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Klopps imposantes Liverpool-Vermächtnis - SPORT1

Klopps imposantes Liverpool-Vermächtnis

Neben vielen Emotionen und sportlichen Erfolgen hat Jürgen Klopp dem FC Liverpool auch ein besonderes Vermächtnis hinterlassen: einen Ort, der das Schicksal des Klubs maßgeblich beeinflusst. SPORT1 konnte dort einen seltenen Blick hinter die Kulissen werfen.
Beim Legendenspiel zwischen dem FC Liverpool und Borussia Dortmund ist Jürgen Klopp erstmals wieder als Trainer an der Anfield Road tätig. Nach dem Spiel zeigen sich die Legenden der Reds vom deutschen Trainer durchweg begeistert.
Neben vielen Emotionen und sportlichen Erfolgen hat Jürgen Klopp dem FC Liverpool auch ein besonderes Vermächtnis hinterlassen: einen Ort, der das Schicksal des Klubs maßgeblich beeinflusst. SPORT1 konnte dort einen seltenen Blick hinter die Kulissen werfen.

An Häuserwänden, auf Fanartikeln, in Gesprächen mit einheimischen Fußballfans: Auch fast zwei Jahre nach Jürgen Klopps Abschied vom FC Liverpool führt kein Weg an „Jurgen“, wie er hier von allen liebevoll mit dem einschlägigen Akzent genannt wird, vorbei.

Direkt hinter dem legendären „The Kop“ gibt es am Anfield Stadium sogar die Möglichkeit, sich gegen eine Gebühr von fünf Pfund mit Nachbildungen der wichtigsten unter ihm gewonnenen Trophäen vor einer Wand mit Klopps Konterfei fotografieren zu lassen. „Jürgen hat uns daran erinnert, wer wir schon immer gewesen sind“, steht auf der Mauer neben dem Gesicht des – natürlich – lachenden Ex-Trainers.

Schwer zu sagen, wie lange die Klopp-Mania noch so groß ist, dass sich das Geschäftsmodell rentiert. Angesichts der langen Warteschlange an der Mauer vor dem Premier-League-Spiel gegen Crystal Palace aber womöglich noch eine ganze Weile.

Hinter den Kulissen des Liverpool-Trainingszentrums

Ganz sicher lässt sich sagen, dass Klopps Vermächtnis in Liverpool an anderer Stelle noch für lange Zeit deutlich spür- und sichtbar sein wird, denn bei allen Emotionen, Erinnerungen und Titeln hat er dem Verein auch etwas Handfestes hinterlassen, ein imposantes Vermächtnis aus Stein und Rasen: das AXA Training Centre.

SPORT1 hatte im Rahmen einer Pressereise des Liverpool-Partners Interwetten rund um den 3:1-Sieg gegen Crystal Palace die seltene Gelegenheit, einmal hinter die Kulissen des Trainingszentrums zu blicken – und schon unmittelbar nach der Ankunft ist Klopp dort direkt Thema.

Für seine Gäste aus Deutschland zückt Tourguide Gary erst einmal sein Handy und zeigt stolz den Sperrbildschirm mit einem Foto an der Seite des ehemaligen Trainers, der entscheidenden Anteil am heutigen Erscheinungsbild der Anlage einige Kilometer außerhalb von Liverpool hat.

Klopp regt neues Trainingszentrum beim FC Liverpool an

Nach seiner Ankunft beim FC Liverpool war es Klopp ein Dorn im Auge, dass die Jugendmannschaften und die Profis in unterschiedlichen Anlagen beheimatet waren und kaum Berührungspunkte hatten: Während der Nachwuchs bereits am heutigen Standort in Kirkby trainierte, war die erste Mannschaft seit den 1950er-Jahren rund acht Kilometer entfernt im Melwood Training Centre angesiedelt.

Weil es dort keinen Platz gab, um das vorhandene Trainingsgelände zu erweitern, und es obendrein einen weiteren, etwas kuriosen Standortnachteil gab – dazu später mehr -, wurde die Entscheidung getroffen, die Profis zu den Jugendteams umzusiedeln. In Melwood trainieren nach einem gescheiterten Wohnungsprojekt und dem Rückkauf des Geländes durch den Klub im Jahr 2023 inzwischen die Frauen des FC Liverpool.

Derweil ist Kirkby dank Klopps Initiative seit der Fertigstellung des Umbaus im Jahr 2020 die Heimat aller Jungen- und Männer-Teams der Reds, von der U8 bis zum aktuell vom Niederländer Arne Slot trainierten Premier-League-Team.

