Am 8. November 2023 spielte der FC Bayern in der Champions League gegen Galatasaray. In der zweiten Halbzeit tauchte in der Südkurve der Allianz Arena ein Banner auf: „Lift Amedspor’s Away Bans!“
Amed SFK: Aufsteiger erobert die Süper-Lig-Spitze
Amed SFK: Aufsteiger erobert die Süper-Lig-Spitze
Auf einer der größten Bühnen des europäischen Fußballs protestierten Teile der Münchner Ultra-Szene damit gegen die Auswärtssperren für die Anhänger des kurdisch geprägten Klubs Amed Sportif Faaliyetler Kulübü. Amed SFK spielte zu diesem Zeitpunkt nicht Champions League. Nicht einmal erstklassig.
Der Klub aus dem Südosten der Türkei steckte in der dritten türkischen Liga fest und kämpfte seit Jahren nicht nur um Punkte, sondern immer wieder auch mit Sanktionen.
Knapp drei Jahre später sieht das Bild grundlegend anders aus: Amed SFK ist in der Süper Lig angekommen. Und wie: Mit vier Siegen, einem Unentschieden und einer Niederlage steht der Klub an der Tabellenspitze. Und das vor den türkischen Schwergewichten aus Istanbul.
Als Aufsteiger an die Tabellenspitze
Dabei ging zuletzt alles erstaunlich schnell. Noch in der Saison 23/24 spielte Amed SFK in der dritten Liga. Als Meister der Saison gelang der Aufstieg in die zweite türkische Liga. Zwei Jahre später folgte dann als Tabellenzweiter der vorzeitige Vereinshöhepunkt – der Aufstieg in die erstklassige Süper Lig.
Dort tritt der Neuling mit ganz anderen Voraussetzungen als die etablierten Top-Vereine der Liga an. Der Kader wird auf lediglich rund 27,6 Millionen Euro taxiert. Im Vergleich zu den Millionen-Ensembles der türkischen Spitzenklubs ist das eine andere Größenordnung.
Nach sechs Spieltagen ist von den unterschiedlichen Voraussetzungen in der Tabelle wenig zu sehen. Am Sonntag kam mit Besiktas einer der bekanntesten Klubs des Landes in den Südosten der Türkei – und wurde vom Aufsteiger zunächst bitter überrascht. Gift Orban brachte Amed SFK früh in Führung, Dia Saba erzielte nach 22 Minuten das 2:0.
Besiktas fand zwar zurück in die Partie, aber Amed SFK brachte den Vorsprung über die Zeit. Das schlussendliche 3:2 bedeitete nicht nur den vierten Sieg im sechsten Saisonspiel – er machte aus dem überraschend starken Saisonstart eine Tabellenführung.
Einer der Hauptverantwortlichen für den aktuellen Erfolg steht eigentlich noch bei der TSG Hoffenheim unter Vertrag.
Hoffenheim-Leihe schießt Amed an die Spitze
Stürmer Gift Orban kam im Sommer für ein Jahr auf Leihbasis von der TSG Hoffenheim. Amed SFK sicherte sich zudem eine Kaufoption.
Der 24-Jährige brauchte nur kurz, um in der Türkei anzukommen. Gegen Besiktas erzielte Orban das 1:0 und bereitete einen weiteren Treffer vor. Es war die Fortsetzung eines bemerkenswerten Laufs: Nach sechs Spieltagen steht Orban bei sieben Saisontoren und zwei Assists. Damit steht er gemeinsam mit Trabzonspors Mohamed Salah an der Spitze.
Orban ist dabei nicht der einzige Spieler im Amedspor-Kader mit Verbindung zum deutschen Fußball. Mittelfeldspieler Gökhan Gül wurde in Castrop-Rauxel geboren, durchlief unter anderem den Nachwuchs des VfL Bochum und spielte für Fortuna Düsseldorf, ehe seine Karriere ihn ins Ausland führte. Rechtsaußen Dilhan Demir stammt ebenfalls aus dem Ruhrgebiet, er wurde in Herne geboren. Über den Wuppertaler SV führte sein Weg schließlich in die Türkei.
Um zu verstehen, warum Ameds Aufstieg weit über die Türkei hinaus Aufmerksamkeit erzeugt, reicht der Blick auf die Tabelle nicht.
