Sportmix>

Saatci: "Da habe ich die Jungs gefragt, ob ich sie enttäusche"

Saatci offenbart den größten Tiefpunkt

Anfang Mai sorgt Arda Saatci mit einer unglaublichen Lauf-Challenge für Aufsehen. Im SPORT1-Podcast Deep Dive gewährt der Extremsportler auch Einblicke in die schwierigsten Phasen seines Ultra-Runs.
Extremsportler Arda Saatci spricht im SPORT1-Podcast "Deep Dive" über Zweifel während seines 600-Kilometer-Laufes. Diese kamen früher auf, als man erwarten würde.
Anfang Mai sorgt Arda Saatci mit einer unglaublichen Lauf-Challenge für Aufsehen. Im SPORT1-Podcast Deep Dive gewährt der Extremsportler auch Einblicke in die schwierigsten Phasen seines Ultra-Runs.

Arda Saatci sorgte Anfang Mai für großes Aufsehen. Der deutsche Extremsportler hatte sich vorgenommen, das Death Valley zu durchqueren und zu Fuß innerhalb von 96 Stunden mehr als 600 Kilometer bis nach Los Angeles zurückzulegen.

Im Ziel kam er tatsächlich an – allerdings später als geplant: Nach 123 Stunden, 21 Minuten und 10 Sekunden beendete er seine Challenge. Ein Grund dafür waren teils massive körperliche Probleme, mit denen der 28-Jährige unterwegs zu kämpfen hatte, darunter sogar Halluzinationen.

Für ihn alles andere als eine angenehme Situation – im Gegenteil. „Das war der größte Tiefpunkt. Ich habe einen Hitzeschlag bekommen, meine Kerntemperatur war viel zu hoch. Das haben wir dann mit dem Arzt gemessen. Ich weiß gar nicht mehr genau. Auf jeden Fall war meine Kerntemperatur viel zu hoch. Wir mussten uns auf jeden Fall erstmal abkühlen. Die Halluzinationen haben so reingekickt“, erinnerte sich Saatci im SPORT1-Podcast Deep Dive an diese extreme Phase. In diesem Zustand spielte seine Wahrnehmung verrückt.

Straßenmarkierungen erschienen ihm plötzlich in anderen Farben, statt weiß sah er diese gelb. Zudem hatte Saatci das Gefühl, dass sich Büsche in der Wüste „schlangenmäßig bewegt“ hätten, wie er beschrieb: „Das war schon sehr verrückt.“ Während dieser körperlichen Schwäche verlor er zunehmend die Kontrolle, begann zu schwanken und zu torkeln. Gleichzeitig wuchs die Sorge, sein Team könnte die Mission abbrechen: „Da hatte ich aber Angst, dass die Jungs sagen: Hier ist over. Da habe ich die Jungs gefragt, ob ich sie gerade enttäusche.“

Saatci: „Für mich war das nicht einfach“

„Für mich war das nicht einfach. Ich wollte das nicht. Für mich war in diesem Modus: Ey, wir müssen weiterlaufen. Lass mich weiterlaufen. Egal wie – lass mich einfach einen Schritt vor den anderen setzen. Auch wenn ich langsam bin. Interessiert mich nicht“, schilderte Saatci.

Nach der Behandlung durch den Sportmediziner Alex Soto aus dem Red Bull Athlete Performance Center legte er zunächst eine längere Pause ein und schlief etwa 90 Minuten. In der Folge kämpfte er sich zurück, fand nach einigen Kilometern im Gehen wieder seinen Rhythmus und konnte die Tortur fortsetzen.

Doch auch abseits seiner akuten Krise wurde ihm früh bewusst, wie extrem diese Challenge werden würde. Zweifel begleiteten den „Cyborg“ bereits in der Vorbereitung – und verstärkten sich gleich zu Beginn seines Laufs. Direkt am ersten Anstieg kamen ihm erste Gedanken auf: „Das war direkt der erste Berg. Da habe ich schon gedacht: Boah, das wird ein langer Arbeitstag. Das wird ein langer Arbeitstag“, meinte Saatci mit einem Grinsen, als er auf seine ersten Kilometer in den USA zurückblickte.

Die Belastung wird zur echten Zerreißprobe

Spätestens mit der ersten Nacht wurde die Belastung dann zur echten Zerreißprobe. Die Müdigkeit setzte ein, die Strecke zog sich und die Dimension wurde ihm immer deutlicher bewusst. „Es ging ja dann komplett durch die Nacht. Boah, das war schon sehr zäh“, erinnerte sich der Extremsportler.

„Da dachte ich mir: Alter, ich bin gerade erst bei knapp 100 Kilometern. Und dann habe ich mich gefragt: Wie soll ich das auf 500 hochrechnen? Meine Beine wurden schwer, es ging die ganze Zeit bergauf. Ich hatte gefühlt noch 30 oder 40 Kilometer Anstieg vor mir – fast ein kompletter Marathon. Das wird zäh.“

Zusätzlich machten ihm Verhältnisse zu schaffen, die er im Vorfeld so nicht erwartet hatte. „Was ich sehr krass fand und gar nicht so auf dem Schirm hatte, war diese Wüstenluft. Meine Nase und die Schleimhäute waren komplett dicht. Alles war verklebt, meine Nase total angeschwollen“, betonte Saatci. Das Gefühl sei wie bei einem starken Schnupfen gewesen. „Immer wenn ich geschnäuzt habe, kam Blut raus, dazu Staub und Sand“, berichtete der Extremsportler über die Auswirkungen der trockenen Wüste.

Saatci sorgt nicht zum ersten Mal für Aufsehen

Am Ende zahlte sich sein unermüdlicher Kampf gegen die harten Bedingungen aus. Nach den ursprünglich angepeilten 96 Stunden hatte Saatci 458 Kilometer absolviert – doch der Extremsportler dachte nicht ans Aufhören. Stattdessen setzte er seinen Lauf konsequent fort, Schritt für Schritt, bis er schließlich doch noch die komplette Strecke bewältigte. Auch wenn er sein ehrgeiziges Zeitziel deutlich verpasste, überwogen am Ende die Erleichterung und der Stolz. Sowohl bei ihm selbst als auch bei seinem Team.

Seine außergewöhnliche Challenge wurde live begleitet. Millionen Zuschauer verfolgten die Aktion auf verschiedenen Plattformen – bis im Ziel eine ganz besondere Person auf ihn wartete: seine Mutter. Saatci hatte ihr versprochen, am Muttertag gemeinsam ein Eis essen zu gehen. Ein Versprechen, das er trotz aller Strapazen einhielt. Im Livestream war zu sehen, wie die beiden diesen Moment gemeinsam genossen. Schon in den vergangenen Jahren hatte der Berliner mit ähnlichen Projekten für Aufmerksamkeit gesorgt.

Vor zwei Jahren lief Saatci innerhalb von 74 Tagen mehr als 3.000 Kilometer von Berlin bis nach New York – lediglich unterbrochen durch einen Flug von Porto nach Boston und einen Ermüdungsbruch. Im vergangenen Jahr durchquerte er Japan über die gesamte Länge hinweg und legte dabei 3.028 Kilometer in nur 43 Tagen zurück. Seine spektakulären Läufe und die dazugehörigen Videos werden seit Jahren hunderttausendfach geklickt.