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Deutschland? "Es ist traurig zu sehen"

Deutschland? „Bin sehr enttäuscht“

Nach seinem Karriere-Ende ist Johannes Thingnes Bö als TV-Experte Teil der Olympischen Spiele. Im SPORT1-Interview spricht der Rekord-Biathlet über die enttäuschenden Ergebnisse der Deutschen und verrät, was er Franziska Preuß wünscht und wie sein neues Leben aussieht.
Im exklusiven SPORT1-Interview aus dem Adidas-Haus in Cortina richtet Johannes Thingnes Bö emotionale Worte an Laura Dahlmeier.
Nach seinem Karriere-Ende ist Johannes Thingnes Bö als TV-Experte Teil der Olympischen Spiele. Im SPORT1-Interview spricht der Rekord-Biathlet über die enttäuschenden Ergebnisse der Deutschen und verrät, was er Franziska Preuß wünscht und wie sein neues Leben aussieht.

Johannes Thingnes Bö gilt als einer der besten Biathleten der Geschichte. Rekordweltmeister, fünfmaliger Gesamtweltcup-Sieger, 88 Weltcup-Siege und fünf olympische Goldmedaillen - die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.

Inzwischen ist der Norweger Biathlon-Rentner, doch ganz ohne seinen Sport kann er nicht. Die olympischen Biathlon-Rennen in Antholz begleitet er deshalb als TV-Experte für das norwegische Fernsehen.

Bei einem kleinen Abstecher ins Adidas-Haus in Cortina nahm er sich zudem die Zeit, mit SPORT1 zu sprechen. Im Interview verrät er, wieso er von dem deutschen Team enttäuscht ist, was er Franziska Preuß für ihr letztes Olympia-Rennen mitgibt und wie sein Leben nach dem Profisport aussieht.

Biathlon-Legende über Rücktritt: „Hatte das beste Jahr“

SPORT1: Herr Bö, Sie wollten ursprünglich noch als Athlet hier bei Olympia antreten, dann haben Sie sich doch dazu entschieden, Ihre Karriere nach der vergangenen Saison zu beenden. Kribbelt es doch noch mal, jetzt, wo Sie die Wettkämpfe hier hautnah verfolgen?

Johannes Thingnes Bö: Nein, das ist kein Thema für mich. Als ich mit dem Biathlon aufgehört habe, habe ich auch die Möglichkeit aufgegeben, zurückzukommen und mit anderen zu konkurrieren. Nach den ersten Rennen hier habe ich mir aber die Ergebnisse angeschaut, weil ich einfach ein Gefühl dafür bekommen wollte, welche Platzierungen ich vielleicht hätte erreichen können, wenn ich weitergemacht hätte, vor allem in der Männer-Staffel. Ich bin immer noch gut mit dem Team befreundet und ich war sehr nervös vor dem Rennen. Es ist immer noch in meiner DNA, mich messen zu wollen.

SPORT1: Das Karriereende ist oft ein großer Einschnitt im Leben eines Profisportlers. Wie leicht fiel Ihnen der Schritt ins „normale“ Leben?

: Es war eine einfache Umstellung. Bis Weihnachten vorletztes Jahr war ich mir immer noch sicher, dass ich bei diesen Olympischen Spielen dabei sein werde. Aber es hat sich über Nacht geändert, und sobald du anfängst, darüber nachzudenken, ist die Entscheidung schon gefallen. Nachdem ich zurückgetreten war, hatte ich das beste Jahr. Ich habe so viel Zeit damit verbracht, mit meinen Kindern zu spielen und eine schöne Zeit mit meiner Frau zu haben. Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns auf dieser Erde bleibt. Ich habe viel im Biathlon erreicht und jetzt kann ich meine Zeit für andere Dinge nutzen, die ich gern tun würde.

Mikrofon statt Gewehr: Bö mit neuer Rolle

SPORT1: Sie sind nun als Experte für das norwegische Fernsehen hier. Wie taugt Ihnen diese neue Aufgabe?

: Es ist eine neue Rolle für mich. Ich kenne die norwegischen Athleten, ich kenne das Team, die Trainer und auch ihre Stärken und Schwächen. Aktuell habe ich noch viel Wissen, aber wenn das Team sich ändert, wird sich das vielleicht ändern. Aber es ist eine große Freude, fürs Fernsehen zu arbeiten.

SPORT1: Ihr ehemaliger Teamkollege Vetle Sjaastad Christiansen hat mit einem Augenzwinkern gesagt, dass sie den Zuschauern als Experte den Spaß verderben würden, weil sie zu viel wissen. Was entgegnen Sie darauf?

