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Olympia: "Vielleicht stärkste Mannschaft jemals": Kreis schwärmt vom deutschen Eishockey-Kader

Deutschland so gut wie nie?

Im Februar startet Deutschlands Eishockey-Nationalmannschaft in das vielleicht größte Olympia-Turnier der Geschichte. Vorab spricht Herren-Bundestrainer Harold Kreis im exklusiven SPORT1-Interview über den hochkarätigen Kader, Leon Draisaitl und die Kritik an der Spielstätte.
Durch die Teilnahme der NHL-Stars ist das olympische Eishockey-Turnier so gut gespickt wie noch nie. DEB-Trainer Harold Kreis spricht über das deutsche Team und den Stellenwert der Stars.
Im Februar startet Deutschlands Eishockey-Nationalmannschaft in das vielleicht größte Olympia-Turnier der Geschichte. Vorab spricht Herren-Bundestrainer Harold Kreis im exklusiven SPORT1-Interview über den hochkarätigen Kader, Leon Draisaitl und die Kritik an der Spielstätte.

In weniger als einem Monat (Auftakt gegen Dänemark am 12. Februar) startet Deutschlands Eishockey-Nationalmannschaft in Mailand in die Olympischen Spiele 2026 – und die Aufmerksamkeit ist so groß wie lange nicht mehr. Erstmals seit 2014 werden bei Olympia wieder alle NHL-Stars zur Verfügung stehen und Experten sprechen bereits von einem der größten Eishockey-Turniere jemals.

Auch das DEB-Team ist gespickt mit großen Namen, darunter Leon Draisaitl (Edmonton Oilers), Tim Stützle (Ottawa Senators) und Moritz Seider (Detroit Red Wings), was auch eine Medaille nicht völlig utopisch erscheinen lässt.

Im exklusiven SPORT1-Interview spricht Herren-Bundestrainer Harold Kreis über den vielleicht stärksten deutschen Kader aller Zeiten, das Ansehen von Leon Draisaitl und die Erwartungen an das Turnier. Zudem bezieht der 66-Jährige Stellung zur Kritik an der olympischen Eishalle und einem möglichen Boykott der NHL-Spieler.

SPORT1: Herr Kreis, in etwas weniger als einem Monat startet Deutschland in das olympische Eishockey-Turnier. Viele, darunter auch Spieler wie Moritz Seider oder Nico Sturm, haben gesagt, es tritt die beste deutsche Mannschaft aller Zeiten an. Stimmen Sie zu?

Harold Kreis: Wir haben eine sehr starke Mannschaft. Allein aufgrund der Tatsache, dass die NHL-Spieler dabei sind, dass wir Spieler aus der American Hockey League (zweithöchste Spielklasse Nordamerikas, Anm. d. Red.) dabeihaben, und natürlich aus unserer Sicht auch die stärksten Spieler für die Rollen, kann ich da nur zustimmen, dass wir vielleicht die stärkste Mannschaft jemals haben.

Olympia 2026: Das größte Eishockey-Turnier jemals?

SPORT1: Die Teilnahme der NHL-Spieler wertet das gesamte Turnier auf. Können Sie sich an ein Turnier in der Vergangenheit erinnern, das besser besetzt war?

Kreis: Ich kann mich nicht an Olympische Spiele erinnern, die so eine Konstellation an Spitzenspielern hatten, egal welches Land. Kanada, USA, Schweden, Finnland - ich bin die Aufstellungen durchgegangen, da sind schon fantastische Spieler dabei und auch einige, die einfach nicht mitkönnen, weil der Kader schon voll war.

SPORT1: Aus deutscher Sicht ist Leon Draisaitl das erste Mal seit 2019 wieder in der Nationalmannschaft dabei. Können sich Stars wie er oder Tim Stützle aussuchen, mit wem sie in einer Reihe spielen wollen?

Kreis: Aussuchen sicher nicht. Der Trainer hat die letzte Entscheidung, aber es ist nicht so, dass wir über die Köpfe der Spieler hinweg entscheiden. Wir schauen uns schon an: Wie könnte es zusammenpassen? Teilweise wird das dann auch mit den Spielern abgesprochen: ‚Ich stelle mir eine Sturmreihe vor, die sieht so und so aus.‘ Und die Spieler geben dann ihr ehrliches Feedback: ‚Ja, könnte funktionieren‘ oder ‚In einer ganz gewissen Spielsituation, wäre es nicht schlecht, wenn ich mit ihm spiele‘. Sie sind da sehr offen und wir gehen transparent damit um.

Draisaitl vergleichbar mit Ronaldo und Messi? Das sagt Kreis

SPORT1: Ex-Bundestrainer Uwe Krupp sagte kürzlich im kicker, dass viele in Deutschland gar nicht verstehen, was Leon Draisaitl in der NHL eigentlich Woche für Woche leistet. Er verglich ihn sogar mit Ronaldo und Messi. Sehen Sie das auch so?

Kreis: Das kann ich nicht beurteilen. Fußball ist hier natürlich in aller Munde. Das ist überall im Fernsehen zu sehen, das ist auch eine Sportart, die hier in Europa ausgetragen wird. Das ist bei der NHL anders. Wenn du es nicht im Fernsehen schaust, ist es nicht möglich, das zu sehen. Aber ich glaube, dass unter den Eishockeyanhängern alle eine sehr große Anerkennung bekommen - und insbesondere Leon.

