert das Übernatürliche!“
In Frankreich wird die Geschichte des kleinen Provinz-Klubs aus Hauts-de-France als mittelschwere Sensation gefeiert.
„Lens schwebt! Es sieht danach aus, dass sie ihre Serie fortsetzen können“, titelte L‘Équipe nach dem jüngsten 3:0-Erfolg über den FC Metz. „Die Saison von Lens wirkt irrational, die Vereinsführung scheint das Übernatürliche zu normalisieren.“
Dieses „Übernatürliche“ kommt aber nicht von ungefähr. Denn der Arbeiterverein aus der einstigen Bergbau-Region befindet sich bereits seit ein paar Jahren im Aufwind. 2016 stieg der aktuelle Klub-Präsident Joseph Oughourlian ein.
„Dieser Klub hat in den vergangenen zehn Jahren drei Pleiten hinter sich, und ich habe keine Lust, die vierte zu erleben“, sagte der Franzose damals der Regionalzeitung La Voix du Nord.
Lens fordert PSG - und das nicht zum ersten Mal
2020 stieg der Verein in die Ligue 1 auf und schaffte es fortan, sich mit kluger Transferpolitik in der oberen Tabellenhälfte festzusetzen.
Beispiele hierfür waren Seko Fofana (2020 für 8,5 Millionen Euro gekommen), der seinen Marktwert verdreifachen konnte und 2023 für 25 Millionen Euro zu Al-Nassr nach Saudi-Arabien wechselte. Lois Openda verkaufte Lens für 40 Millionen Euro an RB Leipzig in die Bundesliga, Abdukodir Kushanov ging für ebensoviel Geld zu Manchester City.
Unter dem damaligen Erfolgstrainer Franck Haise stürmte Lens 2023 zur Vizemeisterschaft, man landete am Saisonende nur einen Punkt hinter PSG und qualifizierte sich sensationell für die Champions League.
Nach zwei Jahren im Tabellenmittelfeld scheint es nun, als würde sich die Geschichte von 2023 wiederholen - mit besserem Ende? Aktuell deutet nichts darauf hin, dass Lens im Titelrennen mit PSG schwächeln könnte. Die Blut-Goldenen stellen seit Wochen die beste Defensive der Liga (21 Gegentore in 25 Spielen).
„Jeder ist bereit“: Lens mit Kampfansage im Meisterrennen
Erfolgstrainer Sage wollte zuletzt aber trotz der Siegesserie nichts vom möglichen Ligatitel wissen: „Wir denken über unsere Punkte nach, und in diesem Sinne haben wir unser Ziel erreicht. Danach werden wir über die Conference League und dann über die Champions League nachdenken. Die ist aber mindestens drei Siege entfernt“, sagte er.
Seine Spieler haben den Kampf um die Meisterschale indes voll angenommen. „Wir sind in einer guten Position, um um den Titel zu kämpfen. Davor werden wir uns nicht verstecken“, zitiert der Guardian Stürmer Édouard. „Jeder ist sich der Lage bewusst. Jeder ist bereit“, sagte Wesley Said, mit zehn Saisontoren Top-Torjäger bei RCL.
Am 11. April steht dann das absolute Spitzenspiel gegen PSG an, im heimischen Stadion, dem Stade Bollaert-Delelis. Knapp 38.000 Fans passen in die Arena, mehr als die Stadt Lens Einwohner hat (33.000).
Mit seinem hohen Dach und den Tribünen nah am Spielfeldrand versprüht das Bollaert-Delelis eine besondere Stimmung und ist sicher auch ein Grund für Lens‘ Erfolg. Die Ultras stehen dort, anders als üblich, nicht in der Kurve, sondern auf der Gegengeraden.
Frankreichs „Kumpel-Klub“ kann Geschichte schreiben
Die arme und noch immer vom Zweiten Weltkrieg gezeichnete Region gehört zu den strukturschwächsten in ganz Frankreich. So wie die Stadt steht auch der Fußballklub Lens mit seinem Spielstil für ehrliche Arbeit - etwas, das bei den Fans verfängt.
„Das ist ein mystischer Klub. Wenn man einmal drin ist, bleibt man für immer“, schwärmt ein Fan in einer Dokumentation aus 2022.
Auch lange nach Ende der Bergbau-Ära gilt RC Lens als der „Kumpel-Klub” Frankreichs, vergleichbar mit Schalke 04 in Deutschland. Ein Arbeiterklub gegen das stinkreiche Öl-Imperium aus Paris - auch das ist die Geschichte des Meisterschaftskampfs der Ligue 1.
Erst einen einzigen Liga-Titel konnte Lens in seiner 120-jährigen Vereinsgeschichte gewinnen - 1998 war das. Ein zweiter Triumph in der Ligue 1 würde die Geschichte des Arbeiterklubs neu schreiben. Und es geht sogar noch mehr: Denn die Blut-Goldenen stehen im Halbfinale des Coupe de France, dem französischen Pokal.
Für das Überraschungsteam scheint in dieser Saison alles möglich.