„Die Anlage ist großartig und wer die Chance hat, sie zu besuchen, wird beeindruckt sein“, schwärmte Klopp nach der Eröffnung: „Es ist ein wundervolles Gebäude – man hat alles, was man jetzt und für die Zukunft braucht. Es ist ziemlich perfekt!“

Sogar Liverpool-Legende Ian Rush ist beeindruckt

Schon im Eingangsbereich zu den heiligen Hallen der Profis und der U21 atmet das AXA Training Centre die emotionale Historie des Vereins: In die Wand ist in einer Größe von rund 100 Quadratmetern das Relief eines Bildes von „The Kop“ eingelassen, der legendären Tribüne der treuesten Fans im Anfield Stadium. Auf einem prominent platzierten Banner heißt es dort: „Liverpool wurde für mich gemacht und ich wurde für Liverpool gemacht.“

Ein Anblick, der einst selbst Klub-Legende Ian Rush beeindruckte. „Wer hier steht, will mehr über die Geschichte von Liverpool erfahren – und je mehr die Spieler darüber wissen, desto mehr werden sie bei Liverpool unterschreiben wollen“, meinte der Rekordtorschütze der Reds bei seinem ersten Besuch.

Die große Historie des Vereins begegnet einem gerade in diesem Teil des Trainingszentrums, der hauptsächlich von der U21 genutzt wird, an vielen Stellen. Eine Motivation, den letzten Schritt zu den Profis zu schaffen.

Sonderregel für Pressekonferenzen der Liverpool-Profis

Denn so sehr Klopp die Mannschaften in unmittelbarer Nähe zueinander haben wollte, so sehr muss man sich seinen Platz an der Spitze doch erarbeiten. Dementsprechend klar ist auch die Zuteilung der einzelnen Bereiche auf dem Gelände – mit einer Ausnahme: Der Raum für Pressekonferenzen der Profis befindet sich bewusst im Trakt der U21, sodass die Medienvertreter gar nicht auf die Idee kommen können, eine sich womöglich bietende Gelegenheit auszunutzen.

„Wir wissen ja, wie Reporter so sind“, meint Tourguide Gary mit einem Augenzwinkern und der englischen Boulevardpresse im Hinterkopf.

Dass auch der Weg der Liverpooler Nachwuchstalente in den Profi-Trakt ein äußerst steiniger ist, wird bei der nächsten Station deutlich: Von der großen Südterrasse gleitet der Blick über eine schier endlose Aneinanderreihung von Fußballplätzen in die Ferne. Eine Aussicht, die auch Jürgen Klopp immer wieder genossen und dabei den Jugendspielern beim Training zugeschaut haben soll.

Das Prinzip hinter der Anordnung der insgesamt neun Trainingsfelder ist simpel: Die U8-Youngster üben auf dem am weitesten vom Gebäude der Profis und U21 entfernten Platz – und mit jeder weiteren Altersklasse rücken die Talente dem großen Ziel von Feld zu Feld auch räumlich einen Schritt näher. Ein Gedanke, den Klopp mit seiner Anwesenheit immer wieder unterstreichen wollte.

„Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind ein Nachwuchsspieler und Jürgen Klopp schaut Ihnen von hier oben beim Training zu“, sagt Gary, das sei doch eine unheimliche Motivation.

Trent Alexander-Arnold als leuchtendes Beispiel

Den Sprung zu den Profis, so ehrlich muss der ehemalige Lehrer sein, schaffen wie in so vielen Vereinen aber auch hier nur die allerwenigsten Talente. Das schillernde Beispiel von Trent Alexander-Arnold, der 2004 als Sechsjähriger zu den Reds kam, tatsächlich alle Jugendteams durchlief und zum gefeierten Local Hero wurde, ist die absolute Ausnahme. Die meisten Spieler landeten laut Gary früher oder später in einem der zahlreichen Lower League Teams in der Umgebung.

Wer es zumindest bis in die U21 schafft, profitiert spätestens dann allerdings von einer erstklassigen Rundum-Betreuung: Die Umsetzung der jeweiligen Ernährungspläne wird schon am Morgen mithilfe eines reichhaltigen und vielfältigen Frühstücksbuffets unterstützt, in den Aufenthaltsräumen sind unterschiedliche Ablenkungen von Darts über Schach geboten, im Eingangsbereich kann auf einer kleinen Tribüne vor einem riesigen Bildschirm gemeinsam Fußball geschaut werden.

Dazu wartet an beinahe jeder Ecke irgendein Hinweis auf die große Historie des Vereins: Trophäensammlung hier, Bilder von legendären Spielen dort, dazu Schriftzüge wie „We are Liverpool“ und „You’ll never walk alone“.

Wo sich Profis und U21 regelmäßig begegnen

Und gerade, als in einem der Gedanke aufsteigt, ob der davon erhoffte Ansporn für junge Menschen nicht auch zur Last werden kann, öffnet sich die Tür zur ultimativen Motivationsspritze: der gemeinsamen Trainingshalle von U21 und Profis im Zentrum des Komplexes.

Es ist der Ort, wo die Spieler der beiden Teams am ehesten aufeinandertreffen: beim Individualtraining, in der Reha, am Basketballkorb (eine Wunschanschaffung von Virgil van Dijk, wie Gary verrät).