Bö: Ja, ich hatte einige Momente, da habe ich Dinge vorhergesagt und dann sind sie zwei Minuten später tatsächlich passiert. Aber ich habe auch mal gesagt: „Vermutlich sehen wir heute viele Athleten, die rechts daneben schießen.“ Und der nächste Athlet, der an den Schießstand kam, hat dann nur links daneben geschossen. Also ich bin nicht in allen Dingen ein Experte (lacht).

Emotionale Worte nach Dahlmeier-Tod

SPORT1: Es gab ein bisschen Unruhe im norwegischen Team nach dem Seitensprung-Geständnis von Sturla Holm Lägreid - und weil Martin Uldal über seine Nicht-Nominierung im Sprint unzufrieden war. Machen Sie sich Sorgen, was die Teamchemie betrifft?

: Ja, das könnte ein Problem sein. Es ist schwer, in einem Team wie Norwegen zu sein. Im Weltcup gibt es sechs Plätze, aber hier bei Olympia sind es nur vier und das verändert vieles. Es gibt potenzielle Medaillengewinner, die nicht mal an den Start gehen können. Das gehört zum Spiel dazu, wenn du in Norwegen geboren wirst.

SPORT1: Vor wenigen Monaten ist Laura Dahlmeier auf tragische Art und Weise verstorben. Sie haben viel Zeit gemeinsam im Weltcup verbracht. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen und welches Vermächtnis hinterlässt sie für den Biathlon-Sport?

: Laura und ich sind beide im Jahr 1993 geboren. Sie war die erste Athletin, die ich bei den Junior-Weltmeisterschaften getroffen habe. Wir haben uns über viele Jahre immer im Blick behalten, bevor sie verstorben ist. Sie hat alles gewonnen, was man gewinnen kann. Sie war eine unglaubliche Sportlerin, vermutlich die beste deutsche Biathletin neben Magdalena Neuner. Sie hatte immer ein großes Lächeln auf den Lippen, immer Spaß am Sport, aber auch eine größere Perspektive neben dem Sport. Sie ist ein tolles Vorbild für alle Biathleten und den Nachwuchs gewesen und auch generell für alle Menschen, dass man die Chance ergreifen sollte, im Leben das zu tun, was man tun möchte, und nichts zu bereuen.

Biathlon-Legende mit Rat an Preuß

SPORT1: Wie bewerten Sie die Leistungen der deutschen Mannschaft bei diesen Olympischen Spielen?

: Ich bin sehr enttäuscht von den Deutschen. Sowohl die Damen als auch die Herren waren nicht gut genug. Norwegen und Frankreich haben inzwischen einen großen Vorsprung auf die anderen Nationen und es ist traurig zu sehen, dass Deutschland nur eine Bronze-Medaille gewonnen hat, weil es ein wichtiges Land für den Biathlon-Sport ist. Dort ist Biathlon am populärsten. Es ist wichtig für uns, Deutschland auf dem Podium zu haben. Franzi (Preuß; Anm. d. Red.) war nah dran, sie hat das Podest zwei-, oder dreimal knapp verpasst. Dann könnte alles anders aussehen. Das ist auch der Grund, warum wir Biathlon lieben, aber wenn es am Ende nicht gut für dich ausgeht, dann ist es eine der schlimmsten Sportarten. Sie müssen in Deutschland irgendeine Art von Veränderung vornehmen, um zurück (an die Spitze; Anm. d. Red.) zu kommen, denn wir wissen, dass sie die Möglichkeiten dazu haben.

SPORT1: Was würden Sie Franziska Preuß für den Massenstart mitgeben, der ja das letzte Olympia-Rennen ihrer Karriere ist?

Bö: Ich würde Franzi einfach viel Glück wünschen und sagen: „Entspann dich, habe Spaß.“ Ich glaube an eine Medaille für Franzi im Massenstart, das tue ich wirklich.

Das plant der Norweger in der Zukunft

SPORT1: Noch einmal zu Ihnen zurück: Nach Ihrer Karriere sind Sie einen Marathon gelaufen und haben gesagt, das war die „dümmste Idee“. Was haben Sie noch geplant in naher Zukunft? Welche Träume wollen Sie sich noch erfüllen?

Bö: Ich habe so viele Träume. Und ich mag es, mich herauszufordern. Nachdem ich so viele Jahre Biathlon betrieben habe, hat man viel Zeit damit verbracht, sich auf Wettkämpfe vorzubereiten, aber jetzt fordere ich mich einfach gern heraus und gehe einfach so in solche Rennen rein. Ich hatte keine Vorbereitung, daher war der Marathon in den Bergen sehr hart. Ich möchte auch andere Sportarten ausprobieren, Golf und Tennis zum Beispiel. Ich habe gerade damit begonnen, Fußball in einer Mannschaft zu spielen. Ich lege gerade erst los. Ich werde meine eigenen Olympischen Spiele zu Hause ausrichten mit verschiedenen Sportarten (lacht).