Es sollte alles anders werden, und doch scheint sich bei Tottenham Hotspur nichts verändert zu haben. Noch im Mai entging der Klub aus der englischen Hauptstadt nur knapp dem erstmaligen Abstieg aus der Premier League. Erst am letzten Spieltag retteten sich die Spurs und verteidigten ihren Zwei-Punkte-Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz.
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Ein 370-Millionen-Albtraum?
Damit so etwas nicht nochmal passiert, wurde im Transfersommer fleißig Geld ausgegeben und in Neuzugänge investiert. Fast 370 Millionen Euro gab das Team von Roberto De Zerbi auf dem Transfermarkt aus, nur der FC Chelsea und Manchester City waren noch spendabler.
Der sportliche Ertrag? Bislang gleich null. Ein Punkt, 0:5 Tore und Tabellenplatz 17 sind die ernüchternde Bilanz nach drei Spielen. Zum ersten Mal seit 52 Jahren blieb Tottenham in den ersten drei Premier-League-Partien ohne eigenen Treffer.
„Tottenham hat die Hälfte einer Mannschaft gekauft und sucht immer noch nach seiner eigenen Seele“, schrieb der englische Guardian passend dazu. Mit Sandro Tonali (108 Millionen Euro von Newcastle United), Mateus Fernandes (99 Mio. von West Ham United), Sávio (88 Mio. von Manchester City) oder Jan Paul van Hecke (60 Mio. von Brighton) verpflichteten die Spurs große Namen für viel Geld und verstärkten damit zumindest auf dem Papier nahezu jeden Mannschaftsteil.
Tottenham: Große Kluft zwischen Ambitionen und Ergebnissen
Dazu kam Verteidiger Andy Robertson ablösefrei vom FC Liverpool, während Omar Marmoush (Kaufpflicht ca. 58 Mio. Euro) und Mykhaylo Mudryk (Kaufoption ca. 87 Mio. Euro) ausgeliehen wurden. Schaut man sich nur die Namen der Spieler an, könnte man denken, die Spurs spielen um die Champions League mit und gehen mit ganz großen Ambitionen in die neue Spielzeit. Die Ambitionen mögen riesig sein, stehen aktuell jedoch im starken Kontrast zur Leistung auf dem Feld.
Nach dem jüngsten 0:0 gegen Nottingham Forest, immerhin der erste Punktgewinn, forderte De Zerbi Geduld: „Wir haben sehr, sehr gute Spieler verpflichtet, aber man kann die Mannschaft nicht einfach nur anhand der Namen zusammenstellen wie im Football Manager. Wir sind vom Ergebnis enttäuscht, aber mit der Leistung zufrieden.“
Doch wann münzt seine Mannschaft die Leistung auch in Punkte um? Bislang blieb das aus, auch deshalb attestierte die Daily Mail den Spurs einen „katastrophalen Saisonstart“.
Das große Problem scheint derzeit vor allem die Offensive zu sein. Mit Mathys Tel, Marmoush, Mudryk und Sávio wirbeln zwar echte Ballkünstler in den vordersten Reihen, doch ein echter Mittelstürmer fehlt. Die Zeiten von Harry Kane oder Heung-min Son sind längst vorbei. 37 Torschüsse gaben die Spurs in ihren drei Spielen ab. Kein einziger landete im Tor – eine haarsträubende Quote. Und wie eine alte Fußballweisheit besagt: „Machst du die Dinger vorne nicht, kriegst du sie hinten rein.“
„Ein lebenslanger Albtraum“ für die Spurs-Fans
Und genau hier setzt das nächste Problem an: eine schwache Defensive. Nimmt man die drei Absteiger aus der Rechnung, fingen sich die Spurs in der letzten Spielzeit die meisten Gegentore (57). Ob sich daran in dieser Saison etwas ändern kann?
„Die Vorstellung, dass die Spurs alle Probleme der letzten Saison hinter sich gelassen haben, klingt noch nicht ganz glaubwürdig“, merkte zumindest die Daily Mail an. Der Guardian schrieb: „Für den stets verunsicherten Spurs-Fan ist dieser Verein weniger eine geliebte Leidenschaft als vielmehr ein lebenslanger Albtraum.“
In den letzten 12 Monaten gewannen die Spurs, die jahrelang zu den besten Teams in England gehörten, 2019 im Finale der Champions League standen und sich im vergangenen Jahr sogar noch den Europa-League-Titel sicherten, gerade einmal zehn Premier-League-Spiele. Davon lediglich drei (!) vor heimischem Publikum. „Und damit willkommen zurück im Tempel des Schmerzes, dem ‚Theatre of Everyone Else’s Dreams'“, schrieb der Guardian süffisant nach der jüngsten Heimspielpleite gegen Newcastle (0:2).
Top-Torschütze Richarlison nach Wechselposse aus Kader gestrichen
Und als wäre all das nicht schon genug, ist da noch der Fall Richarlison: Kurz vor Ende der Transferperiode wollte der Brasilianer unbedingt weg und zurück zum FC Everton. Doch ein Wechsel zu den Toffees kam nicht zustande, genauso wenig wie ein Abgang zu einem anderen Klub. So musste der Stürmer wohl oder übel bei Tottenham bleiben, und das, obwohl ihm laut Medienberichten schon früher mitgeteilt worden war, dass er unter De Zerbi keine Rolle spielen würde.
Richarlison reagierte auf das Wechseltheater mit einer kryptischen Botschaft auf Instagram. „Nach allem, was ich in den letzten Jahren durchgemacht habe, habe ich beschlossen, dass niemals wieder andere meine Zukunft für mich bestimmen werde“, schrieb er dort unter anderem. Seine offenen Wechselwünsche kamen im Verein offenbar nicht besonders gut an.
Am vergangenen Donnerstag folgte der Paukenschlag: Richarlison wurde aus dem Premier-League-Kader der Spurs gestrichen – offenbar aus freien Stücken. „Er hat alles selbst entschieden. Nicht ich, nicht der Verein“, schilderte De Zerbi dem Guardian. „Zu Beginn der Vorbereitung habe ich mit Richarlison gesprochen und ihn gefragt, ob er seinen Vertrag verlängern möchte, weil ich ihn gerne bei uns behalten hätte. Er wollte das nicht“, führte der Italiener aus. So trainiert der Brasilianer ab sofort getrennt von der Mannschaft.
Wer kann die Torflaute der Spurs beenden?
Das Problem: Der Mittelstürmer war in der letzten Saison mit elf Treffern der Top-Torjäger von Tottenham in der Premier League. Auch dank seiner Tore konnte der Abstieg gerade noch so abgewendet werden. Wie es nun ohne ihn weitergeht? „Es tut mir leid für ihn, aber wir müssen jetzt ein neues Kapitel aufschlagen und mit Dominic Solanke und Omar Marmoush arbeiten“, erklärte De Zerbi.
Bislang konnten die beiden genannten Akteure jedoch noch keine Akzente setzen. So stellt sich weiter die Frage, wann die Millionen-Truppe endlich Ergebnisse liefert – ansonsten droht Tottenham erneut eine absolute Horror-Saison.