Als Brandon Williams im Winter 2019/20 im Trikot von Manchester United durchstartete, schien eine perfekte Geschichte geschrieben. Ein Junge aus Harpurhey, einem rauen Vorort von Manchester, der schon sein ganzes Leben lang Fan von United ist, durchläuft alle Jugendstationen bei seinem Lieblingsverein und schafft den Durchbruch in der Premier League.
Der Absturz einer einstigen Hoffnung
Der Absturz einer einstigen Hoffnung
Williams sollte die Zukunft im Klub gehören. Der damals 19-Jährige sammelte Erfahrungen auf Europas großer Fußballbühne. Es schien, als hätte ManUnited ein Supertalent aus den eigenen Reihen hervorgebracht. Was allerdings folgte, war ein tiefer Fall. Ein Absturz, der bis heute anhält.
Auf einen sportlichen Höhenflug folgte eine Karriere, die ins Stocken geriet. Hinter den Kulissen kämpfte Williams mit psychischen Problemen, auch die Corona-Pandemie warf den Engländer zurück. Der heute 25-Jährige ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell der Traum von einer großen Laufbahn zerschellen kann, wenn der Mensch hinter dem Fußballer verloren geht.
51 Pflichtspiele für Manchester United
Die Geschichte von Brandon Williams beginnt am 25. September 2019. An diesem Tag trifft Manchester United im League Cup auf den AFC Rochdale – und Williams kommt zu seinem Pflichtspiel-Debüt für die Red Devils. „Es war unglaublich“, erinnerte sich der Engländer in einem Interview mit The Athletic.
„Die Leute fragen mich immer: ‚Warst du nervös?‘ Das lässt sich schwer erklären, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Ich habe weder Druck gespürt noch mir Sorgen gemacht, es war einfach nur Aufregung und das Kribbeln im Bauch …, denn man bat mich, auf einen Fußballplatz zu gehen – etwas, das ich schon seit zwölf Jahren tat“, schilderte Williams.
In der Folge entwickelte sich der Verteidiger zu einer festen Größe im Team unter Cheftrainer Ole Gunnar Solskjaer, der von den Leistungen seines Schützlings schwärmte. „Der Junge kennt keine Angst, er ist mutig wie ein Löwe“, sagte der Norweger.
Insgesamt 51 Pflichtspiele für United absolvierte Williams – bis heute der Höhepunkt seiner Karriere. Der Engländer lebte damals noch mit seiner Mutter in einer Sozialwohnungssiedlung in Harpurhey, der Erfolg des Sohnes machte sich auch finanziell bei der Familie bemerkbar. „Meine Familie hatte so viel Geld noch nie gesehen, da war es auch für sie schwierig, damit umzugehen. Es war so: ‚Was sollen wir tun?‘ Sie steckten in derselben Lage wie ich. Und dann ist es einfach, das ganze Geld zum Fenster hinauszuwerfen.“
Corona-Pandemie bremst Williams aus
Noch in seiner Durchbruchsaison wurde Williams von der Corona-Pandemie ausgebremst. Während der Brite noch bei seiner Mutter gelebt hatte, konnten sich seine Mitspieler in wohlhabenderen Kreisen aufhalten. „Es ist schon komisch, denn wir saßen alle vor unseren Laptops auf Zoom, und alle Spieler waren in ihren großen Villen mit Pools und Fitnessräumen, während ich in meinem Schlafzimmer bei meiner Mutter saß und einen Koffer als Hantel benutzte“, lachte Williams.
Der Verteidiger fasste während der Pandemie den Entschluss, auszuziehen und alleine leben zu wollen. Eine Entscheidung, die der Profi später bereute. „Bis heute ist das eine der schlimmsten Entscheidungen, die ich je getroffen habe“, sagte er. „Ich hätte wirklich bleiben sollen.“
Williams befand, dass für einen 19-Jährigen „vieles schiefgehen kann“, wenn er von zu Hause wegzieht und seinen Durchbruch bei einem der größten Vereine der Welt erlebt. „Ich war zu unreif. Mir waren auch viele Dinge nicht bewusst, deshalb hätte ich bei meinen Eltern zu Hause bleiben sollen, um die Situation im Griff zu behalten.“
Private Probleme und ein folgenschwerer Trainerwechsel
Nach seinem Umzug habe er immer wieder größere Freundesgruppen bei sich begrüßt. Eine Ablenkung, die ihn vom Fokus auf den Profifußball abrücken ließ, wie er Jahre später zugab.
In der Saison 2020/21 erlebte Williams dann den ersten Dämpfer seiner Karriere. Lediglich 14 Pflichtspiel-Einsätze konnte der Verteidiger im Trikot von United verbuchen, weshalb er sich für einen Leihwechsel zu Norwich City entschied.
Dort blühte Williams wieder auf, bestritt 29 Pflichtspiele für den damaligen Premier-League-Klub und spielte sich wieder in Form. Unmittelbar vor seiner Rückkehr zu United verletzte er sich jedoch und sollte unter Neu-Coach Erik ten Hag in Manchester keine Rolle mehr spielen.
