Kaum jemand hat die Formel 1 so lange und so nah begleitet wie Roger Benoit, kaum jemand kennt das Geschehen hinter den Kulissen besser. Seit 1967 schreibt der Schweizer für den Blick, seit 1970 reist er als Reporter der Königsklasse des Motorsports hinterher. Nach eigenen Angaben ist er mehr als 100 Mal um die Welt geflogen und hat mittlerweile 826 Grands Prix vor Ort erlebt.
"Ich war einer seiner größten Kritiker"
„War einer seiner größten Kritiker“
Zahlreiche Persönlichkeiten zollen ihm schon Respekt: Jackie Stewart nannte ihn „einen der ganz Großen der Formel 1“, Sebastian Vettel sagte einmal, die Schweizer Fans hätten ihm viel zu verdanken. Anlässlich seiner kürzlich erschienenen Biografie „Formel Wahnsinn“ hat SPORT1 mit dem 77‑Jährigen gesprochen. Benoit blickt dabei auf die Ikonen der Rennserie zurück, erzählt von großen Momenten, heiteren Begegnungen und mitunter auch dunklen Kapiteln.
SPORT1: Herr Benoit, Sie kennen die Königsklasse wie kaum ein Zweiter. Hand aufs Herz: wie gefallen Ihnen die bisherige Saison und das neue Regelwerk?
Roger Benoit: Für mich ist das bislang eine Katastrophe. Die Formel 1 hat schon wieder die Regeln geändert. Es gibt ein altes Sprichwort: Je einfacher die Regeln, desto besser der Sport. Das gilt im Fußball genauso wie in der Formel 1. Wer ständig am Regelwerk bastelt, bekommt irgendwann Probleme. Dieses ganze Motoren- und Energiemanagement sehe ich äußerst kritisch. Max Verstappen hatte mit seiner Kritik von Anfang an Recht. Allein die Tatsache, wie viel immer noch darüber diskutiert wird, zeigt doch, dass fundamental etwas nicht stimmt.
Das stört Benoit an der aktuellen Formel 1
SPORT1: Was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem? Dass man von außen teilweise gar nicht mehr erkennt, ob ein Fahrer wegen leerer Batterie überholt wird oder es tatsächlich ein gutes Manöver war?
Benoit: Unter anderem, ja. Es gibt kaum noch echte Überholmanöver. Was wir sehen, ist oft ein Vorbeifahren nach Vorschrift, vom Reglement diktiert. Das mag einigen gefallen, aber klassische Manöver auf der Bremse, wie früher, gibt es nicht mehr. Helmut Marko hat es schon vor der Saison auf den Punkt gebracht: Die Software-Spezialisten sind wichtiger als die Fahrer. Selbst Kollegen aus der Branche sagen, es sei für Fans – und selbst für Insider – zu kompliziert geworden. Und dann funktioniert das Ganze nicht einmal richtig. In China konnten vier Autos wegen technischer Probleme gar nicht erst starten. Das ist eine Bankrotterklärung. Wer darin einen Fortschritt sieht, ist in der falschen Sportart unterwegs.
SPORT1: Was müsste passieren, damit sich die Formel 1 wieder zum Besseren verändert?
Benoit: Ich glaube, der Zug ist längst abgefahren.
SPORT1: Der heutige Sport hat ohnehin nicht mehr viel mit der Welt zu tun, die Sie seit Ihren Anfängen 1970 erlebt haben. Ihre Biografie heißt nicht umsonst „Formel Wahnsinn“.
Benoit: Absolut. Das war früher ein anderes Universum, nicht nur sportlich. Damals war vieles nahbarer. Ich habe Interviews mit Michael Schumacher, Ayrton Senna oder Nelson Piquet praktisch überall geführt. Das war normal. Es gibt ein Bild von mir aus Portugal: Ich habe Piquet an einer Tankstelle gefragt, ob wir kurz sprechen können. Er sagte nur: „Ja, komm.“ Dann haben wir uns vor die Zapfsäulen auf den Boden gesetzt und dort das Interview geführt. So etwas wäre heute unvorstellbar.
