Profi-Snowboarder Leon Vockensperger gelang 2022 der erste deutsche Sieg im Slopestyle-Weltcup der Herren. Die diesjährigen Olympischen Winterspiele konnte der 26-Jährige allerdings nur als Zuschauer verfolgen, da er die Qualifikationskriterien des Events nicht erfüllt hatte. In Peking hatte er vor vier Jahren erste Erfahrungen bei Olympia sammeln können.
Wintersport: "Für Athleten ist es der krasseste Psychoterror"
„Für Athleten ist es Psychoterror“
Im SPORT1-Interview spricht Vockensperger exklusiv über den Druck bei Olympia, die deutsche Sportförderung und die Zukunft seiner Wintersport-Disziplin angesichts des Klimawandels.
Olympische Winterspiele mehr genossen als je zuvor
SPORT1: Herr Vockensperger, Sie haben die Olympischen Winterspiele in Mailand/Cortina leider verpasst. Sie waren trotzdem als Markenbotschafter in Italien vor Ort. Konnten Sie die Spiele trotzdem genießen?
Leon Vockensperger: Tatsächlich konnte ich die Spiele mehr genießen als je zuvor. Für Athleten sind Olympische Spiele der krasseste Psychoterror. Erst wenn der eigene Wettkampf vorbei ist, kann man dieses Ereignis wirklich ohne Druck genießen. Insofern war es eine spannende Erfahrung, die Spiele einmal von außen zu betrachten und meine Teamkollegen sowie Freunde anzufeuern. Ich habe das sehr genossen. Gleichzeitig hat es in mir auch wieder den Ehrgeiz geweckt.
SPORT1: Um Ihre Ziele im Leistungssport zu erreichen, haben Sie in Ihrer Jugend ein privates Wintersportinternat besucht. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?
Vockensperger: Die Zeit im Internat war sehr prägend. Mit 13 Jahren von zu Hause wegzugehen, ist natürlich ein großer Schritt. Man lernt früh, selbstständig zu sein. Gleichzeitig vermisst man seine Familie und seine Freunde. Als Snowboarder war ich dort zudem eher jemand, der nicht ganz in das klassische Bild gepasst hat. Trotzdem habe ich relativ früh gelernt, damit umzugehen. Rückblickend hat mir diese Zeit sehr geholfen. Gerade schulisch war ich vorher nicht besonders motiviert. Im Internat galt die klare Regel: Nur mit ordentlichen Noten darf man auch trainieren und snowboarden. Das hat mir einen echten Anreiz gegeben zu lernen. Dafür bin ich heute sehr dankbar. Ich finde es großartig, dass es solche Schulen gibt.
Sportförderung mit Licht und Schatten
SPORT1: Wie bewerten Sie die Sportförderung in Deutschland insbesondere beim Snowboarden im Vergleich zu anderen Wintersport-Nationen?
Vockensperger: Es gibt Nationen, die es besser machen, und Nationen, die es schlechter machen. Ich bin zum Beispiel sehr dankbar für Dinge wie die Sportfördergruppen der Behörden. Sie geben Athleten einen Arbeitsvertrag, eine Versicherung und ein geregeltes Grundeinkommen. Das ist eine wichtige Grundlage. Gleichzeitig müssen viele Sportler einen großen Teil dieses Geldes wieder in ihren Sport investieren – etwa für Lehrgänge, Trainingsmaßnahmen oder Flüge zu den Wettkämpfen. Gerade im Snowboarden kommen da schnell hohe Kosten zusammen. Deshalb wünsche ich mir, dass in diesen Bereich mehr investiert wird. Oft wird erwartet, dass Athleten Medaillen gewinnen, bevor die Förderung erhöht wird. Aus meiner Sicht ist die Logik aber umgekehrt: Man muss zuerst investieren, damit überhaupt die Voraussetzungen entstehen, um später Medaillen gewinnen zu können.
SPORT1: Während der Olympischen Winterspiele in Mailand/Cortina wurden deutsche Sportler bei ausbleibenden Medaillenerfolgen von der Presse und vor allem in den sozialen Netzwerken teils heftig kritisiert. Haben Sie das Gefühl, dass diese Kritik zunimmt?
Vockensperger: Öffentlicher Druck auf Sportler ist grundsätzlich nichts Neues. Was sich allerdings verändert hat, ist die Geschwindigkeit und Intensität der Kritik. Früher stand Kritik vielleicht am nächsten Tag in der Zeitung. Heute wird man über soziale Medien rund um die Uhr damit konfrontiert. Gerade für Athleten kann das eine enorme Belastung sein. Man sieht ja auch, dass Themen wie Depressionen oder mentale Gesundheit immer präsenter werden. Wenn man das auf den Leistungssport überträgt, merkt man, wie vorsichtig man mit solchen öffentlichen Bewertungen sein muss. Social Media ist dabei ein zweischneidiges Schwert: Einerseits braucht man diese Plattformen, um sich zu präsentieren. Andererseits macht einen genau das auch sehr angreifbar für Kritik oder Hasskommentare.
Vockensperger sorgt sich nicht trotz Klimawandel
SPORT1: Haben Sie Lösungsansätze, wie sich Sportler vor solchen verbalen Angriffen besser schützen können?
Vockensperger: Ich glaube, ein wichtiger Punkt ist ein bewusster Umgang mit sozialen Medien. Wenn man Social Media nutzt, sollte das kontrolliert passieren und nicht automatisch aus Gewohnheit. Während der Wettkämpfe versuche ich mich möglichst gar nicht mit Social Media zu beschäftigen. Ich bin sehr dankbar, dass ich mir ein Team aufbauen konnte, das sich um diese Themen kümmert und mir den Rücken freihält. Dadurch muss ich nicht selbst ständig Inhalte posten oder auf Plattformen aktiv sein. Ich kann mich auf meinen Sport konzentrieren und weiß, dass mein Team die Kommunikation nach außen im Blick hat. Wenn man diese Möglichkeit hat, kann das ein sehr guter Weg sein.
SPORT1: Snowboarden und vor allem die Disziplin Big Air erfordern viel Schnee. Wie sehen Sie angesichts des Klimawandels die Zukunft des Sports?
Vockensperger: Der Klimawandel ist für mich im Training auf den Gletschern täglich präsent. Gleichzeitig benötigt die Disziplin Big Air nicht zwingend enorme Schneemengen. In Italien wurde die Anlage zwar sehr aufwendig gebaut und dafür viel Schnee verwendet. Es gibt aber auch andere Lösungen. Bei den Olympischen Spielen in China zum Beispiel stand eine feste Rampenkonstruktion, auf der lediglich etwa ein Meter Schnee aufgebracht wurde. Im Vergleich zu anderen Anlagen ist das eine sehr effiziente Nutzung von Schnee. Deshalb mache ich mir speziell um die Zukunft der Disziplin Big Air derzeit keine großen Sorgen.
SPORT1: Welche Ziele haben Sie bis zu den Olympischen Winterspielen 2030?
Vockensperger: Mein klares Ziel ist es, 2030 bei den Olympischen Winterspielen in Frankreich an den Start zu gehen. Für mich wäre das etwas ganz Besonderes, weil die Spiele wieder in Europa stattfinden. Nach den Erfahrungen in China wünsche ich mir sehr, Olympische Spiele auch einmal näher an der Heimat zu erleben. Mit meiner Familie und vielen bekannten Gesichtern vor Ort.