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Verfolgt von Spionen: Die unglaubliche Geschichte der Olympia-Rebellin

Die Olympia-Rebellin

Alysa Liu hat ihr vielbeachtetes Comeback vergoldet. Der Olympiasieg ist für die US-Eiskunstläuferin auch ein ganz persönlicher Erfolg.
Eiskunstlauf-Superstar Ilia Malinin darf sich über Olympia-Gold freuen. Dabei ließ sich das Wunderkind einen besonderen Sprung nicht nehmen ...
Alysa Liu hat ihr vielbeachtetes Comeback vergoldet. Der Olympiasieg ist für die US-Eiskunstläuferin auch ein ganz persönlicher Erfolg.

Alysa Liu unterzog ihr Gold einem kräftigen Biss-Test, dann hielt die frisch gekürte Olympiasiegerin ihre Medaille in die Kameras und streckte vergnügt die Zunge heraus. Frech, fröhlich und frei - auch im größten Moment ihrer Karriere blieb sich die Eiskunstläuferin treu.

Die Milano Ice Skating Arena hatte die 20-Jährige zuvor in eine Bühne verwandelt, die Kür war ihr Konzert, wie ein Pop-Star auf dem Eis elektrisierte sie mit einem Lächeln und purer Energie die Zuschauer. Und hätten es die Regularien erlaubt, Liu hätte ganz sicher sofort eine Zugabe gegeben.

„Als ich auf dem Eis gestanden und die Jubelrufe gehört habe, habe ich mich diesem Publikum so verbunden gefühlt“, sagte Liu nach ihrer Traum-Kür bei den Olympischen Winterspielen in Mailand: „Ich möchte wieder da draußen sein.“

US-Star Malinin begeistert

Liu hatte die Japanerinnen Kaori Sakamoto und Ami Nakai zum Abschluss der Eiskunstlauf-Wettbewerbe auf die Plätze verwiesen. Erstmals seit Sarah Hughes vor 24 Jahren gewann wieder eine US-Läuferin die Frauen-Konkurrenz. Auf der Tribüne jubelten Freunde und Familie, auch Landsmann Ilia Malinin, der bei den Männern als hoher Favorit denkwürdig gescheitert war, spendete begeistert Beifall für den Höhepunkt einer besonderen Comeback-Story.

„Diese Reise war unglaublich. Ich habe nichts zu beklagen und bin für alles sehr dankbar“, sagte Liu. Am Donnerstagabend war sie für sich gelaufen, sicher auch für ihre Liebsten, aber nur bedingt für eine Medaille.

Sie liebe es, Athletin zu sein, sagte die Star-Läuferin aus Clovis/Kalifornien einmal. In erster Linie versteht sich Liu aber als Künstlerin. „Der Wettkampf ist eher eine Bühne für die Darbietung“, erklärte sie im 60-Minutes-Interview vor den Spielen.

Das ist ihr Empfinden, ihre Sichtweise, ihre Meinung. Eine zu besitzen und zu vertreten, ist ihr wichtig - und Beispiel für den Reifeprozess, den Liu bewältigt hat. Einst war sie ein Wunderkind, mit 13 Jahren stand sie als jüngste Läuferin den dreifachen Axel.

Auf Olympia folgt Sport-Aus

Ein außergewöhnliches Talent ist jedoch nicht genug. Nur Fleiß und Arbeit führen zum Erfolg. Liu erinnert sich an eine „abnormale“ Kindheit durch das tägliche Training. Eiskunstlauf sei wie ein Job gewesen: „Als Kind weißt du nicht, was du willst. Auf dem Eis zu stehen, fühlte sich an wie eine Verantwortung, eine Bürde.“ Trainer bestimmten ihr Outfit und zu welcher Musik sie zu laufen hatte. Auch auf ihre Ernährung nahmen sie Einfluss.

Mit 16 Jahren - wenige Monate nach ihrem Olympia-Debüt in Peking (6. Platz) - hatte Liu genug. Der Sport war zum Käfig geworden. Liu brach aus. Sie reiste, flog nach Nepal, wanderte ans Basecamp des Mount Everest, machte Roadtrips mit Freunden. Sie ging ans College für ein Psychologie-Studium. Ihren Instagram-Account löschte sie, um dem Eiskunstlauf-Algorithmus zu entfliehen.

Liu ließ das Kind hinter sich und kam zurück als junge Erwachsene, als gereifte Person mit großem Selbstbewusstsein und gefestigtem Ich. Sie trägt blondierte Strähnen im dunklen Haar, was aussieht wie ein Heiligenschein. Wenn sie lächelt, blitzt ein Piercing unter ihrer Oberlippe hervor. Gestochen hat sie es selbst.

Zwischen Spionage, FBI und Filmfigur

„Sie ist eine Rebellin, ein Freigeist und mir in vielen Aspekten sehr ähnlich“, sagt ihr Vater Arthur Liu, der einst in China pro-demokratische Demonstrationen organisierte und 1989 aus der Heimat in die USA floh.

Von der chinesischen Regierung konnte das Duo aber nicht vollständig entfliehen. Kurz vor den Olympischen Spielen in Peking 2022 wurde das Vater-Tochter-Gespann Ziel einer Spionageoperation.

Ein Mann soll sich laut The Associated Press als USOPC-Beamter ausgegeben und Familie Liu überwacht und private Informationen gesammelt haben. Das US-Justizministerium und das FBI kamen zur Hilfe. Mit Erfolg: Mittlerweile stehen fünf Männer in den USA vor Gericht.

Eine beängstigende Zeit, wie Liu berichtet: „Stell dir vor, das in so jungem Alter herauszufinden, ich meine, auf eine seltsame Weise dachte ich: ‚Bin ich in irgendeiner Streichshow?‘ Also, ist diese Welt real? Ich muss irgendeine Filmfigur sein. Aber, ich meine, es ergab für mich Sinn nach allem, was mein Vater damals als Aktivist gemacht hat.“

Trennung vom Vater als Erfolgsrezept

Zwei Jahre im Eiskunstlauf-Exil waren seiner Tochter genug. Zur Saison 2024/25 kehrte sie nach zweieinhalbjähriger Pause aufs Eis zurück. Allerdings ohne ihren Vater als Teil des Trainerteams. „Sie kam in meinem Büro auf mich zu und sagte: ‚Ich habe eine sehr wichtige Neuigkeit: Ich möchte wieder Schlittschuh laufen‘“, erzählte Liu gegenüber der New York Times.

Der Vater gestand mit Tränen in den Augen: „Und dann sagte sie mir, dass ich überhaupt nicht mehr dabei sein würde, dass ich nicht mehr Teil des Teams sei. Ich muss ehrlich sein, das hat wehgetan.“ Mit der Zeit sei ihm aber klar geworden, seine Tochter gehen lassen zu müssen, und er erkannte, dass sie ihren eigenen Weg gehen wollte.

Nun hat sie die Kontrolle - über ihre Musik, ihre Kür, ihre Kostüme. Und besitzt nach dem Erfolg im Teamevent zwei olympische Goldmedaillen.

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Mit Sport-Informationsdienst (SID)