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Eine Marathon-Sensation, die sich als dreister Betrug entpuppte

Scheinbare Wunderläuferin war Betrügerin

Heute vor 46 Jahren gewann die unbekannte Läuferin Rosie Ruiz mit einer Fabelzeit den Boston Marathon. Der vermeintliche Wunderlauf entpuppte sich jedoch als skurriles Schummelstück.
Rosie Ruiz bei einer Pressekonferenz in New York, nachdem ihr Betrug aufgeflogen war
Rosie Ruiz bei einer Pressekonferenz in New York, nachdem ihr Betrug aufgeflogen war
© IMAGO / ZUMA/Keystone
Heute vor 46 Jahren gewann die unbekannte Läuferin Rosie Ruiz mit einer Fabelzeit den Boston Marathon. Der vermeintliche Wunderlauf entpuppte sich jedoch als skurriles Schummelstück.

Es war eine Sensation, was Rosie Ruiz an diesem Tag vollbrachte. Scheinbar vollbrachte.

Die gebürtige Kubanerin gewann den Boston Marathon mit einer Zeit von 2 Stunden 31 Minuten und 56 Sekunden. Die schnellste Zeit, die je eine Läuferin dort gelaufen war. Die drittschnellste Zeit einer weiblichen Marathonathletin überhaupt. Und sie wirkte dabei nicht mal sonderlich erschöpft.

Es war ein denkwürdiges Ereignis, das sich da vollzog am 21. April 1980, heute vor 46 Jahren – allerdings auf andere Art und Weise, als es zunächst schien. Der vermeintliche Sensationslauf der in New York lebenden Rosie Ruiz entpuppte sich als großer Betrug.

Leichtathletik: Ein legendärer Betrug beim Boston Marathon

Es dauerte nicht lange, ehe die Tuschelei über die Überraschungssiegerin losging – schon das Siegerinterview mit der früheren Marathon-Läuferin Katherine Switzer legte den Verdacht nahe, dass etwas nicht stimmte.

„Haben Sie viel Intervalltraining gemacht?“ fragte Switzer Ruiz. Ruiz antwortete: „Ich bin mir nicht ganz sicher, was Intervalle sind. Was ist das?“

An anderer Stelle wurde Ruiz gefragt, warum sie denn nicht schwitze, trotz ihres erschöpfenden Coups? „Ich bin heute Morgen eben mit viel Energie aufgewacht“, sagte sie.

Erfahrene Beobachterinnen und Beobachter ahnten schnell: So redet keine herausragende Marathonläuferin. Die 26 Jahre alte Ruiz bewegte sich auch nicht wie eine, sondern eher ungelenk und holprig. Auch ihre Herzfrequenz und ihr Körperbau passten nicht zu den Eigenschaften einer Wunderläuferin.

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Bei der Qualifikation mit der U-Bahn abgekürzt

Die Verantwortlichen des traditionsreichen Marathons ermittelten und stießen auf weitere Ungereimtheiten: Ruiz wurde während des Rennens nicht gesehen an Orten, an denen sie hätte gesehen werden müssen. Sie hatte keine Erinnerung an Szenerien, die jeder Läuferin im Kopf geblieben waren.

Nach und nach zeigte sich: Ruiz war eine Betrügerin – die sich schon die Teilnahme an der Konkurrenz durch Schummelei erschlichen hatte. Auch der elfte Platz im New York Marathon, mit dem sich Ruiz für Boston qualifiziert hatte, war ermogelt: Ruiz hatte mit der U-Bahn abgekürzt, wie eine Fotografin berichtete, als Ruiz‘ Sieg in Boston Schlagzeilen schrieb.

Und wie sich dann auch noch zeigte, hätte Ruiz auch in New York gar nicht starten dürfen. Sie hatte die Unterlagen zu spät eingereicht – bekam aber eine Sondergenehmigung, weil sie behauptet hatte, an einem tödlichen Hirntumor zu leiden. Auch das war gelogen.

Acht Tage nach dem Boston Marathon kam es, wie es kommen musste: Ruiz wurde disqualifiziert, die zweitplatzierte Jacqueline Gareau wurde nachträglich zur Siegerin erklärt. Auch in New York wurde Ruiz aus der Wertung gestrichen.

Rosie Ruiz leugnete bis an ihr Lebensende

Was trieb Ruiz an? Man kann es aus ihrer Vita heraus nur erahnen. Ihre Familie floh infolge der kubanischen Revolution in die USA, als sie acht war. Sie wuchs dort ohne ihre Mutter auf, lebte bei Verwandten, studierte später Musik in Nebraska – und entwickelte in ihren jungen Jahren eine Neigung zu Betrügereien kleiner und großer Art.

Zwei Jahre nach dem Marathon-Skandal wurde sie verhaftet, weil sie in einer Immobilienfirma 60.000 Dollar veruntreute und damit Skiurlaube finanzierte. Ein Jahr später wurde sie wegen der Verwicklung in einen Kokaindeal zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Später wurde es ruhiger um Ruiz, die dreimal Mutter wurde und in einer Medizintechnikfirma arbeitete. Im Lauf der Jahre wurde sie noch oft von Medien auf den Boston Marathon angesprochen – und blieb uneinsichtig: Sie habe nicht betrogen, sondern habe das Rennen vollständig absolviert, behauptete sie unbeirrt.

Am 8. Juli 2019 starb Ruiz im Alter von 66 Jahren an Krebs – ihrem privaten Umfeld hatte sie vorher offenbar anvertraut, was in Boston wirklich passiert war.

„Sie ist aus dem Publikum gesprungen“, zitierte die New York Times im Nachruf auf Ruiz einen Bekannten – der erklärte, dass Ruiz wohl selbst nicht klar war, was sie angerichtet hatte: „Sie wusste nicht, dass noch keine andere Frau im Ziel war. Glaubt mir: Sie war so geschockt wie alle anderen, als sie erfuhr, dass sie Erste war.“