SPORT1: Eine völlig andere Zeit …
Benoit: Anfang September 1970 habe ich mit Jochen Rindt auf der Boxenmauer gesessen und eine Zigarre geraucht. Das hat wirklich niemanden interessiert. Andererseits war diese Zeit auch geprägt von einer fatalen Lässigkeit gegenüber der Sicherheit. Es gab Jahre, da starben zwei oder drei Fahrer und man fragte sich nur zwei Sachen: Wie wirst du Weltmeister, wie überlebst du? Irgendwann stumpft man ab. Ich erinnere mich noch genau: Während ich mit Rindt rauchte, kam Jackie Stewart vorbei und sagte zu ihm: „Hör auf mit dem Scheiß, sonst lebst du nicht mehr lange.“ Drei Stunden später war Rindt tot. Sein Wagen zerschellte an einer Leitplanke.
Formel 1: „Viele Superstars heben irgendwann ein wenig ab“
SPORT1: Gab es einen Verlust im Fahrerlager, der Sie besonders hart getroffen hat?
Benoit: Ja. Das war Jo Siffert 1971 in Brands Hatch. Ich war der Letzte, der noch mit ihm gesprochen und das letzte Foto von ihm gemacht hat. Ich kannte ihn zwar erst seit rund 20 Monaten, aber wir hatten bereits eine enge Verbindung. Er hatte mir sogar einen Porsche 914 verkauft. Er war gerade dabei, ein sehr guter Freund zu werden.
SPORT1: Wenn Sie all die Charaktere Ihrer gesamten Zeit Revue passieren lassen – worin unterscheiden sie sich und wer ist Ihnen am intensivsten in Erinnerung geblieben? Am Ende doch die ganz großen Namen wie Niki Lauda, Senna oder Schumacher?
Benoit: Einer der sympathischsten Fahrer war sicher Mario Andretti. Er ist trotz seines Erfolgs immer auf dem Boden geblieben. Viele andere Superstars heben irgendwann ein wenig ab, wobei man ihnen das kaum verübeln kann. Aber die entscheidende Frage lautet ja ohnehin: Wer ist der Größte? Ich würde es so lösen: Nehmen Sie einen Würfel. Schreiben Sie die Zahlen eins bis sechs auf und ordnen Sie ihnen sechs Namen zu – Juan Manuel Fangio, Alain Prost, Senna, Schumacher, Lewis Hamilton und Max Verstappen. Dann würfeln Sie und wissen Bescheid. Anders lässt sich das kaum beantworten.
SPORT1: Gerade in Deutschland würden viele dennoch sagen: Der Größte ist Schumacher. Sie haben ihn von Anfang an begleitet. Wann war Ihnen klar, dass er kein normaler Fahrer ist, sondern einer aus dieser Kategorie?
Benoit: Sehr früh. Michael war ein unglaublicher Arbeiter. Er hat sein Talent mit Disziplin und Ehrgeiz noch größer gemacht. Damals gab es durchaus Leute, die meinten, sein Bruder Ralf habe mehr Talent. Aber Ralf war eben nicht dieser Arbeiter. Michael hat für den Erfolg gelebt, für die Formel 1. Alles war darauf ausgerichtet. Umso tragischer ist sein heutiges Schicksal. Er hat in seiner Karriere so viele schwere Unfälle überstanden, darunter den Horrorcrash von Silverstone 1999 mit dem Beinbruch. Und dann kommt dieser fürchterliche Skiunfall auf einem Felsen.
Benoit war einer der größten Schumacher-Kritiker
SPORT1: Einige jüngere Fans haben Schumacher nur noch in der Endphase seiner Karriere erlebt, manche vielleicht gar nicht mehr aktiv. Was war er abseits der Mikrofone für ein Mensch?