Gerade einmal fünf (!) Spielminuten sammelte Williams in der gesamten Saison 2022/23, weshalb er sich erneut verleihen ließ. Sein Weg führte ihn in die Zweitklassigkeit, wo er bei Ipswich Town anheuerte und zunächst auch wieder zu alter Form fand. „Dann passierten im Oktober und November eine Menge Dinge“, verriet Williams.
Williams kam kaum aus dem Bett
Sein Trainer Kieran McKenna habe gemerkt, „dass ich nicht ich selbst war. Am Neujahrstag hatten wir ein Auswärtsspiel gegen Stoke. Er sagte: ‚Ich möchte, dass du nach Manchester fährst und dir zwei Wochen frei nimmst. Ich möchte, dass du als Brandon hierher zurückkommst – diesen Brandon will ich nicht sehen.‘ Ich sagte: ‚Okay, kein Problem.‘“
Williams kehrte nicht mehr nach Ipswich zurück, die Probleme im privaten Umfeld häuften sich. Im Interview mit The Athletic erinnerte er sich an ein Gespräch mit seinem ehemaligen Psychologen Michael Farrell. „Er kam morgens an meine Tür und klopfte an – ich hatte ja eine Wohnung in der Stadt –, und sagte dann so etwas wie: ‚Brandon, komm schon, wir gehen einen Kaffee trinken‘, denn ich lag buchstäblich den ganzen Tag nur im Bett. Das hat mir geholfen, aufzustehen und mir zu sagen: ‚Komm schon, hör auf, dich selbst zu bemitleiden.‘“
„Ich wollte nicht mehr Fußball spielen“
Im Sommer 2024 endete Williams‘ Zeit bei Manchester United. Sein Vertrag lief aus. „Damals dachte ich mir einfach: ‚Na ja, es ist, wie es ist‘, aber ich befand mich in einer dunklen Phase“, sagte er. „Und dann vergingen ein paar Monate und ich dachte: ‚Oh mein Gott, was habe ich getan?‘ Da wurde mir klar, dass das alles war, was ich seit meinem siebten Lebensjahr gekannt hatte. Es war ein zermürbendes Gefühl, besonders wenn man ganz allein ist und nur darüber nachdenkt. Das ist eine dunkle Phase.“
Nach seinem Aus bei den Red Devils verlor Williams die Liebe zu seinem größten Lebensinhalt. „Ich wollte nicht mehr Fußball spielen“, verriet er. Er habe damals die schwierigste Phase seines Lebens durchgemacht, in der sich vor allem abseits des Fußballspielens die Probleme häuften.
Williams verursacht Autounfall: „Ein echter Weckruf“
Am 20. August 2023 verursachte er einen Autounfall, als er mit knapp 160 km/h in einer Zone unterwegs war, in der lediglich umgerechnet 110 km/h zugelassen waren. Anschließend war er mit einem anderen Auto kollidiert und gegen die Mittelleitplanke geprallt. Williams wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und musste 180 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten, nachdem er sich wegen gefährlichen Fahrens schuldig bekannt hatte. Außerdem wurde ihm ein dreijähriges Fahrverbot auferlegt.
„Das hat mich als Mensch reifen lassen und mir klar gemacht, dass das das echte Leben ist – das ist kein GTA (Grand Theft Auto; Anm. d. Red.) oder so etwas“, gab Williams preis. „Es war ein echter Weckruf. Seitdem ging es darum, meinen Ruf wieder aufzubauen und zu ändern, denn das bin ich nicht.“
Er habe nicht über die Konsequenzen seines Handelns nachgedacht: „Ich war nicht der Brandon, den alle kennen. Ich war ein völlig anderer Mensch.“
Williams: „Ich war unreif und dumm“
Er gab zu, dass er nicht auf ein Leben vorbereitet war, schon im jungen Alter berühmt zu sein und finanzielle Freiheiten zu genießen. „Ich war 19 und dachte: ‚Ich weiß, was ich tue‘, aber ich war unreif und dumm.“
Auch der Konsum von Lachgas wurde ihm zum Verhängnis. „Wenn ich jetzt auf mich zurückblicke, denke ich, was für ein Idiot ich doch war. So etwas macht ein Sportler nicht, so etwas macht ein Fußballer nicht, so etwas macht ein erwachsener Mann nicht. Das ist einfach nur dumm.“
Im August 2025 heuerte Williams beim damaligen Zweitligisten Hull City an. Aufgrund einer Verletzung absolvierte er dort jedoch nur ein einziges Spiel. Mittlerweile ist der Engländer wieder vereinslos und hielt sich zuletzt beim Viertligisten Rotherham fit. Ob er dort einen Vertrag erhält, ist offen.
Seinen Traum, wieder auf die große Fußballbühne zurückzukehren, hat er noch nicht aufgegeben. „Ich habe, ehrlich gesagt, viele Menschen enttäuscht, und ich möchte auch vielen Menschen das Gegenteil beweisen“, unterstrich er. „Das ist eine Sache, die ich in meinem Leben noch tun muss: wieder auf den Fußballplatz zurückzukehren und zu zeigen, was ich kann.“