Oliver Glasner machte eine gewisse Erschöpfung bei seinem Überfliegerteam Crystal Palace aus. „Wir waren nicht auf unserem Top-Niveau, vor allem was den Fokus und die Mentalität angeht. Es sah aus, als wären wir mental müde“, sagte der Österreicher nach dem glücklichen 1:1 (0:1) bei Premier-League-Schlusslicht FC Southampton am Mittwoch.
Glasner lässt eine Stadt träumen
Matheus Franca rettete mit seinem Ausgleich in der Nachspielzeit die Erfolgsserie der Eagles zumindest zum Teil. Mit zuvor fünf Siegen in Folge, insgesamt zwölf Siegen bei zwei Niederlagen in den letzten 16 Spielen hatte sich Palace trotz eines ausstehenden Nachholspiels als Vierter der Rückrundentabelle zu Englands Team der Stunde gemausert - und mittendrin: Oliver Glasner!
Der Österreicher, der Frankfurt zum legendären Europa-League-Titel 2022 führte, ist mit seiner Mannschaft aktuell on fire. Nach dem Sieg im Viertelfinale des FA Cups gegen Fulham am Samstag (3:0) feierten die mitgereisten Fans der Eagles ihren Trainer sogar mit seinem eigenen Song.
Der Inhalt zusammengefasst: „Super Oli Glasner“ soll Crystal Palace bis nach Wembley führen - und das hat der 50-Jährige tatsächlich bereits geschafft. Denn schon das Halbfinale (vs. Aston Villa) des ältesten Fußball-Wettbewerbs der Welt (seit 1871/72) findet im legendären Wembley-Stadion statt.
Sinngemäß lechzen die Fans aber natürlich nach dem ganz großen Wurf, dem Pokal-Sieg in Wembley. Es wäre der erste in der Klub-Geschichte, 1990 und 2016 unterlagen die Eagles im Endspiel.
Katastrophaler Saisonstart für Crystal Palace
Glasner war schon zweimal im legendären Stadion vor Ort. Einmal als Zuschauer eines Fußballspiels, einmal als väterlicher Chauffeur.
„Das zweite Mal war ich dort, als meine Tochter dort zum Taylor-Swift-Konzert war. Aber ich habe sie nur hingefahren“, sagte der Österreicher bei der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Fulham und sorgte damit für Lacher bei den anwesenden Medienvertretern.
Man ist zu Scherzen aufgelegt, weil es sportlich nach einem katastrophalen Saisonstart derzeit wieder läuft. „Oliver Glasner hat gewaltige Arbeit geleistet“, lobte ihn Ex-Fulham-Keeper Mark Schwarzer nach dem Halbfinaleinzug im BBC Radio. „Es ist sehr aufregend, das zu beobachten.“
Nach acht sieglosen Partien und Rang 18 zu Saisonbeginn hat sich Crystal Palace inzwischen auf Rang zwölf vorgearbeitet. Das späte Remis bei Schlusslicht Southampton war zwar ein Ausrutscher, doch im Schnitt holt Glasners Team 1,76 Punkte pro Ligaspiel.
Hochgerechnet auf eine gesamte Premier-League-Saison wären das 67 Zähler, die hätten in der vergangenen Saison für Platz fünf gereicht.
Ein Winzling unter Giganten
Zur Einordnung: Palace hat in der Geschichte der modernen Premier League noch nie einen einstelligen Tabellenplatz zum Saisonende belegt. In der letzten Saison gingen in Michael Olise (53 Millionen Euro zu Bayern) und Joachim Andersen (30 Millionen Euro zu Fulham) dazu noch zwei Schlüsselspieler.
Der Klub aus Südlondon ist verglichen mit den namhaften Konkurrenten der Liga ein Winzling, nur zu den Heimspielen der No-Name-Klubs aus Bournemouth und Brentford kommen durchschnittlich weniger Zuschauer.
Finanziell halten sich die Eagles verglichen mit ihren Gegnern zurück, weil sie sich schlichtweg keine Top-Stars leisten können.
Glasner mit Rekord-Punkteschnitt
Dass die Fans nun durch die Chance im FA Cup von Europa träumen dürfen, ist zu großen Teilen Glasner zu verdanken.
Mit 1,70 Punkten pro Pflichtspiel hat der ehemalige SGE-Coach, der auch bei Palace in einer 3-4-2-1-Formation spielen lässt, den besten Schnitt aller Palace-Trainer, die mehr als 20 Spiele im Amt waren (transfermarkt.de).
„Die Liebe, die ich für Oliver Glasner empfinde, lässt sich nicht in Worte fassen“, schrieb Eagles-Fan und Podcaster Dan Cook via X: „Man unterstützt Palace nicht wegen des Ruhmes, sondern schon aus Kindestagen, weil es die Mannschaft in der Nähe ist oder weil man zu schätzen weiß, was es bedeutet, einem weniger ‚angesagten‘ Verein zu folgen.“ Umso bedeutsamer sei es, dass man derzeit dennoch vom ersten Titel der Vereinsgeschichte träumen dürfe.
Glasner soll für die bisherige Erfolgsgeschichte vorzeitig mit einem neuen Vertrag belohnt werden. Glaubt man dem Portal Football Insider, sind die Gespräche bereits weit fortgeschritten.
Doch der Erfolg weckt auch hierzulande Begehrlichkeiten. Wie Sky kürzlich berichtete, soll der 50-Jährige zur neuen Saison ein heißer Kandidat bei RB Leipzig sein.
Bisher steht der Österreicher bis 2026 in England unter Vertrag. Da es im kommenden Sommer-Transferfenster aber voraussichtlich spannend um Palace-Stars wie Marc Guehi, Eberechi Eze, Adam Wharton und Jean-Philippe Mateta wird, will man bei Palace Glasner angeblich frühzeitig längerfristig binden.
Palace hat noch jede Menge Potenzial
Denn den Verantwortlichen ist bewusst, dass der Erfolg in der Rückrunde nicht auf Zufall basiert. Vielmehr agierte Palace zuvor einfach sehr unglücklich. Über die Saison gesehen hat Palace das schlechteste Verhältnis (-10,0, fbref.com) zwischen erwarteten Toren (xG: 45,0) und tatsächlichen Toren (35).
Wenngleich das zunächst negativ erscheint, beweist es auf der anderen Seite, dass sich die Mannschaft viele Chancen erspielt, vor dem Tor allerdings einfach nicht abgezockt genug oder unglücklich agiert. Verbesserungspotenzial ist also definitiv vorhanden.
Genau das Gegenteil ist derzeit zum Beispiel bei Überflieger Nottingham Forest der Fall. Die Tricky Trees haben das beste Verhältnis in dieser Statistik (+11,9) und träumen als Dritter in der Premier League von der Champions League.
Entwickelt Glasner seine Mannschaft in diesem Aspekt des Spiels noch weiter, ist das letzte Kapitel der Erfolgsgeschichte womöglich noch lange nicht geschrieben. Vorausgesetzt, er bleibt über den Sommer hinaus bei Crystal Palace.
Doch auch in dieser Saison dürfen die Fans der Eagles schon träumen.