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„Viele, die ich kennengelernt habe, sind gestorben“

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„Viele sind gestorben“

Der ehemalige Stuttgart-Star Timo Baumgartl spricht exklusiv bei SPORT1 über sein Debüt in der MLS gegen L.A. Galaxy, seine Zeit im europäischen Top-Fußball und seine Krebserkrankung.
Timo Baumgartl spricht im exklusiven SPORT1-Interview über die Zeit seiner Krebserkrankung und wie diese ihn geprägt hat.
Der ehemalige Stuttgart-Star Timo Baumgartl spricht exklusiv bei SPORT1 über sein Debüt in der MLS gegen L.A. Galaxy, seine Zeit im europäischen Top-Fußball und seine Krebserkrankung.

Timo Baumgartl spielt wieder Fußball. Nach seiner Vertragsauflösung bei Schalke 04 im Sommer vergangenen Jahres blieb der gebürtige Böblinger fast ein halbes Jahr ohne Verein.

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Mittlerweile aber hat er einen neuen Klub gefunden. In der amerikanischen MLS unterzeichnete er Anfang des Jahres einen zwei Jahres Vertrag bei St. Louis City SC. Gegen Los Angeles Galaxy feierte der 29-Jährige als Einwechselspieler sein Debüt.

Im Interview mit SPORT1 sprach Baumgartl exklusiv über seine ersten Erfahrungen in der MLS, seine Höhen und Tiefen in seiner bisherigen Karriere und seine Hodenkrebs-Erkrankung, die er inzwischen besiegt hat.

SPORT1: Beim 3:0 gegen Los Angeles Galaxy sind Sie eingewechselt worden und haben Ihr Debüt gegeben für St. Louis City SC. Wie ist es zu dem Wechsel in die USA gekommen?

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Timo Baumgartl: Ich wollte schon immer mal in der MLS beziehungsweise in Amerika spielen. Das war schon immer mein Traum, und es hat sich dieses Mal richtig angefühlt. Ich hatte einige andere Sachen, die ich machen hätte können, aber ich habe mich bewusst dafür entschieden, hierher zu kommen. Einerseits weil Lutz Pfannenstiel (Sportdirektor, Anm. d. Red.) mir einen super Plan aufgezeigt hat, wie man mich integrieren möchte, und andererseits ich mit vielen Jungs hier gesprochen habe, viele auch schon kenne. Deshalb dachte ich: Komm, das mache ich.

SPORT1: Gegen wen hat sich St. Louis durchgesetzt, wenn es noch andere Angebote gab?

Baumgartl: Ein paar aus der MLS, ein paar aus Deutschland waren interessiert, aber ich habe irgendwann für mich den Entschluss gefasst, nach einer längeren Zeit auch zu sagen, ich möchte mal wieder woanders sein, ich möchte ein Abenteuer erleben. Und für mich war dann irgendwann klar, weil sich St. Louis so sehr angestrengt hat, dass ich das hier machen möchte.

SPORT1: Stuttgart, Union, Schalke. Sie haben bislang bei zahlreichen Traditionsklubs mit vielen Fans gespielt...

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Baumgartl: Eindhoven nicht zu vergessen!

SPORT1: Auch kein so kleiner Klub. Wie ist es jetzt? Was ist anders in St. Louis?

Baumgartl: Natürlich ist es ein bisschen anders hier. Ich war es gewohnt, dass man nicht so weit zu Auswärtsspielen fliegt und deutlich mehr Fans dabei sind vom eigenen Team. Aber an sich ist das natürlich schon ein cooles Erlebnis. Jetzt spielt man hier in L.A., man bereist das Land, man hat viele verschiedene Möglichkeiten, spielt gegen viele verschiedene Teams. Man hat aber auch zwei Stunden Zeitunterschied. Das ist auch immer ein bisschen problematisch für mich jetzt und auch neu, aber es macht einfach Spaß und ich merke einfach, dass die Lust auf Fußball noch da ist.

SPORT1: Außerdem sind viele deutsche Jungs im Kader, inwiefern macht das die Integration einfach?

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Baumgartl: Natürlich macht es das für mich einfach, ich kenne die Jungs, mit vielen habe ich in den Jugend-Nationalmannschaften zusammen gespielt, gegen Roman (Bürki, Anm. d. Red.) habe ich in der Bundesliga gespielt. Das macht es für mich einfach. Die Jungs haben mich super aufgenommen und für mich geht es einfach darum, Rhythmus zu finden. Ich habe jetzt das erste Pflichtspiel gemacht nach elf Monaten, das ist schon eine lange Zeit. Der Verein hat einen Plan mit mir, es war von Anfang an klar, dass ich meine Zeit brauchen werde, aber irgendwann bin ich bereit dafür.

SPORT1: Nach so kurzer Zeit hier, was unterscheidet MLS-Fußball von europäischem Fußball?

Baumgartl: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass sich taktisch viel unterscheidet. Man hat hier ein paar Spieler, die unfassbar sind im Eins gegen Eins, aber auch keine Lust haben, zu verteidigen. Das ist in Europa anders, da wird man darauf gedrillt, auch gut zu verteidigen, die gesamte Mannschaft. Aber ich habe das Gefühl, dass jede Mannschaft gut Fußball spielen kann, dass jede Mannschaft sehr gute Spieler dabei hat.

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Baumgartl: „Leider sind einige Sachen schiefgelaufen“

SPORT1: Schalke war keine leichte Zeit. Wie behalten Sie den Verein und die Fans in Erinnerung?

