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Leichtathletik-EM: Der Medaillen-Coup, der plötzlich in den Hintergrund rückte

Der Coup, der beinahe unterging

Olivia Gürth gelingt bei der Leichtathletik-EM in Birmingham der größte Erfolg ihrer bisherigen Karriere. Das emotionale Interview von Kollegin Lea Meyer überschattet diesen Coup, mit dem so nicht zu rechnen war.
Leo Neugebauer und Gesa Krause bescheren Deutschland einen goldenen EM-Tag - aber auch der Sturz von Lea Meyer sorgt für Gesprächsstoff.
Alina Heidenreich
Olivia Gürth gelingt bei der Leichtathletik-EM in Birmingham der größte Erfolg ihrer bisherigen Karriere. Das emotionale Interview von Kollegin Lea Meyer überschattet diesen Coup, mit dem so nicht zu rechnen war.

9:15,33 Minuten. Eine Zeit, die sich bei Olivia Gürth ganz fest in die Erinnerung einbrennen wird. Die 24-Jährige lief über 3000 Meter Hindernis Saisonbestzeit und holte die erste EM-Medaille ihrer Karriere. Dass es ausgerechnet zum Saisonhöhepunkt so weit nach vorne gehen kann, war nach den vergangenen Monaten so nicht zu erwarten.

Gürth erwischte im Finale einen starken Tag. Von Beginn an war sie Teil der zunächst achtköpfigen Spitzengruppe, ließ sich nicht abschütteln und blieb über das gesamte Rennen hinweg in Schlagdistanz.

Kollegin Lea Meyer, die von Beginn an auf Medaillenkurs lag, stürzte im Wassergraben und verlor den Anschluss zur Spitzengruppe. Gürth nutzte diese Chance, setzte souverän zum Schlussspurt an und konnte so die Bronze-Medaille absichern. Gold ging an Vereinskollegin Gesa Krause (9:12,69), Silber an die Französin Alice Finot.

Meyer, die das Feld lange anführte, wurde nach ihrem Sturz bittere Vierte. Mit ihrem ungewöhnlichen Auftritt im Interview nach dem Rennen stahl sie ihren Konkurrentinnen aber die Show und lenkte die Aufmerksamkeit auf sich. Dabei war Gürth gerade erst der größte Erfolg ihrer jungen Karriere gelungen.

Zwangspause nach verpatztem Saisonstart

Mit einer solch starken Leistung zum Saison-Höhepunkt war nicht zu rechnen gewesen. Ihr Weg zur EM nach Birmingham war schließlich alles andere als geradlinig verlaufen.

Schon der Saisonstart verlief enttäuschend: In drei Hindernis-Rennen blieb Gürth hinter ihren eigenen Erwartungen zurück und verpasste die geforderte EM-Norm.

Trainer Wolfgang Heinig zog daraufhin die nötigen Konsequenzen: keine Wettkämpfe, stattdessen war Höhentraining in St. Moritz angesagt.

Mit dabei war Hündin Amy. Ein kleiner Lichtblick in einer Phase, in der sportlich vieles nicht nach Plan lief. Auf Instagram schrieb sie damals: „Wenn die Dinge nicht wie geplant laufen, habe ich dich (ihre Hündin, Anm. d. Red.) immer noch an meiner Seite.“

„Es war ein herausfordernder Start ins Jahr“, erzählt die 24-Jährige. Ihre Hündin war dabei ein wichtiger Anker, der ihr während dieser schweren Zeiten Halt gab.

Der Knoten platzt

Die Entscheidung für eine Wettkampfpause sollte sich auszahlen. Nach dem Trainingsblock in St. Moritz platzte schließlich der Knoten. Mit ihrem Lauf in 9:21,73 Minuten konnte Gürth im Juli die EM-Norm erfüllen. Bei den deutschen Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid überzeugte sie ebenfalls und lief zum Vizemeister-Titel. Nur Klubkollegin Gesa Krause war wieder einmal schneller.

Mit 9:15,33 Minuten verbesserte Gürth ihre Saisonbestzeit noch einmal deutlich und belohnte sich für eine bis dahin schwierige Saison mit ihrer ersten EM-Medaille. „Für mich persönlich ist diese Bronzemedaille fast wie eine Goldmedaille. Es bedeutet mir unheimlich viel. Ich habe Gesas Rennen 2018 von der Tribüne aus verfolgt und sie ins Ziel laufen sehen. Jetzt zusammen im gleichen Rennen eine Medaille gewinnen zu können, ist quasi die Krönung des Wegs“, sagt die 24-Jährige nach ihrem Rennen.

Von der U23-EM zu den Olympischen Spielen

Die große Leichtathletik-Bühne kennt Gürth bereits. Bei der U23-Europameisterschaft konnte sie sich den Titel sichern, bei der WM erreichte sie das Finale und steigerte ihre Bestzeit auf 9:20,08 Minuten. Mit dieser Vorleistung löste sie das Ticket für die Olympischen Spiele 2024 in Paris.

Dort lief sie erneut Bestzeit (9:16,47), musste sich im Rennen um die Finalplätze letztlich aber geschlagen geben.

Vor ihrem EM-Start hatte Gürth im Gespräch mit dem Trierischen Volksfreund noch bescheiden gesagt: „Ich werde versuchen mitzurollen und dann mal gucken, was in der letzten Runde noch geht.“

Dass in der letzten Runde dann noch einiges möglich war, hat sie im EM-Finale erfolgreich unter Beweis gestellt. Und vielleicht ist das die schönste Geschichte hinter dieser Bronzemedaille. Dass sie trotz der Schwierigkeiten zum Saisonstart immer auf sich selbst vertraut hat und allen gezeigt hat, was in ihr steckt.