Sie haben schon rosigere Zeiten erlebt beim FC Chelsea, so viel ist sicher. Am Freitag suspendierte Trainer Liam Rosenior Kapitän Enzo Fernandez, nachdem dieser öffentlich über einen Wechsel zu Real Madrid geschwärmt hatte. Aus der Champions League schied Chelsea krachend gegen PSG aus (2:8), in der Liga gab es aus den letzten sechs Spielen nur einen Sieg.
Wie ein Fußball-Gigant das System austrickst
Wie ein Gigant das System austrickst
Als wäre das nicht genug, machten die Blues dann Mitte der Woche auch abseits des Rasens auf sich aufmerksam: Wie der Klub verkündete, verzeichnete er für die Saison 2024/25 einen horrenden Rekordverlust von 262,4 Millionen Pfund in den Bilanzbüchern – das entspricht 300,1 Millionen Euro Minus (Vorsteuer). Es ist der größte Verlust, den je ein englischer Verein erwirtschaftet hat, bisher lag der Rekord bei Manchester City (226 Millionen Euro/2011).
Trotz Mega-Verlust: FC Chelsea entgeht wohl Strafe
Woher kommen diese absurden Zahlen? Chelsea begründet den Verlust vor allem mit „gestiegenen Betriebskosten“, genauer erklärt werden diese im Statement nicht. Allein 74,5 Millionen Euro gaben die Londoner laut ESPN für die Honorare von Spielerberatern aus, 281 Millionen Euro für neue Spieler.
Der Geldhahn in London ist in bestem, kalkfreiem Zustand: Seitdem das Investoren-Konsortium „BlueCo“ um den US-Amerikaner Todd Boehly vor vier Jahren die Anteile an Chelsea vom Oligarchen Roman Abramowitsch übernahm, flossen knapp 1,9 Milliarden Euro (!) in Neuzugänge. Bereits in der Vergangenheit hatte Chelsea gegen das Financial Fairplay verstoßen: Im Sommer 2025 erhielt man von der UEFA eine Strafe von 31 Millionen Euro. Doch trotz des nun veröffentlichten Rekordverlusts drohen dem Verein wohl erneut kaum ernsthafte Konsequenzen. Wie kann das sein?
Finanztrickserei: Chelsea verkaufte Hotel an sich selbst
In England regelt die „Profit and Sustainabilty Regulation“ (PSR) den finanziellen Rahmen der Vereine. Demnach darf ein Klub über den Zeitraum von drei Jahren nicht mehr als 105 Millionen Pfund Verlust machen, ansonsten drohen Geldstrafen, Transfersperren oder Punktabzüge. Doch diese Regularien trickst Chelsea seit jeher aus.
Denn in die PSR fallen lediglich „sportliche“ Zahlungen, also Spielertransfers, Gehälter usw. Ausgaben für Infrastruktur, Frauen- oder Jugendfußball sind nicht Teil der PSR – und das nutzte Chelsea aus: So verkaufte der Klub beispielsweise seine Frauenmannschaft für 150 Millionen Euro – an sich selbst, genauer gesagt an das Investoren-Konsortium „BlueCo“, dem der Verein gehört.
Gleiches geschah 2024 mit zwei Hotels in Stadionnähe – das spülte rund 94 Millionen Euro in die Kassen. Diese „Gewinne“ kann sich Chelsea in der PSR gutschreiben lassen – und hält dadurch die Regularien ein.
Das steckt hinter Chelseas Transferstrategie
Auch die Transferpolitik der „Blues“ ist ein Grund für die Aufhübschung der Bücher: Seit dem Eintritt der neuen Investoren um Boehly 2022 verpflichtet Chelsea vor allem junge Spieler und stattet diese mit absurd langen Verträgen aus: Sie haben eine Laufzeit von teilweise sechs, sieben oder acht Jahren. Dadurch werden die Gehaltskosten der Spieler gesenkt.
Doch viel wichtiger: Die Transfersumme, die Chelsea für einen Spieler hinlegt, kann über die gesamte Vertragsdauer „abbezahlt“ werden. So schlagen die Ausgaben nicht direkt negativ ins Kontor und können sogar ins Positive umgekehrt werden. Diese Praxis ist im Fußball zwar gängig, doch die immense Vertragsdauer macht bei Chelsea den Unterschied.
Beispiel gefällig? Im Sommer 2024 verpflichtete Chelsea Joao Felix für 52 Millionen Euro von Atlético Madrid und stattete den Portugiesen mit einem Vertrag bis 2031 aus. Die Ablöse konnte Chelsea so auf sieben Jahresraten à 7,4 Millionen Euro strecken. Ein Jahr später wurde Felix aber schon wieder verkauft – für 30 Millionen an Al-Nassr: de facto ein Minus von 22 Millionen Euro in der Transfersumme. Doch zu diesem Zeitpunkt war erst eine Rate abgeschrieben, sodass der Verkauf von Felix sogar mit einem Gewinn von 22,6 Millionen Euro in den Büchern landete.
30 neue Spieler! Transferwahnsinn ärgert Fans
Wie so oft in der Vergangenheit, dürfte es auch diesmal, wenn überhaupt, bei kleineren Geldstrafen bleiben: Im März hatte Chelsea in der Premier League Verstöße im Zusammenhang mit nicht offengelegten Zahlungen eingeräumt, die noch unter dem früheren Eigentümer Abramowitsch erfolgt waren. Die Blues wurden mit einer Geldstrafe von 12,3 Millionen Euro belegt und erhielten eine einjährige Transfersperre auf Bewährung. Für das milliardenschwere Konsortium um Boehly ein kaum spürbarer Klaps auf die Hüfte.
Dennoch: Selbst wenn Chelsea ungestraft davonkommt, fügt sich die finanzielle Situation in ein chaotisches Gesamtbild eines Klubs ein, der momentan orientierungslos vor sich hinschlittert. Liam Rosenior ist der neunte Trainer der vergangenen fünf Jahre, allein in den letzten drei Saisons verpflichtete Chelsea 30 (!) neue Spieler – Leihgeschäfte ausgenommen.
Die Identifikation mit der Mannschaft fällt vielen Fans zunehmend schwer. Und nachhaltig sportlicher Erfolg bleibt trotz der horrenden Summen, die „BlueCo“ in den Klub pumpt, noch immer aus.
Chelsea: Auch in der Mannschaft rumort es
Erst zwei Titel konnten die „Blues“ seit dem Einstieg der neuen Investoren gewinnen: die Klub-WM sowie die UEFA Conference League 2025. In der Liga rutschte Chelsea zuletzt aus den Champions-League-Rängen und verlor mit 0:3 gegen den FC Everton. In der Mannschaft rumorte es zudem kräftig: Marc Cucurella kritisierte öffentlich die Entlassung von Roseniors Vorgänger Enzo Maresca und unterstellte der Klubführung „Unerfahrenheit“. Am Freitag folgte die Suspendierung von Kapitän Fernandez.
Immerhin: Für die Saison 2025/26 sind schon wieder Rekordsummen in Sicht – der Verein prognostiziert einen Umsatz von rund 802 Millionen Euro, was auch am Gewinn der Klub-WM liegen dürfte. Quellen aus dem Klubumfeld sollen laut ESPN zuversichtlich sein, dass der Verein nun vollständig strukturiert ist, um in den kommenden Jahren alle regulatorischen Anforderungen zu erfüllen.