Mehr als ein neuer Name
Der 1972 gegründete Klub spielte jahrzehntelang unter wechselnden Namen in den unteren türkischen Ligen. 1990 übernahm die Stadtverwaltung den Verein, der somit als Diyarbakir Büyüksehir Belediyespor antrat.
Zum Wendepunkt wurde 2014 die Umbenennung. Der zunächst gewählte Name Amedspor wurde vom türkischen Verband nicht akzeptiert, schließlich wurde der Klub als Amed Sportif Faaliyetler Kulübü – kurz Amed SFK – registriert. „Amed“ ist die kurdische Bezeichnung für die Stadt Diyarbakir, in der der Verein gegründet wurde.
Damit wurde die kurdische Identität des Vereins auch nach außen sichtbarer. Auch die Vereinsfarben rot, grün und weiß sind symbolisch aufgeladen und orientieren sich an der kurdischen Flagge. „Manche Amedspor-Fans sehen Amedspor als gemeinsame Identität. Manche sehen sie als Mannschaft aller Kurden“, erklärte der Politikwissenschaftler Vahap Coskun.
Doch mit der wachsenden Bedeutung des Klubs wuchsen auch die Konflikte.
Auswärtssperren und hohe Strafen
Besonders deutlich wurde das in der Saison 2015/16. Sportlich sorgte der damalige Drittligist im türkischen Pokal für Aufsehen und erreichte das Viertelfinale. Gleichzeitig bestimmten politische Auseinandersetzungen zunehmend das Geschehen rund um den Klub.
Anhänger wurden von Auswärtsspielen ausgeschlossen, der Verein mit Geldstrafen belegt. Über mehrere Jahre durften Amed-Fans bei zahlreichen Auswärtspartien nicht ins Stadion. Kurdische Banner und Gesänge wurden vom Verband als ideologisch motivierte Propaganda eingestuft.
Die Auseinandersetzungen reichen bis in die jüngere Vergangenheit. 2025 lief Amed mit dem kurdischen Werbeslogan „Koma me bona we“ auf der Brust auf – übersetzt etwa: „Unsere Gruppe ist für dich“. Zunächst hatte der türkische Verband die Gestaltung genehmigt. Später verhängte sein Disziplinarausschuss dennoch Geldstrafen und verwies auf Verstöße gegen Ausrüstungsbestimmungen. Der Klub und politische Vertreter kritisierten die Entscheidung als Diskriminierung der kurdischen Sprache.
Als Bayern-Fans für Amed SFK protestierten
Die Konflikte rund um den Klub blieben auch außerhalb der Türkei nicht unbemerkt. Unterstützung für Amed SFK kam dabei auch aus Deutschland.
Am 8. November 2023 empfing der FC Bayern in der Champions League Galatasaray in der Münchner Allianz Arena. Fans aus dem Umfeld der Schickeria entrollten in der Südkurve ein Banner mit der Forderung: „Lift Amedspor’s Away Bans!“
Sie solidarisierten sich damit mit den Amed-Anhängern und protestierten gegen die wiederkehrenden Auswärtssperren. Amed bedankte sich anschließend öffentlich für die Unterstützung aus München.
Unter neuen Vorzeichen
Knapp drei Jahre später führt der Blick auf Amed zu einem ganz anderen Bild. Aus dem damaligen Drittligisten ist ein Süper-Lig-Aufsteiger geworden, der inzwischen selbst auf Galatasaray, Besiktas und Co. trifft. Und auch die politische Lage hat sich inzwischen verändert: Die Auflösung der militanten PKK 2025 markierte einen wichtigen Schritt in einem neuen Prozess zur Beilegung des jahrzehntelangen Konflikts.
Auch für Amed macht sich diese Entwicklung bemerkbar. „Die Entspannung der letzten zwei Jahre hat diese Möglichkeit, diese Angst, diese Sorge meiner Meinung nach auf ein Minimum reduziert. Wenn Amedspor künftig einem Spieler oder Trainer ein Angebot macht, wird vermutlich stärker entscheidend sein, mit welchem Projekt der Verein auf ihn zukommt“, so Politikwissenschaftler Coskun.