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Olympia: Ein deutscher Medaillengarant droht wegzubrechen

Bricht deutscher Medaillengarant weg?

Die Nordische Kombination steht vor einer ungewissen Zukunft. IOC-Kritik, gekürzte Quoten und der Ausschluss der Frauen setzen die Sportart massiv unter Druck. Für Deutschland wäre ein Olympia-Aus besonders schmerzhaft.
Die Nordischen Kombinierer bangen um den Verbleib ihrer Sportart im Olympia-Programm. Entsprechend besorgt zeigen sich Trainer Erik Frenzel sowie die DSV-Stars Vinzenz Geiger, Julian Schmid und Johannes Rydzek.
Die Nordische Kombination steht vor einer ungewissen Zukunft. IOC-Kritik, gekürzte Quoten und der Ausschluss der Frauen setzen die Sportart massiv unter Druck. Für Deutschland wäre ein Olympia-Aus besonders schmerzhaft.

Die Olympischen Spiele beginnen in wenigen Tagen. Für die Athleten einer Sportart steht dann viel mehr auf dem Spiel als nur der Kampf um Medaillen – denn die Nordischen Kombinierer bangen um die Zukunft ihrer Sportart - mit entsprechenden Konsequenzen für die Protagonisten.

„Sorgen mache ich mir auf jeden Fall und ich glaube, die sind auch berechtigt“, sagte Julian Schmid, aktuell Zweiter im Gesamtweltcup, bereits vor der Saison bei der DSV-Einkleidung im exklusiven SPORT1-Interview.

Geiger alarmiert: „Ohne Olympia-Status ist eine Sportart tot“

Der Sport steht genau auf dem Prüfstand: Im Laufe des Jahres möchte das Internationale Olympische Komitee (IOC) entscheiden, ob die Kombination auch 2030 olympisch bleibt.

Falls nicht, wäre dies für Deutschland besonders schmerzhaft, schließlich waren die DSV-Kombinierer mit insgesamt 27 Olympia-Medaillen, darunter zwölfmal Gold, neben Norwegen fast eine Art Medaillengarant.

Bei der Entscheidung geht es um mehr als nur die Olympia-Zukunft. „Ohne Olympia-Status ist eine Sportart tot“, prophezeit beispielsweise Gesamtweltcupsieger Vinzenz Geiger. Auch Ex-Athlet und Bundestrainer Eric Frenzel „hat Bedenken, wie es nach so einer Entscheidung weitergeht“, wie er auf SPORT1-Nachfrage zugab.

DSV-Sportdirektor Hüttel: „Wir müssen Argumente liefern“

„Wir müssen Argumente liefern. Wir müssen dem IOC zeigen, dass es ein Riesenfehler wäre, die Kombination aus dem Programm zu nehmen“, sagte DSV-Sportdirektor Horst Hüttel in einer Medienrunde und betonte im Hinblick auf eine olympische Zukunft der Sportart. „Entweder die Damen kommen rein - oder die Herren kommen raus.“

Die IOC-Verantwortlichen wollen genau hinsehen. Laut Hüttel stehen in Italien vor allem die Einzel-Wettbewerbe am 11. und 17. Februar im Fokus: „Da hat sich das IOC angekündigt, auch Präsidentin Kirsty Coventry will kommen, ebenso IOC-Mitglied Karl Stoss. Das sind die entscheidenden Personen. Ich hoffe sehr, dass sie sich ein eigenes Bild machen werden.“

Das IOC bemängelt an der Nordischen Kombination unter anderem fehlende Universalität: Zu wenige verschiedene Nationen seien in der Weltspitze vertreten. Zudem sei das Interesse der Zuschauer an den Strecken und den Bildschirmen zu gering.

Nordische Kombination reagiert auf IOC-Forderungen

Letzterem versucht die Sportart durch die Einführung neuer Wettkampfformate entgegenzuwirken, um für mehr Abwechslung, Spannung, und damit auch Aufmerksamkeit zu sorgen. Schmid verweist im SPORT1-Gespräch als Beispiel auf die verschiedenen Formate im Biathlon.

In der Kombination habe man daher Ende 2023 „mit dem Compact-Format (einem Einzelrennen mit unabhängig von der Sprungweite festgelegten Zeitabstand, der maximal 1:30 Minuten beträgt, Anm. d. Red.) etwas geschaffen, wo die Abstände wesentlich geringer sind und mehr Rennen auf der Zielgeraden entschieden werden“, ergänzte Schmid.

Geiger kann das Argument der „fehlenden Spannung“ ohnehin nicht nachvollziehen: „Es gibt keinen anderen Sport, der da (bei der Spannung, Anm. d. Red.) mithalten kann. Dadurch, dass wir zwei so unterschiedliche Sportarten haben, ist es so, dass wir auf der Loipe richtig starke Läufer gegen eher schwächere Läufer haben. Das macht den Reiz aus.“

Kombi-Zukunft: Auch DSV-Stars Rydzek und Schmid äußern sich

Das Argument der fehlenden Universalität nimmt das deutsche Team sogar selbst in die Hand und unterstützt kleinere Nationen. „Wir haben die Tschechen dabei auf den Lehrgängen, betreuen bei uns in der Nationalmannschaft auch einen Schweizer das ganze Jahr über, und haben in Oberstdorf am Stützpunkt noch einen Niederländer, der von uns gefördert wird“, erzählte Schmid.

