Mercedes-Teamchef Toto Wolff begrüßte ihn per Boxenfunk im „recht exklusiven“ Club der Mercedes-Sieger. Der Streckensprecher schickte ihn versehentlich mit dem Namen „Kimi Räikkönen“ auf die oberste Stufe des Podiums. Und im ersten Interview als Sieger übermannten Andrea Kimi Antonelli die Freudentränen. Es war ein Rennsonntag beim Großen Preis von China in Shanghai, den der Italiener nie vergessen wird.
Formel 1: Der neue Hoffnungsträger einer ganzen Generation
Der Teenager, der Mercedes retten soll
Mit gerade einmal 19 Jahren hat der junge Mann aus Bologna das geschafft, wovon andere Fahrer ein ganzes Leben lang träumen. Pole-Position, Grand-Prix-Sieg, Rekorde. Und plötzlich gilt der Mercedes-Youngster als neuer Formel-1-Hoffnungsträger einer ganzen Generation.
Beim Grand Prix von China liefert der Italiener ein perfektes Wochenende ab. Erst sichert er sich seine erste Pole-Position, dann kontrolliert er das Rennen souverän von der Spitze. Am Ende steht ein weiterer Eintrag in die Geschichtsbücher der Königsklasse. Antonelli wird zum zweitjüngsten GP-Sieger der Formel-1-Historie, nur Max Verstappen war bei seinem ersten Triumph noch jünger.
Für Italien ist es gleichzeitig ein historischer Moment: Seit Giancarlo Fisichella 2006 in Malaysia hat kein Landsmann mehr ein Formel-1-Rennen gewonnen.
Formel 1: Mercedes‘ Plan mit Antonelli geht auf
Dass Antonelli einmal ganz vorne fahren würde, davon war man bei Mercedes schon sehr früh überzeugt. Die Talentscouts des Teams entdeckten ihn, als er gerade einmal elf Jahre alt war. Seitdem hat der Rennstall Millionen in seine Ausbildung investiert; Simulator-Training, Nachwuchsserien, zehntausende Testkilometer inklusive.
Es war eine kalkulierte Wette mit klarem Plan: Mercedes wollte mit Antonelli eine neue Sieger-Generation erschaffen. Den nächsten Max Verstappen nicht Red Bull überlassen. Und einen Ersatz für Lewis Hamilton ausbilden, dessen Zeit im Silberpfeil immer endlicher erschien.
In die Fußstapfen des erfolgreichsten Fahrers der Geschichte treten; eine riesige Aufgabe für einen Fahrer, der zu Beginn seiner Formel-1-Karriere noch nicht einmal einen Führerschein hatte. Und der im Fahrerlager der Formel 1, dem größten Verdrängungswettbewerb mit vier Rädern, erstaunlich erfrischend wirkt.
Manchmal sieht Antonelli dabei aus wie ein Schüler, der sich zwischen die großen Stars der Formel 1 verirrt hat. So spielte er vergangenes Jahr beim Heimspiel in Imola mit seinen Klassenkameraden im Fahrerlager Fußball, als wäre er nur einer von vielen Abiturienten auf dem Pausenhof.
Antonelli: Kombination aus Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und roher Geschwindigkeit
Allein im Cockpit zeigt er schon früh eine beeindruckende Mischung aus Speed und Präzision. Bei seinem Debütrennen fährt er im Regen direkt auf Platz vier. Spätestens da wird klar: Dieses Talent ist kein Zufall.
„Der Nachwuchs von heute ist besser ausgebildet, es geht schon mit sechs Jahren los“, sagt Mercedes-Teamchef Toto Wolff. „Sie arbeiten mit Ingenieuren zusammen, lernen früh, dass im Motorsport viel intellektueller Aufwand dazugehört. Kognitiv sind sie allein durch die Online-Simulationen schon weit. Rookies wie Kimi bewegen sich auf einer ganz neuen Ebene.“
Genau diese Kombination aus Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und roher Geschwindigkeit macht Antonelli für Mercedes so wertvoll.
Doch der Weg in der Formel 1 verläuft selten gerade. Antonelli musste früh lernen, wie brutal die Formel-1-Welt sein kann. Bei seinem ersten Freitagstest im Mercedes vor heimischem Publikum in Monza verliert er in der Parabolica die Kontrolle über den Silberpfeil und schlägt mit über 50 g in die Reifenstapel ein.
Der junge Italiener ist danach tief getroffen. „Ich musste zum Check ins Krankenhaus, und als ich dort im Bett lag, habe ich nur geweint“, erinnert er sich später. Nicht wegen des Unfalls, sondern weil er glaubte, seine Familie enttäuscht zu haben.
„Wunderkind“ Antonelli möchte seine eigene Geschichte schreiben
Seit seinem Debüt begleitet Antonelli ein großes Etikett, auf dem in großen Lettern „Wunderkind“ steht. So wie einst bei jenen beiden Piloten, die ihn auch nach dem Sieg in China in den höchsten Tönen lobten: Max Verstappen und Lewis Hamilton. Letzterer hinterließ in seinem ehemaligen Fahrerraum eine Botschaft für seinen Nachfolger. Tenor: „Sei gut zum Team, dann ist es auch gut zu dir.“
Die ganz Großen der Szene erkennen schnell, wenn ein potenzieller Thronfolger anklopft. Vor allem einer, der auch noch mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein ausgestattet ist. „Ich möchte nicht arrogant klingen, aber ich würde gerne meine eigene Geschichte schreiben“, lässt Antonelli angesprochen auf das große Erbe wissen.
Für Toto Wolff ist Antonelli derweil weit mehr als nur ein Talent. „Kimi ist unsere langfristige Zukunft“, gibt der Österreicher unumwunden zu. Der Erfolg von China bestätigt den Wiener in seiner Strategie, Antonelli bereits als 18-Jährigen in die Formel 1 zu hieven.
Wolff: „Viele haben gesagt, das alles zu früh komme“
„Im vergangenen Jahr haben viele gesagt, dass das alles zu früh komme“, räumt er ein. „Natürlich haben auch wir uns immer wieder gefragt, ob wir ihn vielleicht zu früh in diesen Druckkessel geworfen haben. Aber genau das war die Marschroute: ein Jahr lang mit Höhen und Tiefen umgehen lernen. Und jetzt fährt er im zweiten Grand Prix das Rennen gnadenlos nach Hause.“
Seinen Vornamen verdankt er übrigens nicht etwa seinem Namensvetter Kimi Räikkönen, sondern einem Freund der Familie. Als er den finnischen Weltmeister später tatsächlich traf, war er völlig nervös. „Ich bin zu ihm gegangen, war total aufgeregt – und er hat einfach gar nichts gesagt“, erzählt Antonelli lachend. „Da habe ich verstanden, warum man ihn ‚Iceman‘ nennt.“
Vielleicht passt der Spitzname irgendwann auch zu ihm selbst. Denn eines hat der junge Italiener schon jetzt bewiesen: Wenn der Druck am größten ist, bleibt er erstaunlich cool.