Serie A>

Serie A: Ein Märchen mit einem Makel

So nah am Märchen, wie es noch geht

Dank Cesc Fàbregas gilt Como nicht mehr nur als Urlaubsparadies. Aus der dritten Liga schaffte es das Team in die Champions League. Ein beeindruckender Aufstieg, der einem Märchen so nahe kommt, wie es im modernen Fußball überhaupt noch geht.
Cesc Fabregas spricht nach Saisonende über den Champions-League-Einzug von Como. Trotz kleinem Kader und körperlicher Probleme hat sein Team Historisches erreicht.
Conrad Fröhlich
Dank Cesc Fàbregas gilt Como nicht mehr nur als Urlaubsparadies. Aus der dritten Liga schaffte es das Team in die Champions League. Ein beeindruckender Aufstieg, der einem Märchen so nahe kommt, wie es im modernen Fußball überhaupt noch geht.

Den großen Traum, der wohl jedes Fußballmärchen perfekt abrunden würde, vermochte Como-Trainer Cesc Fàbregas im März noch gar nicht auszusprechen. „Ich kann mich auf kein Ziel festlegen. Vergessen wir schließlich nicht, dass wir vor anderthalb Jahren noch in der Serie B gespielt haben“, meinte der Erfolgsarchitekt schüchtern.

Mit großen Ansagen hatten die Spieler und Verantwortlichen von Como 1907 während des sensationellen Aufstiegs von der Serie C (3. italienische Liga) bis ins Spitzenfeld der Serie-A-Tabelle ohnehin nie um sich geworfen. Das hätte auch nicht zur DNA des Klubs gepasst. Chaos und ausufernder Medienrummel hätten den famosen Aufstieg des Klubs aus dem italienischen Urlaubsparadies wohl behindert, wenn nicht gar gestoppt.

In klassischer Fàbregas-Manier moderierte der spanische Übungsleiter, der seine aktive Karriere bei Como in der 2. Liga ausklingen ließ, um dann im Sommer 2024 als Trainer einzusteigen, die Champions-League-Fragen weg. „Wir müssen also ruhig vorgehen – Schritt für Schritt – und eine Kultur und Identität aufbauen, die uns helfen kann, Spiele zu gewinnen“.

Fàbregas: „Vor Jahren zogen wir uns noch in einer Bar um“

Gesagt, getan. Die Ruhe, von der der spanische Ex-Weltmeister sprach, behielt Como 1907 nämlich auch in einer Schwächeperiode von nur einem Sieg aus fünf Spielen und zog in der finalen Phase die Zügel an. Und nach dem Schlussspurt – die letzten drei Spiele wurden allesamt siegreich beendet – kannte der Jubel am Comer See keine Grenzen mehr: Platz vier belegte das Team in der Endtabelle und feierte damit den Einzug in die Champions League.

Ein emotionaler Fàbregas, der wie Arsenal-Legende und Kumpel Thierry Henry Anteile am Verein hält, erinnerte in diesem Zuge an die Anfänge des Klubs. „Als ich vor vier Jahren als Spieler nach Como kam, haben wir uns in einer Bar umgezogen und hatten kein Trainingszentrum. Alle gingen gegen 12 oder 12.30 Uhr, danach war niemand mehr da. Heute spielen wir Champions League“, erzählte der 39-Jährige im DAZN-Interview.

Como: Aus der 3. Liga in die Champions League

Zu Recht ist der Spanier stolz auf diese einmalige Leistung. Vor fünf Jahren spielte Como schließlich noch in der 3. Liga. Nur zwei Saisons in der höchsten italienischen Spielklasse genügten dem Verein aus der Lombardei, um sich einen Platz in der Königsklasse zu sichern.

„Nur“ gute Arbeit aller Verantwortlichen reicht im modernen Fußball allerdings nicht mehr aus, um eine Mannschaft in nur fünf Jahren aus der Drittklassigkeit in die Champions League zu hieven. Zur Wahrheit der Lombarden gehört auch, dass die schwerreichen indonesischen Brüder Michael Bambang Hartono und Robert Budi Hartono, deren Privatvermögen von Forbes auf über 45 Milliarden Dollar geschätzt wird, 2019 beim italienischen Klub einstiegen.