Benoit: Eher still und zurückhaltend. Der Erfolg hat ihn natürlich in die Öffentlichkeit gedrängt, aber am wohlsten fühlte er sich im kleinen Kreis, bei seiner Familie. Das war seine eigentliche Welt – auch wenn er natürlich für den Rennsport alles gegeben hat. Für das Auto, für den Erfolg, da kannte er nichts anderes.
SPORT1: Gibt es eine persönliche Anekdote, die das besonders gut beschreibt?
Benoit: Einmal hat er zu mir gesagt, ich sei zu dick. Da habe ich geantwortet: „Warte bis zum nächsten Rennen in drei Wochen, dann wiege ich nur noch 80 Kilo.“ Beim nächsten Grand Prix bin ich auf die Ferrari-Waage gestiegen und es waren tatsächlich nur noch 79,8 Kilo. Michael hat gelacht und gemeint, dafür schulde er mir irgendwo auf der Welt ein Abendessen und ein Bier. Leider schuldet er mir das bis heute, aber solche Späße hat er gemocht. Nach den Rennen saß er oft im Motorhome von Bernie Ecclestone, trank ein Bier und rauchte eine Zigarre – zumindest dann, wenn er gewonnen hatte. In solchen Momenten wirkte er locker und gelöst. Wobei es zwischen uns nicht immer einfach war.
SPORT1: Warum nicht?
Benoit: Weil ich einer seiner größten Kritiker war. Der Begriff „Schummel-Schumi“ kam von mir – und wurde später berühmt. Er schlug ja in einigen Rennen über die Stränge, teils gab es sogar Disqualifikationen. Als er nach seiner Ferrari-Zeit noch einmal mit Mercedes zurückkam, hatten wir praktisch keinen Kontakt mehr. Dann, bei einem Rennen in Japan, lief er plötzlich an mir vorbei, beugte sich herunter, klopfte mir aufs Knie und sagte: „Lass uns noch einmal von vorn anfangen. Vergessen wir das alles.“ Seitdem haben wir wieder gesprochen. Das war einige Monate vor seinem endgültigen Rücktritt. Michael wusste wie andere große Fahrer auch – wie Hamilton oder Verstappen –, dass er nicht jedermanns Darling ist. Und ich bin eben jemand, der seine eigene Meinung hat.
„Deutschland hat einen außergewöhnlichen Fahrer verloren“
SPORT1: Wer war aus Ihrer Sicht nach Schumacher der beste deutsche Formel-1-Fahrer aller Zeiten?
Benoit: In dieser Kategorie: keiner. So klar muss man das sagen.
SPORT1: Und dahinter?
Benoit: Im Motorsport entscheidet nie nur das Talent. Man braucht auch das richtige Auto zur richtigen Zeit, man muss am richtigen Ort sein. Da hatte jemand wie Nico Hülkenberg viel Pech in seiner Karriere – er hätte das Zeug gehabt, ganz vorne mitzufahren. Sebastian Vettel dagegen hatte diese Voraussetzungen und große Erfolge gefeiert. Aber man darf eines nicht vergessen: Deutschland hat 1985 mit Stefan Bellof einen außergewöhnlichen Fahrer verloren. Ich habe ihn gut gekannt. Und ich behaupte bis heute: Wäre er nicht tödlich verunglückt, hätte es den Namen Michael Schumacher in dieser Größe vielleicht nie gegeben. Bellof war auf dem Weg nach ganz oben. Er wäre zu Schumachers Einstieg so weit gewesen, dass er selbst Größen wie Prost und Senna hätte kitzeln können.
SPORT1: Wie sehen Sie Vettel?
Benoit: Eigentlich ganz simpel. Die meisten Siege im Ferrari hat Schumacher, 72 waren es. Danach kommt lange nichts, dann Lauda mit 15 und direkt dahinter Vettel mit 14. Das sagt einiges. Wo stehen denn all die anderen heute? Charles Leclerc fährt seit Jahren für Ferrari und hat bislang acht Siege geholt. Sagen Sie mir Bescheid, wenn er bei 14 angelangt ist – da können Sie lange warten. Vettel war deutlich besser, als sein Ruf es manchmal vermuten lässt.