Der Ort, an dem der Traum von der ganz großen Fußballkarriere zum Greifen nah ist. „Know you can“, steht über der Tür zum Nachwuchsbereich auf einem großen Bild von „The Kop“ geschrieben: „Wisse, dass du es kannst.“

13 Liverpool-Greenkeeper nur fürs Trainingsgelände

Diejenigen, die den Trainingsraum in die andere Richtung verlassen, haben diese Gewissheit bereits – und im Profibereich warten auf sie noch deutlich mehr Annehmlichkeiten. Neben einem Schwimmbecken, einem Hydrotherapie-Bereich, Reha-Möglichkeiten, TV-Studios und diversen Büros finden sich unter anderem auch mehrere Padel-Plätze im Außenbereich und eine eigene, bestens ausgestattete Kaffeebar.

Das sportliche Highlight aber sind die vier Trainingsplätze, darunter ein verkürztes Feld speziell für die Torhüter. Sage und schreibe 13 (!) Greenkeeper kümmern sich darum, dass am Trainingszentrum jeder Grashalm in die richtige Richtung und in der richtigen Länge wächst, sieben weitere beschäftigt der FC Liverpool fürs Anfield Stadium.

Dort helfen bei Bedarf auch die Kollegen vom Trainingsgelände aus – und als ob der Perfektionismus der Greenkeeper nicht schon offensichtlich genug wäre, erzählt Gary noch die Anekdote, wie er einen von ihnen einmal bei der detaillierten Begutachtung einer speziellen Stelle auf dem Platz in Anfield beobachtet habe.

„Ich habe ihn gefragt, was er da macht“, erinnert er sich. Die Antwort: An dieser Stelle habe der Rasen im Stadion eine Besonderheit, die er nun genauer unter die Lupe nehme, um sie auf dem Trainingsplatz nachbilden zu können.

Anti-Spionage-Maßnahmen beim FC Liverpool

Wie viel Prozent Wahrheit in der Geschichte stecken, sei mal dahingestellt; dass sie in Kirkby auf nahezu jedes Detail achten, steht allerdings außer Frage: Die benachbarte Fabrikhalle durfte aus Sorge vor unerwünschten Beobachtern keinerlei hochgelegene Fenster in Richtung des Trainingsgeländes haben.

Das nämlich war der etwas kuriose, aber durchaus lästige Standortnachteil am alten Melwood gewesen: Trotz zwischenzeitlich errichtetem Sichtschutz hatte es aus den Häusern im benachbarten Wohnviertel die Möglichkeit gegeben, die Trainingsplätze der Reds einzusehen, was immer wieder zu Spionageversuchen der Konkurrenz geführt haben soll.

Liverpool-Fans sehnen sich immer noch nach Klopp

Inzwischen können nur noch Mitarbeiter und geladene Gäste auf dem hauseigenen Balkon die Trainingsplätze überblicken, auch das Büro des Trainers liefert eine direkte Aussicht auf das satte Grün. Theoretisch könnte Arne Slot bei schlechtem Wetter also sogar im Trockenen auf dem überdachten Balkon das Treiben auf dem Platz beobachten.

Es wäre wohl ein gefundenes Fressen für die englische Boulevardpresse, zumal der Niederländer trotz der Meisterschaft im vergangenen Jahr ohnehin bei Weitem nicht die Popularitätswerte von Jürgen Klopp genießt.

Die sind auch zwei Jahre nach dessen Abschied so groß, dass manch einer für die neue Saison sogar auf eine Rückkehr hofft. „Ich glaube daran, dass es eine kleine, eine winzig kleine Mini-Chance gibt, dass er zurückkommt“, sagt Uber-Fahrer Antony, der nach eigener Aussage nur einen Steinwurf entfernt von Anfield aufgewachsen ist. Klopp besitze schließlich noch ein Haus in Liverpool, das müsse doch etwas zu bedeuten haben.

Die Sehnsucht nach Jürgen Klopp: Nach Dortmund hat sie längst auch Liverpool ergriffen – und es gehört zur Identität dieses Klubs, ja dieser Stadt, dass sie ihre Helden, die aktuellen wie die vergangenen, vielleicht noch etwas mehr verehrt und etwas größer feiert, als das anderswo der Fall ist.

Beeindruckende Wandbilder rund um Anfield

Wer einen Beweis dafür braucht, muss sich nur einmal in den Straßen rund um die Anfield Road umschauen. Ian Rush, Steven Gerrard, Diogo Jota, Mohamed Salah, Virgil van Dijk und viele, viele weitere große Spieler haben hier ihre eigenen Murals, Wandbilder also, die sich über komplette Häuserfassaden erstrecken.

Und natürlich ist auch Jürgen Klopp verewigt: Auf der Mauer hinter „The Kop“, aber auch ein paar Straßen weiter, wo die Randolph Street auf die Burnand Street trifft. Die leicht gefletschten, strahlend weißen Zähne leuchten einem schon von weitem entgegen, die rechte Hand ist zur Siegerfaust geballt, daneben steht in großen Lettern das Wort „BOSS“.

Es sind die sichtbarsten Überbleibsel von Jürgen Klopps Vermächtnis in und um Liverpool: ein riesiges Wandbild hier und da – und ein ganzes Trainingszentrum, das noch lange nach seinem Abschied die Zukunft des FC Liverpool prägen wird.