Es gibt Konstellationen, die wirken im deutschen Leichtathletik-Alltag beinahe surreal. Eine davon ist mit dem Namen Jennifer Hauke verbunden und führt über 10.000 Kilometer weit nach Südafrika – zu einer der bekanntesten und zugleich schillerndsten Persönlichkeiten der modernen Leichtathletik: Caster Semenya.
Leichtathletik: Der Anruf, der ein Karriereende verhinderte
Ein Anruf, der ihre Karriere veränderte
Während Hauke bei den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid im Finale über 800 Meter Siebte wurde, kennt kaum jemand die Geschichte hinter ihrem sportlichen Aufschwung.
Jennifer Hauke wird von Caster Semenya trainiert
Die Frau, die sie seit Ende 2024 trainiert, ist dieselbe Athletin, deren Karriere die Leichtathletik über Jahre hinweg in eine der schwierigsten Debatten ihrer Geschichte gestürzt hat: Zweimal Olympiasiegerin, dreimal Weltmeisterin, Symbolfigur für die einen, Reizfigur für die anderen.
Eine Ausnahmeerscheinung, deren Name bis heute für sportliche Größe ebenso steht wie für die juristischen und ethischen Auseinandersetzungen um Geschlecht, Fairness und den Umgang mit Athletinnen mit erhöhtem natürlichem Testosteronspiegel. Über all das spricht Hauke an diesem Tag nicht. Für sie ist Semenya schlicht ihre Trainerin. Oder mehr noch: die Frau, die ihre Karriere rettete.
Zusammenarbeit mit Semenya? „Ist einfach magisch“
„Ich muss mich manchmal kneifen, weil ich es mir immer noch nicht vorstellen kann“, sagt Hauke im Gespräch mit SPORT1: „Es ist einfach magisch. Es ist komplett anders. Anderes Training, anderes Mindset, ein anderes Niveau. Für mich war es die richtige Entscheidung.“ Es klingt fast wie die Beschreibung eines Neuanfangs. Und tatsächlich war es genau das.
Denn Ende 2024 hatte die heute 33-Jährige längst begonnen, sich mit dem Gedanken an ein Karriereende anzufreunden. Die Zweifel waren größer geworden als die Hoffnung. Der Leistungssport schien für sie keine Zukunft mehr bereitzuhalten.
„Eigentlich wollte ich Ende 2024 aufhören“, erzählt sie offen: „Ich kannte Caster schon und habe ihr eine Nachricht geschrieben: ‚Für mich reicht es jetzt.‘“
Der Anruf, der alles veränderte
Was dann geschah, beschreibt Hauke selbst noch immer mit einer Mischung aus Staunen und Dankbarkeit. „Dann hat sie mich sofort angerufen und gesagt: ,Komm nach Südafrika.‘“ Für viele Athletinnen wäre ein Anruf von Caster Semenya bereits ein unvergesslicher Moment. Für Hauke wurde er zum Wendepunkt ihrer Laufbahn. „Zu so einer Frau würde ich nie Nein sagen“, erzählt sie und lacht.
Dabei reicht ihre Bewunderung weit zurück. Nicht erst seit den gemeinsamen Trainingseinheiten in Südafrika. „Sie war für mich schon seit vielen Jahren ein Vorbild. Ich habe noch Zeitungsausschnitte von ihr aus dem Jahr 2009 zu Hause.“ Damals lebte Hauke noch in Neuseeland. Semenya gewann in Berlin ihren ersten Weltmeistertitel über 800 Meter und wurde über Nacht zu einem globalen Phänomen.
Die sportliche Leistung geriet allerdings schnell in den Hintergrund. Stattdessen begann eine Debatte, die bis heute nachhallt. Kaum eine Athletin wurde in ihrer Karriere derart öffentlich diskutiert wie Semenya. Fragen nach biologischem Geschlecht, Testosteronwerten und Fairness dominierten über Jahre die Schlagzeilen.
Der Leichtathletik-Weltverband führte schließlich Regelungen ein, die Athletinnen mit bestimmten Varianten der Geschlechtsentwicklung verpflichten sollten, ihren natürlichen Testosteronspiegel medikamentös zu senken, wenn sie auf bestimmten Mittelstrecken starten wollten.
Semenya: Vorbild, Weltstar, Reizfigur
Semenya lehnte das ab und kämpfte sich durch sämtliche juristischen Instanzen. Für die einen wurde sie zum Symbol gegen Diskriminierung, für die anderen blieb sie Sinnbild einer ungelösten Fairnessfrage.
Hauke bewertet all das nicht. Sie spricht lieber über den Menschen hinter der öffentlichen Figur: „Als ich das erste Mal im Berliner Olympiastadion laufen durfte, habe ich gedacht: Wow, Caster hat hier ihre erste Weltmeisterschaft gewonnen.“
Als sie ihr Idol schließlich persönlich traf, war sie überwältigt: „Ich habe mich total blöd angestellt. Sie hat mich nur ausgelacht. Aber das ist eine schöne Erinnerung. Irgendetwas ist bei ihr anscheinend auch hängen geblieben. Ich durfte sie dann in Südafrika besuchen und so sind wir einfach in Kontakt geblieben.“ Aus einer Mentorin wurde schließlich eine Trainerin.
Dass Semenya bei den Deutschen Meisterschaften nicht in Wattenscheid dabei ist, nimmt Hauke mit Humor: „Leider nicht. Dafür muss ich vielleicht noch ein bisschen schneller laufen, dann überlegt sie es sich vielleicht das nächste Mal.“ Doch auch so habe sie enorme Fortschritte gemacht und kürzlich ihren persönlichen Rekord auf 2:01,66 Minuten verbessert.
Aus Kontroversen wächst Vertrauen
„Ich bin mental stärker als je zuvor. Ich weiß, dass ich jetzt richtig gute Leute um mich herum habe. Ich habe ein super Umfeld und bin super dankbar für alle, die mein Team jetzt ausmachen“, sagt Hauke: „Dafür bin ich unglaublich dankbar. Ich habe mir alles so aufgebaut, dass ich für jeden Moment dankbar sein kann.“
Die größte Pointe dieser ungewöhnlichen Geschichte hätte man sich nicht besser ausmalen können. Ausgerechnet eine Frau, deren eigene Karriere über Jahre von Misstrauen, Vorurteilen und weltweiten Kontroversen begleitet wurde, vermittelt ihrer Athletin heute vor allem eines: Vertrauen.
Ob Caster Semenya aus Jennifer Hauke im fortgeschrittenen Athletinnenalter noch eine internationale Spitzenläuferin machen wird, kann heute niemand beantworten. Dass sie ihr die Freude am Leistungssport zurückgegeben hat, dagegen schon: „Ich hätte nie gedacht, dass ich überhaupt so eine Möglichkeit bekommen würde oder überhaupt noch im Rennen bin. Deshalb nehme ich jeden Tag als Geschenk.“