Als der FC Chelsea seinen neuen Trainer verkündete, dürfte den meisten Fußball-Fans einer von zwei Gedanken durch den Kopf geschossen sein. Entweder: Warum tut sich Xabi Alonso diesen Verein an? Oder aber: Kann er die Blues wieder zu einem Giganten machen?
Macht es Alonso wie Klopp?
Macht es Alonso wie Klopp?
Der langjährige Topklub aus London, der zuletzt deutlich an Glanz verloren hat und am finalen Spieltag der Saison die Teilnahme am Europapokal verspielte, steht am Scheideweg. Wie die Zukunft aussehen könnte, wird vor allem mit dem neuen Coach zusammenhängen.
In den vergangenen Wochen war in den englischen Medien immer wieder zu lesen: Alonso will die orientierungslose Mannschaft zu „Mentality Monsters“ formen. Mentalitätsmonster also – ein Begriff, den im englischen Fußball vor allem die Liverpool-Legende Jürgen Klopp prägte.
Chelsea: Geht Alonso den Klopp-Weg?
Der Weg des Deutschen dürfte durchaus Vorbildcharakter haben. Er verpasste den Reds erst einen neuen Spielstil und letztlich eine neue Identität. Bei Liverpool erhielt er die Zeit, mit der auch Alonso Großes erreichen könnte.
Doch wie realistisch ist ein solches Szenario? Nach einer schier endlosen Shoppingtour verfügt der FC Chelsea zwar nicht über eine funktionierende Mannschaft, aber über eine Ansammlung von zahlreichen talentierten Spielern.
Nicht wenige von ihnen sind jung und warten auf den ganz großen Durchbruch. Wie einst bei Leverkusen – auch der Werkself ging es sportlich nicht gut, als Alonso kam – könnte der neue „Manager“ mit einem klaren taktischen Plan offene Türen einrennen.
Bestes Beispiel für die spielerische Überzeugungskraft Alonsos waren jüngst Aussagen von Real-Stars wie Kylian Mbappé oder Arda Güler, die den Ansätzen ihres Ex-Coachs offensichtlich hinterhertrauern.
Palmer könnte Alonsos nächster Wirtz sein
Ob Alonso in London sein in der Bundesliga zelebriertes 3-4-2-1-System einführt, ist dabei vermutlich nicht entscheidend. Auch wenn zumindest einige Puzzleteile schon im Team verfügbar sein könnten – allen voran Cole Palmer.
Wie einst Florian Wirtz könnte Alonso den zuletzt allerdings formschwachen Engländer zum Herzstück seiner Offensive machen. Der 24-Jährige, der nicht für die WM nominiert wurde, bewegt sich als Freigeist an guten Tagen ähnlich elegant zwischen den Linien. „Es gibt wenige Spieler im Weltfußball, die so sehr für die Wirtz-Rolle gemacht sind“, schreibt The Athletic.
Mit Joao Pedro – auch der Brasilianer fährt übrigens nicht zur WM – kann Alonso zudem auf einen spielstarken Mittelstürmer setzen, der sowohl den Vollstrecker als auch den Vorlagengeber geben kann.
Im Zentrum stehen Zerstörer wie Moisés Caicedo zur Verfügung. Ein 110-Millionen-Mann, der ähnlich wie Robert Andrich bei Leverkusen auftreten könnte.
Diese Egos muss Alonso bei Chelsea einfangen
Und die Verteidigung? Reece James und Marc Cucurella sind große Namen – und mit Toptalenten wie Josh Acheampong stehen weitere Optionen bereit. Den 20-Jährigen, der innen wie außen spielen kann, soll Alonso intern bereits für unverkäuflich erklärt haben.
Es gibt also viele Zutaten für ein Erfolgsrezept. Das große Aber: Mit reichlich Spielkultur im Gepäck war Alonso auch bei Real Madrid angetreten – und dennoch gescheitert.
Zum Verhängnis wurde ihm das (fehlende) Verhältnis zu Stars wie Vinícius Júnior. Und natürlich hat auch Chelsea einige große Egos, die gezügelt werden müssen. Hier ist vor allem Enzo Fernández zu nennen. Den Argentinier, der mit einem Abschied kokettierte und zwischenzeitlich suspendiert wurde, muss Alonso für sich gewinnen – und ihn möglichst zu seinem Anführer auf dem Platz machen.
Laut BBC will der FC Chelsea den Mittelfeldmann auch grundsätzlich halten. Sollte jedoch ein interessierter Verein bereit sein, eine Ablöse von rund 140 Millionen Euro zu zahlen, werde ein Verkauf in Betracht gezogen. Dieses Geld würde natürlich noch mehr Ressourcen für einen Neuaufbau freisetzen.
Eine weitere Herausforderung dabei für Alonso: Stars wie Alejandro Garnacho, denen mangelnde Disziplin nachgesagt wird. Hier wird der Baske zeigen müssen, was er aus seinem erfolglosen Intermezzo in Madrid gelernt hat.
Ein ehemaliger BVB-Star als Negativbeispiel
Was dem ehemaligen Liverpool-Spieler dabei zugutekommen könnte: Chelsea hat sich nicht für den Europacup qualifiziert, obwohl ganze neun englische Teams das internationale Geschäft erreicht haben. Zeit für Entwicklung statt englische Wochen also.
Seit der Übernahme durch Todd Boehly, Alonsos neuem Chef, im Jahr 2022 hat der sechsmalige englische Meister knapp zwei Milliarden Euro für neue Spieler ausgegeben – eine kaum vorstellbare Summe. Was dabei herausgekommen ist, kann man getrost als Mittelmaß beschreiben. Seit der Übernahme belegten die Blues in der Premier League die Plätze zwölf, sechs, vier und zehn.
Die hohen Investitionen gingen nur selten mit dem erhofften sportlichen Ertrag einher. Ein prominenter Fall der vergangenen Saison ist auch Jamie Gittens. Der 21-Jährige wechselte im Sommer nach langem Hin und Her für eine Ablösesumme von rund 65 Millionen Euro von Borussia Dortmund zum FC Chelsea.
In seinen 27 Einsätzen konnte der Engländer für die Blues gerade einmal ein Tor im EFL Cup erzielen. Nur viermal stand er in dieser Saison über die vollen 90 Minuten auf dem Rasen. Dazu kam dann eine hartnäckige Oberschenkelverletzung, die ihn seit Anfang Februar außer Gefecht setzt.
Chelsea hat hohen Trainerverschleiß
Bringt Alonso ihn wieder in die Spur? An Chelsea sind zuletzt bereits Frank Lampard, Mauricio Pochettino, Enzo Maresca oder kürzlich Liam Rosenior krachend gescheitert. Trotz eines Vertrags bis zum Sommer 2032 hat sich der Verein bereits nach weniger als vier Monaten schon wieder vom Engländer getrennt.
Doch mit Alonso soll alles anders werden. Chelsea will sich erklärtermaßen selbst hinterfragen. Und anders als seine Vorgänger wurde der 44-Jährige offiziell als „Manager“ vorgestellt. Er erhält damit deutlich mehr Einfluss auf Transferentscheidungen als seine Vorgänger auf der Trainerbank.
Zuletzt hatte der Klub 2013 mit José Mourinho einem Cheftrainer diese Doppelfunktion übertragen. Darüber hinaus wird Alonso auch bei wichtigen Vereinsentscheidungen ein Mitspracherecht eingeräumt – wohl auch deshalb tut er sich den Verein an.