SPORT1: Im deutschen Kader sind auch einige Spieler dabei, die aus einer Verletzung kommen und noch nicht zu 100 Prozent fit sind, zum Beispiel Kai Wissmann und Mathias Niederberger. Wieso haben Sie sich entschieden, dieses Risiko einzugehen?

Kreis: Wir haben früh einen Kader zusammenstellen müssen. Ein gewisses Risiko war vorhanden, das stimmt. Aber wir waren im engen Kontakt mit den Spielern und haben uns auch mit den Vereinen abgestimmt, wie es mit der Genesung aussieht. Somit sehen wir das Risiko als sehr gering.

Kritik an Eishalle: DEB-Bundestrainer bezieht Stellung

SPORT1: Wie schafft man es, in so kurzer Zeit eine funktionierende Mannschaft zu formen? Die NHL-Spieler werden ja erst wenige Tage vor Turnierstart in Mailand dazustoßen.

Kreis: Nach meinen Informationen sollen die NHL-Spieler am 8. Februar ankommen. Wir machen uns da nicht zu viele Gedanken. Wir schauen, dass das schon passt im Training, auch im Hinblick auf die Frage der Sturmreihen-Zusammenstellung. Aber die Spieler aus Nordamerika sind das gewohnt, dass die Sturmreihen während des Spiels wechseln, daher machen wir uns da nicht zu viele Gedanken drüber.

SPORT1: Ein großes Thema ist auch die neue Spielstätte in Mailand. Die Haupthalle wurde kürzlich eröffnet, es gab kleinere Probleme mit einem Loch im Eis, zudem gibt es Kritik an der Größe der Eisfläche. Drumherum ist auch noch nicht alles fertiggestellt. Wie ärgerlich ist das für dieses vielleicht größte Eishockeyturnier aller Zeiten?

Kreis: Die Situation um die Baumaßnahmen und die Hallen haben wir natürlich zur Kenntnis genommen, aber das hat uns nicht die Vorfreude an den Olympischen Spielen genommen. Ich war selbst bei den U20-B-Weltmeisterschaften in der kleinen Halle, wo wir zweimal spielen. Da hat alles funktioniert, Eismaschine, Eis, Plexiglas, die Banden - das war alles in Ordnung. Und die Eisfläche ist im Rahmen der zugelassenen Größe. Die große Halle hat Christian Künast (Vorstand Sport beim Deutschen Eishockey Bund, Anm. d. Red.) vor ein paar Tagen besucht. Kleinigkeiten wird es immer geben, aber sie haben noch ein bisschen Zeit, bis es losgeht und wir sind überzeugt davon, dass alles reibungslos ablaufen wird.

Kreis glaubt nicht an Boykott durch NHL-Stars

SPORT1: Der stellvertretende NHL-Commissioner Bill Daly hat vor einigen Wochen einen Boykott der NHL-Spieler in Erwägung gezogen, sollten die Bedingungen vor Ort nicht den Erwartungen entsprechen. Sind Sie diesbezüglich mit den deutschen NHL-Spielern im Austausch?

Kreis: Über dieses Thema sind wir nicht im Austausch. Ich will es gar nicht erwähnen, weil die Vorfreude bei denen auch riesengroß ist und dementsprechend wäre auch die Enttäuschung. Aber ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird.

SPORT1: Deutschland trifft in der Vorrunde auf Lettland, Dänemark und die USA. Wie schätzen Sie die Gruppe ein?

Kreis: Wenn man die Anzahl der NHL-Spieler anschaut, dann sind die USA sicher die stärkste Mannschaft in der Gruppe. Dänemark hat, glaube ich, auch sechs oder sieben NHL-Spieler sowie einige aus der American Hockey League. Die behaupten auch von sich, dass es vielleicht die stärkste dänische Mannschaft bisher ist. Und die Letten sind auch auf der Torhüterposition sehr gut besetzt, also ist es eine starke Gruppe. Es werden anspruchsvolle Spiele und wir müssen unsere Tugenden und unsere Stärken aufs Eis bringen.

Eishockey-Festspiele: Olympia 2026, Heim-WM 2027

SPORT1: Sie reden öffentlich nicht gern über konkrete Ziele. Haben Sie sich dennoch teamintern welche gesetzt für dieses Turnier?

Kreis: Intern haben wir natürlich ein Ziel vor Augen. Wir haben das noch nicht artikuliert, weil die Mannschaft noch nicht zusammen ist. Aber unser Anspruch ist es, uns das bestmögliche Ergebnis zu erarbeiten, zu kämpfen - und damit gehen wir in dieses Turnier.

SPORT1: Erst steht Olympia mit dieser stark besetzten Mannschaft an, nächstes Jahr die Heim-WM. Wie wichtig sind diese beiden Turniere für die weitere Entwicklung des Eishockeys in Deutschland?

Kreis: Jede große Maßnahme ist für uns, was die Spieler, was die Nominierung zur Nationalmannschaft angeht, immer sehr wichtig. Wir haben die Olympischen Spiele im Februar, wir haben die WM in der Schweiz im gleichen Jahr und auch Spieler, die jetzt enttäuscht sind, dass sie nicht bei Olympia dabei sind. Die wissen um die Chance, bei der WM in der Schweiz dabei zu sein. Und das in Deutschland ist dann auch ein großes Turnier. Da ist es immer sehr wichtig für die jungen Spieler, sich in den engen Kreis der Nationalmannschaft hineinzuarbeiten.