Baumgartl: Es war keine einfache Zeit, es war eine sehr anstrengende Zeit, aber ich würde sie trotzdem nicht missen, weil ich viel für mein Leben gelernt habe. Es war so, dass leider einige Sachen schiefgelaufen sind. Aber ich schaue niemals zurück, sondern nach vorne. Ich wünsche dem Verein alles Gute, das habe ich schon immer gesagt, ich habe keinen Groll auf die Fans, auf den Verein oder sonst irgendwas. Aber für mich ist das Kapitel abgeschlossen. Ich war glücklich, dass sie in Berlin gewonnen haben, liebe Grüße an die Schalker. Ich drücke dem Verein immer noch die Daumen, weil ich viele Jungs habe, mit denen ich noch in Kontakt bin, mit denen ich noch gut befreundet bin.

SPORT1: Wie sehr beeindruckt Sie die Entwicklung des VfB Stuttgart?

Baumgartl: Natürlich Wahnsinn. Als ich ohne Verein war, habe ich dort mittrainiert, der Verein hat mir die Möglichkeit gegeben, mich fit zu halten. Das war einerseits natürlich super für mich, aber ich habe auch Einblicke bekommen. Gente (Christian Gentner, Anm. d. Red.) ist ein langjähriger Kapitän von mir, ist jetzt Sportdirektor dort. Ich konnte da ein bisschen reinschnuppern, wie die Mannschaft arbeitet. Ich habe viele bekannte Gesichter gesehen, und man muss einfach den Hut ziehen, wie das jetzt läuft, auch mit der Doppelbelastung, wie sie das trotzdem hinkriegen, das ist schon aller Ehren wert. Ehrlicherweise habe ich es nicht erwartet, dass es letztes Jahr so gut läuft - nach den Jahren zuvor. Aber umso mehr habe ich mich gefreut und ich kann ehrlicherweise sagen, dass mein Herz immer noch für den VfB schlägt und ich freue mich immer und versuche die Spiele hier zu schauen. 8.30 Uhr ist ein bisschen früh, aber meistens bin ich da schon im Training, wir Deutschen schauen uns immer die Bundesligakonferenz an.

Baumgartl: „Die Erfahrung will man trotzdem nicht missen“

SPORT1: Sie sind sehr offen mit Ihrer Hodenkrebs-Erkrankung umgegangen. Inwiefern hat das den Blick auf den Fußball verändert?

Baumgartl: Das Leben ist jetzt natürlich etwas anderes. Ich glaube, man sollte mit Mitte 20 noch nicht mit dem Tod konfrontiert werden. Das ist natürlich eine Lebenserfahrung, die man machen muss in der Situation. Man verändert natürlich irgendwie die Sicht auf das Leben, man genießt Sachen mehr. Man schätzt einfach andere Sachen mehr wert. Man ist nicht immer so sauer, wenn man ein Spiel mal verliert. Man ist danach immer noch enttäuscht, aber für mich geht das irgendwie schneller vorbei.

SPORT1: Denken Sie noch oft über diese schwere Zeit nach?

Baumgartl: Es gibt Momente, in denen ich mich dran erinnere, wie es war, wenn ich durch diesen Gang in der Onkologie gelaufen bin. Ich glaube, 60 Prozent der Menschen, die dort lagen, sind nicht mehr am Leben. Viele, die ich kennengelernt habe, sind gestorben. Das verändert einen. Man hat eine andere Sicht aufs Leben, so blöd es klingt, aber die Erfahrung, die ich da gemacht habe, die will man trotzdem nicht missen. Jeder, der das überlebt hat oder der dagegen kämpft, der weiß, um was es geht. Für mich war es einfach immer ein wichtiges Ziel, ein Vorbild zu sein, weil ich natürlich eine Ausstrahlung habe und auch eine Möglichkeit öffentlich zu sein. Ich wollte einfach den Menschen mitgeben, dass es möglich ist, sein altes Leben schnellstmöglich zurück zu haben. Das war es, was mich angetrieben hat.

SPORT1: Welche Wünsche gibt es noch für die Fußballkarriere?

Baumgartl: Ich bin jetzt 29 geworden, auch nicht mehr der Jüngste (lacht). Körperlich ist alles super. Ich bin hierher gekommen, um meinen Rhythmus zu finden. Es wird immer besser. Ich wusste, dass es Zeit braucht und ich arbeite hart, wieder auf das vorherige Niveau zu kommen. Ich kriege langsam auch meine Einsätze, das ist wichtig für mich und dann werde ich hoffentlich bald auch in der Startelf auftauchen, das ist so mein Ziel. Als Mannschaft haben wir natürlich - wir sind jetzt ganz gut in die Saison gestartet - einige Dinge noch zu verbessern. Als Team wollen wir in die Playoffs, und dann wird man sehen, was passiert.

SPORT1: Wie ist Leben in den USA, wenn man Vorstellung und Realität vergleicht?

Baumgartl: Ich glaube St. Louis ist so eine typische amerikanische Stadt. Wir haben jetzt ein Haus gefunden, wir schlafen gerade auf einer Matratze mit einem Lattenrost auf dem Boden, weil noch keine Möbel da sind - das klassische Umzugsleben. Aber ich komme super klar mit den Jungs, ich komme auch sehr klar in der Stadt, da wird man herzlich empfangen. Es ist eine wirkliche Fußballstadt, man wird schon einigermaßen erkannt. Die Menschen sind freundlich, hilfsbereit und der Klub hilft auch in allen möglichen Facetten. Wenn ich Fragen habe, habe ich meine Jungs hier, die mir alles erklären können.