Rydzek kann das Argument des IOC, dass der Sport sich zu sehr auf Europa konzentriere, dennoch nachvollziehen: „Die Athleten kommen aus Europa, die Wettkämpfe finden in Europa statt und nur vereinzelt kommen Asien und Amerika vor.“ Das zu ändern, erfordere nach Meinung des Athletensprechers allerdings „längere Prozesse, die man anschieben, aber sicher nicht bis Februar“ lösen könne.

Um bei den so wichtigen Spielen 2026 trotzdem bereits eine höhere Nationenvielfalt zu erreichen, hat das IOC Maßnahmen ergriffen. So dürfen nur noch 36 statt zuvor 55 Athleten antreten, was laut Schmid „speziell für die großen Nationen nicht so schön“ sei.

Olympia-Aus für Thannheimer – trotz Podium im Weltcup

Der DSV hat daher nur noch drei Quotenplätze zur Verfügung, die an Geiger, Schmid und Rydzek gingen. Wendelin Thannheimer, der in der laufenden Saison ebenfalls schon auf dem Podium stand, muss zu Hause bleiben. „Das ist extrem hart“, sprach Geiger seinem Kollegen sein Mitgefühl aus.

Die Entscheidung, die Quoten zu kürzen, spreche zudem nicht unbedingt für den Leistungsgedanken, aber „wenn man sich die Entwicklung des IOC und der Olympischen Spielen anschaut, kommt man eh woanders hin“, fügte der Olympiasieger von 2022 kritisch hinzu.

Rydzek zeigte sich ebenfalls skeptisch. „Es ist in vielen Bereichen ein bisschen widersprüchlich. Zum einen werden die Spiele viel größer vermarktet und eventisiert, auf der anderen Seite wird an den Protagonisten, die die Sportler ja sind, eingespart. Ob das der richtige Weg ist, würde ich bezweifeln“, sagte er auf Nachfrage von SPORT1.

Viel daran ändern können die Kombinierer jedoch nicht, weshalb sich ein Gefühl der Machtlosigkeit breit macht. „Wir Athleten können echt wenig machen und das stört mich natürlich. Ich sehe, dass einfach wenig passiert von der FIS-Seite her“, merkte Geiger an.

Zum Ärger von Armbruster: Kombiniererinnen müssen zuschauen

Doch im Vergleich zu den Kombiniererinnen sind die Quoten-Sorgen der Männer zumindest aktuell noch Luxusprobleme. Während die männlichen Kollegen seit 1924 bei Olympia dabei sind, gibt es erst seit 2020/21 überhaupt eine Weltcup-Serie für die Frauen. Für Olympia wurden sie vom IOC sowohl für Peking 2022 als auch für Mailand/Cortina nicht berücksichtigt.

Damit ist die Nordische Kombination in Italien die einzige Sportart, bei der nur die Männer antreten dürfen. Eine Entscheidung, die für die deutsche Gesamtweltcupsiegerin Nathalie Armbruster auf SPORT1-Nachfrage „im 21. Jahrhundert absolut nicht nachvollziehbar“ ist.

Einige Topathletinnen zogen deshalb bereits Konsequenzen: Weltmeisterin Gyda Westvold Hansen aus Norwegen und die WM-Dritte Lisa Hirner aus Österreich wechselten extra zu den Spezialspringerinnen, um sich den Olympiatraum zu erfüllen.

Für die Deutsche war dies keine Option, auch wenn sie zugab, dass es „sehr schmerzhaft“ sein wird, das Event aus der Ferne verfolgen zu müssen, statt sich „meinen Kindheitstraum zu erfüllen“.

Alle oder keiner? Diese Möglichkeiten gibt es

Für die Zukunft gibt es aufgrund der geforderten Geschlechtergleichbehandlung zwei Optionen: Entweder wird die Nordische Kombination zukünftig als große Familie bei Olympia zugelassen – oder keines der Geschlechter.

„Die Damen haben sich sehr gut entwickelt, es wurden ihnen Hausaufgaben mitgegeben und ich glaube, die wurden sehr gut erfüllt. Somit kann schon noch Hoffnung da sein, dass das IOC im Frühjahr den Daumen für uns hebt und sagt, wir werden weiter an Olympia teilhaben können“, versucht Frenzel positiv zu bleiben.

Dem schloss sich auch Armbruster an: „Wir hoffen einfach, dass das IOC hinschaut, (…), dass sie sehen, wie enorm sich unser Niveau gesteigert hat in den vergangenen Jahren und dass wir Damen es auch verdient hätten, bei Olympia dabei zu sein und dass sie 2026 im Mai dann die einzig richtige Entscheidung treffen.“

Nicht weniger als die Zukunft einer ganzen Sportart steht dabei auf dem Spiel.