Beträchtliches Transfer-Minus

Der schwindelerregende Aufstieg wäre ohne die Finanzspritzen des Bruderpaars, das im Besitz des indonesischen Tabak-Konzerns Djarum ist, kaum möglich gewesen. Schließlich lieferte Como Transferperioden ab, die die Konkurrenz vor Neid erblassen ließen. In den ersten beiden Spielzeiten in der Serie A gab Como insgesamt 227 Millionen Euro für Spielertransfers aus und nahm lediglich 20 Millionen durch Spielerverkäufe ein. Was sportlich einem Märchen gleicht, hat in der Entstehung definitiv Makel.

Laut transfermarkt.de steigerte sich der Marktwert des Teams innerhalb der Saison von 249 Millionen Euro auf 352 Millionen. Kein Wunder, wenn man die Ausgaben betrachtet. Allerdings ist Como für Profis auch verlockend. Schließlich könnten die Rahmenbedingungen für Profis nicht besser sein. Die malerische Kulisse am Comer See und ein Ex-Weltmeister an der Seitenlinie dürften auf viele Spieler anziehend gewirkt haben.

Dass es bei Como auch nach den Aufstiegen weiterhin bergauf ging, ist auch zu großen Teilen Fàbregas zu verdanken, der das Team nach dem Aufstieg in die Serie A übernahm – und den Kader clever zusammenstellte.

Cesc Fàbregas, Architekt des Como-Erfolgs

Im von Fàbregas präferierten 4-2-3-1-System, das auf Ballbesitz ausgelegt ist, ist der aus der Real-Madrid-Jugend stammende und treffsichere Nico Paz ein entscheidendes Puzzleteil (21 Scorerpunkte). Die nötige Stabilität bieten erfahrene Veteranen wie Ex-Liverpool-Akteur Alberto Moreno, Ex-Europameister Álvaro Morata und mit Sergi Roberto ein ehemaliger Kapitän des FC Barcelona. Mit Marc-Oliver Kempf (ehemals Hertha BSC) und Nicolas Kühn (von Celtic Glasgow gekommen) finden auch zwei Deutsche Platz im Kader.

Offensiv agierten die Lombarden variabel – ganz nach dem Geschmack von Fàbregas. Die eigentliche Sensation ist aber die defensive Kompaktheit, die der Trainer seinen Schützlingen antrainiert hat. 29 Gegentreffer aus 38 Ligaspielen sind ein Bestwert in der gesamten Serie A.

Fàbregas schaute sich viel von Wenger ab

Zurückgreifen konnte der Trainer-Neuling auf seine zahlreichen Erfahrungen, die er als aktiver Spieler gesammelt hat. Schließlich gewann Fàbregas eine Weltmeisterschaft, wurde zweimal Europameister und durfte von Legenden wie Pep Guardiola, José Mourinho, Antonio Conte, Luis Enrique und Arséne Wenger als Trainer lernen.

Letztgenannter dürfte den Ex-Arsenal-Spieler (über 200 Pflichtspiele für die Gunners) am meisten geprägt haben. Wenger bezeichnete er sogar mal als zweiten Vater. „Er hat früher immer viel an Umschaltmomenten und dem Bespielen der Räume gearbeitet – etwas, das im modernen Fußball über die Jahre noch wichtiger geworden ist. Ich habe viel von ihm gelernt und möchte, dass mein Team das auch umsetzt“.

Daran, dass sein Team das umgesetzt hat, besteht spätestens nach der aktuellen Saison kein Zweifel mehr. In der kommenden Saison wird sich zeigen, ob dem modernen Fußball-Märchen das nächste Kapitel hinzugefügt wird. Leidet der Klub aus der Lombardei unter der Doppelbelastung aus Königsklasse und Ligabetrieb? Oder sorgt Como auch auf Europas größter Bühne für Furore?