SPORT1: Mittlerweile gehen Deutschland die Formel-1-Fahrer aus. Glauben Sie, Mick Schumacher wäre heute noch in der Formel 1, wenn Michael den Skiunfall nicht gehabt hätte?
Benoit: Das wäre wahrscheinlich das einzige Argument. Michael hätte im Hintergrund an den richtigen Stellen Druck gemacht – etwas, das Micks Management und die Familie so nicht getan haben. Aber eines steht fest: Am Talent seines Sohnes hätte auch er nichts ändern können. Das Schumacher-Umfeld hat sich in der Formel 1 am Ende keinen Gefallen getan, weil irgendwann nur noch gejammert wurde. Williams-Teamchef James Vowles hat es einmal ziemlich treffend formuliert: Mick hat Talent, aber das haben viele. Was ihm fehle, sei das Außergewöhnliche. Und genau das brauche die Formel 1.
Mick Schumacher? „Er spielt in der Formel 1 keine Rolle mehr“
SPORT1: Dennoch taucht der Name Mick Schumacher immer wieder in den Gerüchten auf.
Benoit: Für mich ist dieses Thema abgeschlossen. Manche träumen noch immer von einem Comeback, aber das können sie vergessen. Er spielt in der Formel 1 keine Rolle mehr. Und trotzdem ist das nicht das Entscheidende. Mick hat vor zwei Jahren einen Satz gesagt, den man nicht vergessen sollte. Er war damals beim schrecklichen Skiunfall seines Vaters dabei. Und Mick erzählte: Er würde all das Geld der Welt geben, nur um noch einmal mit seinem Vater sprechen zu können. Ich glaube, in diesem Satz steckt die ganze Tragik dieser Geschichte.
SPORT1: Eine spezielle Verbindung hatten Sie zu Lauda. Sie waren 1976 am Nürburgring vor Ort, als sein Ferrari in Flammen aufging und er lebensgefährlich verletzt wurde.
Benoit: Niki war für mich weit mehr als nur ein Gesprächspartner im Fahrerlager. Wir standen uns sehr nahe. Nach dem Unfall durfte ich als einziger Journalist im Krankenhaus bleiben. Ich habe stundenlang auf den Fluren gewartet, immer in der Hoffnung, irgendeine Nachricht zu erhalten. Seine Frau Marlene wich ihm nicht von der Seite. Irgendwann kam ein Priester aus Laudas Zimmer. Dann erfuhren wir den Grund und unsere Schlagzeile war geboren: „Die letzte Ölung für Lauda.“ Sie ging um die Welt. Im Nachhinein glaube ich, dass genau dieser Moment etwas in ihm ausgelöst hat.
SPORT1: Was meinen Sie damit?
Benoit: Niki hat mir später gesagt, was in ihm vorging. Als der Priester seine Hand berührte, habe er plötzlich gedacht: „Nein, so endet das nicht.“ Das war der Punkt, an dem er beschloss, weiterzukämpfen.
Das reizt Benoit an der Formel 1
SPORT1: Sie haben inzwischen mehr als 825 Formel-1-Rennen vor Ort verfolgt. Was motiviert Sie heute noch?
Benoit: Der Einfluss und die Tatsache, dass Worte in diesem Sport noch immer Wirkung haben. Wenn man Ferrari kritisiert, wird man fast behandelt, als hätte man ein Verbrechen begangen. Genau das reizt mich weiterhin. Ich wollte nie jemand sein, der einfach mitschwimmt. Mir ging es immer darum, eine klare Haltung zu vertreten – auch wenn sie unbequem ist.
SPORT1: Gibt es dennoch einen Zeitpunkt, an dem Sie sagen würden: Jetzt reicht’s?
Benoit: Nein, das ist vollkommen offen.